
Kennt Ihr das? Der Kollege erzählt vom Traumurlaub, die Schwester vom neuen Job, in der politisch korrekten Illustrierten ist ein Artikel über gesundes Essen, das auch noch schlank macht – und schon fängt der kleine Mann im Ohr an zu nörgeln und zu meckern, dass er ja eigentlich auch schon lange mal so einen tollen Fernurlaub machen wollte, den Job zu wechseln hält er auch für eine richtig gute Idee, weil er neidisch ist auf die interessanten Aufgaben der Schwester und das Körpergewicht gehört sich sowieso schon lange reduziert. Wieso nur bekomme ich meinen Allerwertesten nicht hoch, warum sind alle anderen so erfolgreich und schön und warum in aller Welt schaffe ich es nicht, das Richtige zu tun?! Das Richtige Tun. In null Komma nichts habe ich vergessen, warum ich diese Art von Reisen eigentlich nicht mag und dass ich höllische Flugangst habe; ich weiß auch nicht mehr, dass es gute Gründe für mich gibt, in meinem Job zu bleiben und dass mein Gewicht völlig in Ordnung ist, dass weiß ich leider ohnehin viel zu selten, da hat der kleine Mann im Ohr immer leichtes Spiel.
Ich hör jetzt auf damit, ich kündige dem kleinen Mann in meinem Ohr. Es reicht. Viel zu lange habe ich zugelassen, dass er mich runter macht, weil ich keine tolle berufliche Karriere hingelegt habe. Ich bin verunsichert und fühle mich klein, wenn ich von Leuten höre, die ihren Job an den Nagel gehängt haben, um eine Weltreise zu machen. Ich fühle mich unzulänglich und mies, wenn ich mitbekomme, dass andere neben ihren Vollzeitjobs noch ein Ehrenamt bekleiden und wenn ich einen Führerschein hätte und Auto fahren würde, wer weiß, vielleicht wäre ich dann auch auf das neue Auto des Nachbarn neidisch.
Die Versuchung, sich mit anderen zu vergleichen ist groß. Jede Gesellschaft hat ihre Statussymbole und Codes, die den Stand des Individuums in der Gruppe anzeigen. Lange dachte ich, ich wäre dagegen gefeit, aber weit gefehlt. Mein innerer Kritiker ist Meister darin, sich immer wieder in die Wertesysteme anderer einzuschleichen und mir dann zu berichten, was ich alles falsch mache. Das Gras ist auf der anderen Seite des Zauns immer grüner, heißt ein schönes Sprichwort. Es scheint eine zutiefst menschliche Eigenschaft zu sein, sich mit anderen zu vergleichen, dabei bin ich fest davon überzeugt, dass das zu einem Großteil zur Unzufriedenheit vieler Menschen beiträgt. Mir kommt es vor, als sei das ein Fehler im Bauplan der Natur. Immerhin könnte ich mich ja auch mit Menschen vergleichen, die keinen Job und keine Wohnung haben oder die nicht körperlich gesund sind. Dann könnte ich Dankbarkeit empfinden und vielleicht hätte ich den Impuls, etwas von meinem Glück abzugeben.
Aber natürlich vergleiche ich mich immer mit Menschen, die zumindest von außen gesehen, mehr erreicht haben als ich, besser in etwas sind, als ich. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass solche Vergleiche ja auch einen gesunden Ehrgeiz wecken können, dass es gut ist, sich von anderen inspirieren zu lassen und dass Konkurrenzdenken nunmal dazu gehört, wenn man sich weiter entwickeln will. Das wäre quasi, den innerpsychischen kapitalistischen Marktgesetzen folgen. Nun, dann werde ich jetzt Kommunistin, denn es gibt etwas sehr entlarvendes am System des Vergleichens: das sich selber kritisieren und schlecht machen, anstatt sich über den Erfolg, das Glück der anderen zu freuen und unabhängig davon bei sich selbst zu schauen, was möchte ich denn als Nächstes tun.
Sich an anderen zu orientieren kann kurzfristig hilfreich sein, macht aber auf lange Sicht unglücklich. Niemand außer mir selbst weiß, warum ich welche Entscheidungen treffe und niemand außer mir selbst lebt mein leben, für das ich in den Spiegel schauen muss und mit dem ich ins Reine kommen muss. Inspiration ja, Selbstabwertung nein.
Ich hab die Kündigung heute ausgesprochen und dem kleinen Mann in meinem Ohr mitgeteilt, dass seine Dienste nicht länger erwünscht sind. Er kann sich jetzt überlegen, ob er auswandern oder eine neue, positive Aufgabe bekleiden will. Ich werde über seinen weiteren Werdegang hier gerne berichten und freue mich über Eure Berichte!
Eure entschlossene Merle