
Eine der sieben Säulen der Achtsamkeit, wie sie zum Beispiel Jon Kabat Zinn, aber auch der Buddhismus lehrt, ist die Wertfreiheit. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber für mich ist das eine der schwierigsten Übungen überhaupt. Wenn mir der Bus vor der Nase davon fährt oder das Essen im Restaurant nicht schmeckt, dann kann ich das wertfrei als Erfahrung abhaken. Aber weitaus tiefer gehende Erfahrungen wie ein Vertrauensbruch in einer wichtigen Beziehung, finanzielle Not, oder Krankheit und Tod eines geliebten Wesens, sind schwer erträglich und für mich kaum wertfrei zu betrachten.
Mir ist bewusst, dass ich dabei auch durch Erziehung und soziale Prägung beeinflusst bin. Unsere Gesellschaft schließt bestimmte Themen, die zum Leben dazu gehören, aus, beziehungsweie verdrängt sie mehr oder weniger erfolgreich. Das Ideal des Individuums als jung, sportlich und dynamisch wird uns dauerhaft und auf vielen Ebenen eingeimpft und Krankheit oder Misserfolg oft als persönliches Versagen gesehen. Wer nicht mithalten kann im rat race hat selbst was falsch gemacht und läuft Gefahr, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder zumindest an den Rand gedrängt zu werden. Ganz zu schweigen vom Thema Tod, der aus meiner Sicht in unserer Kultur zu sehr verdrängt wird und eben nicht als Teil des Lebens begriffen wird.
Wir haben alle von klein auf gelernt, zu bewerten und es fällt uns in der Regel gar nicht auf, dass wir ständig bewerten. Dabei ist unser Verstand wie eine nimmer müde Rechenmaschine, die ständig wertet und einordnet als richtig oder falsch, gut oder schlecht. Wie ist es möglich, aus diesem Karussel auszusteigen und achtsam, also wertfrei zu beobachten, die jeweilige Erfahrung in keine Schublade zu stecken sondern sie einfach als solche wahrzunehmen?
Nach meinem Verständnis ist es am wichtigsten, den inneren Beobachter zu stärken und zu üben, jede Erfahrung, die ich mache, neutral zu beschreiben. Ich versuche dies seit ein paar Jahren und bin oft frustriert dabei, aber nach allem, was ich höre und lese, ist das der Weg zur Wertfreiheit. Angenommen, ich habe Kopfschmerzen, dann beschreibe ich, wo ich diese Schmerzen wahrnehme, welche Qualität sie haben (ziehend, stechend, hämmernd…) und gegebenenfalls, wie sie vor meinem inneren Auge aussehen. Vielleicht haben sie eine Farbe oder eine bestimmte Form. So weit so gut. Allerdings kann ich bei mir feststellen, dass ich teilweise nur noch mit Beschreiben und Beobachten beschäftigt bin und nicht mehr wirklich lebe. Es stellt sich Müdigkeit ein, zum Teil Langeweile, und obwohl ich gelernt habe, dass auch dies wertfrei zu akzeptieren ist, finde ich Achtsamkeit und Wertfreiheit in solchen Momenten furchtbar. Noch schlimmer wird es natürlich, wenn mir etwas richtig ans Herz geht, wie beispielsweise die chronische Krankheit meiner Katze, oder Konflikte in einer Freundschaft… dann möchte ich manchmal die Achtsamkeit auf den Mond schießen und bin fast bereit, das gute, alte Drama wieder auszuagieren. Ich sage „fast“, weil ich es in der Regel dann doch durch Atemübungen beispielsweise verhindern kann, aber ein souveräner, mitfühlender Umgang mit starken Emotionen sieht anders aus. Da habe ich noch ein gutes Stück Weg zu gehen.
Deshalb freue ich mich von Euch zu hören, wie ihr mit dem Thema Wertfreiheit umgeht, was fällt Euch schwer, was leichter. Was hilft Euch dabei, nicht ins emotionale Drama zu rutschen?
Eure gespannte Merle