Freiheit versus Sicherheit

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Nachdem ich in meinem letzten Beitrag über das Loslassen geschrieben habe, drängt sich das Thema Freiheit versus Sicherheit geradezu auf. Jeder Mensch hat sowohl das Bedürfnis nach Sicherheit als auch nach Freiheit. Die große Kunst ist es, beides so in der Balance zu halten, dass man ein freies Leben führen kann indem die Grundbedürfnisse erfüllt werden können, aber auch das Bedürfnis nach Identität, Gemeinschaft und Selbstverwirklichung. Je nach individueller Persönlichkeit und kulturellem Umfeld gestaltet sich das schwieriger oder einfacher. Aber auch das Alter spielt eine Rolle: hat man einmal gewisse Entscheidungen im Leben getroffen, wie zum Beispiel eine Ausbildung und einen Beruf gewählt, sind automatisch andere Optionen ausgeschlossen. Habe ich mich zum Mediziner ausbilden lassen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit 40 doch noch als Lokführer arbeiten kann, relativ gering. Mir scheint, dass ich mich in unserer Gesellschaft mit zunehmenden Alter auf immer mehr Dinge festlegen muss, wenn ich bestimmte Dinge erreichen will. Sei es die Altersvorsorge, ein Eigenheim, oder, rein biologisch begrenzt, die Frage ob ich eine Familie gründen will.

Nicht zu unterschätzen bei der Frage Freiheit versus Sicherheit ist dabei die Rolle des Geldes. Geld verschafft Freiheiten und gibt ein Stück Sicherheit, kann aber gleichzeitig die Freiheit beschneiden, wenn ich für den Lohnerwerb einen anstrengenden, fordernden Vollzeitjob habe. Vielleicht fehlt mir dann sogar die Zeit, das Geld vernünftig oder vergnüglich auszugeben. Habe ich einen Job, bei dem ich sehr gut verdiene und der vergleichsweise sicher ist, wird es mir schwer fallen, ihn aufzugeben, auch wenn weder das Betriebsklima noch meine Aufgaben mir zusagen. Einen Job zu haben gilt als Sicherheit, so viel Geld zu bekommen, dass ich meine Bedürfnisse erfüllen kann und mit Glück kann ich mir darüber hinaus Annehmlichkeiten leisten. Aber ist es das wert? Wir verbringen so viel Zeit in der Arbeit, dass ich mich fragen muss, ob der Verdienst und die Sicherheit wirklich wichtiger sind als die Freiheit der Selbstverwirklichung.

Es gibt andere Beispiele zum Thema, die meiner Meinung nach viel einfacher zu entscheiden sind: sich im Auto anzuschnallen empfinden manche als unangenehm und lehnen es ab – ich würde dieses Stückchen mehr an Sicherheit niemals aufgeben für die Freiheit, ohne Sicherheitsgurt zu fahren. Es gibt genüngend Menschen, die das Benutzen von Kondomen ablehnen, weil sie es als Beschneidung ihrer persönlichen Freiheit betrachten – auch hier würde ich immer die Sicherheit vor der Freiheit wählen, die potentiellen Konsequenzen sind einfach zu weitreichend.

Ich habe die beiden Begriffe absichtlich überspitzt als Gegensatzpaar gegenüber gestellt, doch natürlich gibt es auch bereiche, in denen das so klar nicht gegeben ist und doch muss ich auch dort Freiheit und Sicherheit verhandeln. Angenommen mein Partner möchte unbedingt eine schwierige Bergtour machen – ich würde das lieber verhindern, weil ich Angst habe, dass etwas passieren könnte. Hier steht mein Sicherheitsbedürfnis dem Freiheitsbedürfnis meines Partners gegenüber und gleichzeitig bringe ich vielleicht die Beziehung aus der Komfortzone, wenn ich darauf bestehe, dass mein Partner nicht an der Bergtour teilnimmt.

Es gibt bei all dem keine Normen und Regeln an denen wir uns orientieren können. Wir sind also sozusagen frei genug, für uns selbst jeweils zu entscheiden, ob wir der Freiheit oder der Sicherheit den Vorzug geben und können individuell entscheiden. Schwierig wird dies dort, wo wir die genauen Konsequenzen unseres Handelns nicht überblicken können (wenn ich meinen Job kündige, weiß ich vorher nicht, ob ich wirklich was besseres finden werde) und wenn andere (geliebte) Menschen involviert sind. Freiheit und Sicherheit scheinen sich dabei tatsächlich wie zwei voneinander abhängige Größen in unserem Koordinatensystem zu verhalten, ich bin mir nicht sicher, ob man sagen kann, sie sind immer reziprok, also indirekt proportional zueinander, aber da wo die eine zunimmt, nimmt die andere meist ab. Mir ist bisher kein anderes überzeugendes Beispiel eingefallen.

Warum ist das so? Warum kann ich nicht beides in gleichem Maße haben? Auf politischer Ebene werden durch neue Gesetze zum Beispiel unsere Bürgerrechte beschnitten, um angeblich mehr Sicherheit im Inneren zu bekommen. Steht die Freiheit des Einzelnen wirlich der Sicherheit der Gesellschaft gegenüber? Ist mehr Freiheit immer ein weniger an Sicherheit?

Ich stelle mir Freiheit als eine nach außen strahlende, in Ausdehnung begriffene Kraft vor, während ich Sicherheit als eine haltende, eher nach innen gerichtete Kraft sehe. Vielleicht muss es deshalb immer das gegensätzliche Element zwischen den beiden geben. Vielleicht sind mir aber auch nur nicht genügend Gegenbeispiele eingefallen.

Vielleicht habt Ihr ja den Gegenbeweis, liebe Leser, ich freue mich über Eure Kommentare!

Eure wieder mal rätselnde Merle

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