Loslassen

dav

Chiemsee, August 2016

Beim Thema Loslassen muss ich immer an den schönen Spruch denken: „Herr, gib mir Geduld, aber zackig!“ Ich bin kein geduldiger Mensch, oh nein. Die Dinge auf mich zukommen zu lassen gelingt mir nur selten. Ich hätte gerne immer alles sofort und nach meinem Geschmack geregelt und geklärt und wenn das nicht funktioniert, wird es ungemütlich in mir. Nicht mit mir; ich lasse meinen Frust nicht an anderen aus sondern beginne zu grübeln und Szenarien im Kopf zu entwickeln und vergesse dabei vollkommen, dass Vieles im Leben einfach nicht planbar ist. Mir selbst einzugestehen, dass ich nicht weiß, was passieren wird, ist unfassbar schwer. Ich weiß nicht, wie lange meine Kater noch leben wird, ich weiß nicht, ob ich meinen Job behalten werde, ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob mein Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente angenommen wird und ich weiß auch nicht, ob ich mit meinem Freund alt werde. Ich plane, treffe Entscheidungen, bereite vor und mache A um B zu erreichen – aber am Ende bleibt das meiste schlicht offen, auch wenn ich mich gern der Illusion hingebe, ich hätte alles in der Hand.

Um wieder mal zur Achtsamkeit zu kommen: ein achtsames Leben bedeutet, so viel als möglich im Hier und Jetzt zu sein. Vergangenheit und Zukunft sind nicht mehr bzw. noch nicht real. Was bedeutet das aber für mein Leben konkret? Soll ich gar nicht mehr planen, alles dem Lauf der Dinge überlassen, kann ich aufhören, mir Sorgen zu machen weil ich ohnehin nicht das Ende der Geschichte kenne? Hier würde ich entschieden „nein“ sagen. Gut, sich keine Sorgen mehr zu machen wäre schon fein, aber da ich die Verantwortung für mein Leben habe, muss ich es gestalten, sonst tun das irgendwann andere für mich. Mein Leben gestalten heißt aber in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft auch, dass ich vorausschauend denken und handeln muss, sonst sitze ich irgendwann mit nichts auf der Straße – oder fehlt mir nur das Vertrauen, dass sich alles schon passend für mich ergeben wird, wenn ich loslasse?

Und was bedeutet es ein Leben zu führen, ohne Bilder über die Zukunft zu entwerfen? Ist so ein Leben erträglich? Müssen wir nicht von bestimmten Dingen erstmal ausgehen, weil wir verrückt würden, wenn wir ständig alle möglichen Szenarien präsent hätten? Ich kann mir für meinen Teil nicht vorstellen, wie es ist, ein Nichts über die Zukunft zu denken. Ohne Vertrauen darauf, dass meine Handlungen das gewünschte Ergebnis erzielen, möchte ich nicht durchs Leben gehen. Aber wahrscheinlich ist genau da eine feine Linie: zwischen festhalten und kontrollieren wollen und loslassen und vertrauen.

Vertrauen, noch so eine Königsdisziplin, die nicht jedem von uns gegeben ist. Aber ich bin fest davon überzeugt dass es sich lohnt, darum zu kämpfen, mit sich zu ringen und immer wieder tief durchzuatmen, um ein Stück näher zu mir selbst zu kommen.

So verbleibe ich heute,

Eure Merle

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