Die verrutschte Seele

Was treibt uns an? Täglich erfüllen wir unsere Grundbedürfnisse, wir essen, trinken, schlafen, unterhalten uns mit anderen Menschen, wir gehen zur Arbeit und meistern unsere Pflichten und Aufgaben. Wir lieben, hoffen und wünschen und irgendetwas lässt uns glauben, dass das alles schon seinen Sinn hat und wir auf dem richtigen Weg sind. Und dann passiert plötzlich etwas Unvorhergesehenes, etwas reißt uns aus dem Fluss des Lebens und wir stehen wie gelähmt da. Krankheit, Jobverlust, Abschied, Tod… das Leben bringt die meisten von uns immer wieder an Punkte, an denen wir nicht weiter wissen. Wir hadern mit dem Schicksal, zweifeln an uns selbst und verzweifeln an der Welt. Ich schreibe „wir“, weil ich mit meinen 44 Jahren kaum einen Menschen getroffen habe, der nicht die eine oder andere Krise hatte. Was ich mich frage, ist, wie meistern wir Krisen und warum tun sich die einen so schwer und die anderen viel leichter. Was treibt die Menschen an, weiter zu machen, wenn das Leben in seine Einzelteile zerfällt und die Seele vor Schmerz aufschreit? Eine gute Freundin von mir nannte das mal den Zustand der verrutschten Seele – ich finde das sehr passend.

Wenn ich male, denke ich vorher kaum darüber nach, was genau ich auf die Leinwand oder zu Papier bringen möchte. Trotzdem oder gerade deshalb zieht sich ein Thema wie ein roter Faden durch meine Arbeiten: das Kleine spiegelt sich im großen Ganzen und alles Leben strebt zur Einheit. Ich selbst habe nur eine nebulöse Vorstellung davon, wie diese Einheit aussehen mag. Alles andere wäre für ein Menschenkind wohl auch zu viel verlangt. Ich habe aber eine Ahnung, dass all unser tägliches Machen und Tun und Streben uns nicht wirklich der Einheit näher bringt. Oder doch? Ist es am Ende völlig egal, was wir tun? Geht es nur um den Moment und ein Leben in Achtsamkeit, wie Jon Kabat Zinn es zum Beispiel lehrt? Ich finde, im Hier und Jetzt zu sein kann unglaublich langweilig sein, ich tue mich mit den verschiedenen Achtsamkeitsübungen teilweise sehr schwer. Aber manchmal, wenn es gut läuft, erreiche ich mit der Konzentration auf den Atem und meine gegenwärtigen Empfindungen einen Zustand der Ruhe, der unvergleichlich ist. Dann habe ich das Gefühl, das alles an seinem richtigen Ort und alles in bester Ordnung ist. Leider gelingt mir das viel zu selten und wie Achtsamkeit mit einem durchschnittlichen Alltag in Einklang zu bringen ist, ist mir auch ein Rätsel. Aber vielleicht erwarte ich zu viel?

Eure rätselnde Merle

dav
Verrutschte Seele (Juli 2018, Kreide auf Papier)

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