Bin das ich?

Ein  weiteres Spannungsfeld: unsere Persönlichkeitsanteile und solche, die wir dafür halten. Wenn ich handle, tue ich das aus einem eigenen Impuls heraus oder folge ich Vorstellungen und Bewertungen anderer? Wie oft habe ich mich schon gefragt, „ist das jetzt meins oder gehört das eigentlich gar nicht zu mir?“ Um das Phänomen an einem Beispiel zu zeigen: In dem Haus, in dem ich wohne, gibt es eine Nachbarin, die unfassbar laut ist. Sie schreit und schimpft oft und lässt ihre Wut scheinbar auch öfter an ihrem Mobiliar aus, zumindest hört es sich so an. Wenn sie tobt und flucht, in ihrer Wohnung oder vor dem Haus, sitze ich verängstigt und wie gelähmt da, meine Gedanken fangen an zu rotieren und ich fühle mich ausgeliefert, in Gefahr. Über Monate habe ich mit mir selbst diskutiert und mich gefragt, wie mich das so sehr aus der Balance bringen kann. Schließlich bin ich durchaus in der Lage, das Verhalten einzuordnen und weiß zum Beispiel, dass es nicht gegen mich gerichtet ist. Nun, heute in der Früh, erinnerte ich mich plötzlich, wie ich als Kind oft voller Angst in  meinem Kinderzimmer saß, wenn meine Mutter nebenan in der Küche fluchte und fuhrwerkte. Damals konnte ich das Verhalten nicht einordnen, es jagte mir einen gehörigen Schrecken ein und offensichlich habe ich das Erleben abgespeichert und heute wird es abgerufen, sobald jemand laut wird. Meine kindlichen Anteile sind dann aktiv und beherrschen meine Wahrnehmung und mein Empfinden. Und natürlich gehören diese Anteile zu mir, man kann sagen, dass jede Erfahrung mich zu der gemacht hat, die ich heute bin. Aber stimmt das wirklich? Bin ich tatsächlich das Produkt meiner Erfahrungen oder bin ich nicht eigentlich viel freier, weil ich einen Persönlichkeitskern, ein unverrückbares Ich habe? Dieses Ich hat zum Beispiel Mitgefühl für meine Nachbarin und ist in der Lage, in das Bild von ihr auch ihre freundliche Art einzubeziehen, wenn man sich im Hausflur begegnet. Dagegen gibt es auch eine Stimme in mir, die sie verurteilt, die ärgerlich und wütend auf sie ist und sie für verrückt hält. „So was macht man nicht, so kann man sich doch nicht aufführen, das ist eine Unverschämtheit!“ Sätze, die dieses „man“ beinhalten, sind gefährlich. Bei mir sind sie in der Regel Ausdruck von Bewertungen und Schubladendenken, das ich von der Gesellschaft übernommen habe. Auch hier würde ich sagen, das ist nicht wirklich meins, aber ich habe es mir angeeignet. Ich denke, dass das ein Phänomen ist, das zu uns Menschen gehört, aber wir haben ebenso die Möglichkeit und Freiheit uns zu entscheiden, was wirklich zu unserem Ich, zu unserer Persönlichkeit gehört. Sind wir uns unseres Selbst bewusst, ist es möglich, unsere unabhängige, ureigene Stimme in uns zu hören und zu unterscheiden zwischen angelerntem, übernommmenen Gedanken und solchen, die unserem Ich entsprechen. Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, von einem wahren Ich zu sprechen, denn natürlich abstrahiere ich hier Dinge, die sich in Wahrheit überschneiden und so einfach ist es eben nicht, die Anteile und inneren Stimmen immer zuzuordnen. Aber ich stelle die Behauptung auf, dass es grundsätzlich möglich und erstrebenswert ist, genau hinzuschauen und sich auf die Suche nach dem eigentlichen, individuellen Kern zu machen und sich öfter mal zu fragen: bin das ich?

dav

Spuren (Oktober 2016, Acryl auf Holz)

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