Erwartungen

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Eigentlich hatte ich an dieser Stelle schreiben wollen, dass Erwartungen ein unangenehmes Phänomen sind und dass ich sie mir abgewöhnen möchte. Doch nachdem ich heute den Tag über unterwegs war und meine Erwartungen beobachtet habe, kann ich das so uneingeschrenkt nicht mehr sagen. Besonders die U-Bahn-Fahrt nach Hause war für mich ein Lehrstück über Erwartungen.

Was sind Erwartungen? Nun, es steckt schon im Wort, jemand wartet auf etwas beziehungsweise geht davon aus, dass etwas nach den eigenen Vorstellungen passieren wird, dass sich ein bestimmter Zustand oder ein Ereignis einstellen wird. Man erwartet Post, eine Frau erwartet ein Kind, ich erwarte monatliche Lohnzahlungen von meinem Arbeitgeber… das sind Beispiele, die relativ neutral sind, da hier auf etwas gewartet wird, was mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eintreffen wird und bei dem niemandes Freiheit verletzt wird. Man verlässt sich auf die institutionalisierte Organisation bzw auf einen natürlichen Verlauf und darf zu Recht hoffen, dass die Erwartungen eintreffen. So wie ich heute Abend erwartet hatte, dass ich innerhalb von zehn Minuten mit der U-Bahn von A nach B transportiert werde. Aber weit gefehlt, es gab eine Stellwerkstörung und die U-Bahn hielt zwischen den Bahnhöfen immer wieder minutenlang an, so dass ich mehr als die doppelte Zeit wie üblich benötigte, um ans Ziel zu kommen. Meine Erwartung wurde herbe enttäuscht. Trotzdem ist mein Fazit des heutigen Tages, dass ich ständig voller Erwartungen bin und dass diese auf Erfahrungen oder Regeln und Konventionen beruhen und meistens gar nicht so verkehrt sind. Wenn ich zum Beispiel in einem Restaurant essen gehe, dann darf ich erwarten, dass die Kellner bekleidet sind. Wenn ich in die Oper gehe, dann ist zu erwarten, dass mir ein inszeniertes Musikstück mit Gesang dargeboten wird. Wenn ich meinen Nachbarn um etwas Zucker bitte, darf ich erwarten, dass er mir nicht gleich mit dem Nudelholz eins über den Schädel zieht. Viele Erwartungen sind völlig legitim und orientieren sich offenbar an dem, was wir Normalität nennen. Wir erachten bestimmte Dinge als selbstverständlich, weil wir es in unserer Gesellschaft so gewohnt sind bzw. erlernt haben.

Und doch können Erwartungen auch trügerische Annahmen sein in Bezug auf ein bestimmtes Verhalten einer Person oder einen bestimmten Verlauf von Ereignissen, der bei näherer Betrachtung gar nicht so selbstverständlich ist. Ich hatte zum Beispiel lange Zeit die Erwartung an eine Freundin, dass sie sich in regelmäßigen Abständen bei mir melden würde, so wie ich das auch bei ihr tat. Es machte mich wütend und traurig, dass ich scheinbar mehr Interesse am Kontakt hatte, als sie. Als ich endlich mit ihr darüber sprach, lösten sich mein Ärger und Verdruss auf, weil sie mir nachvollziehbar erklärte, dass sie generell jemand ist, der sich in der Regel dann meldet, wenn es etwas Konkretes zu besprechen gibt oder sie sich verabreden möchte. Dadurch, dass ich meine Erwartung ausgesprochen hatte und ihr mitgeteilt hatte, was es bei mir auslöste, dass diese nicht erfüllt wurden, wurde unser Kontakt deutlich entspannter und freier.

Ein weiteres, sehr schönes Beispiel, wie vor allem unausgesprochene Erwartungen zu Verkrampfungen führen können, ist mir in der Arbeit widerfahren. Ich hatte das Team in der Abteilung gewechselt und hatte einen neuen Vorgesetzten. Da wir in der Firma eine Gleitzeitregelung haben, kam ich jeden Morgen, wie die Jahre zuvor auch, gegen zehn Uhr ins Büro. Nach ein paar Wochen kam bei mir durch diverse Anspielungen und genervte Blicke der Verdacht auf, dass mein neuer Chef unzufrieden mit meinen Anfangszeiten war und ich sprach ihn darauf an. Es stellte sich heraus, dass er tatsächlich nicht damit einverstanden war, er aber nichts gesagt hatte, weil er erwartet hatte, dass ich mich ohne Aufforderung den Anfangszeiten des Teams anpassen würde.

Die Sache mit den Erwartungen ist also recht komplex und offensichtlich kommt es sehr darauf an, in welchem Kontext sie auftauchen. Besonders in zwischenmenschlichen Beziehungen wabern oft unausgesprochene Erwartungen und vergiften die Atmosphäre und setzen unter Druck. Dies gilt für nicht verbalisierte wie ausgesprochene Erwartungen. Unausgesprochen richten sie aber im Zweifel noch viel mehr Schaden an, weil sie sozusagen im Verborgenen wirken und zu Missverständnissen und Groll führen, die eigentlich vermeidbar wären, wenn man miteinander sprechen würde. Noch besser ist es aber meines Erachtens, wenn man sich seiner Erwartungen bewusst wird und überprüft, was man alles als Selbstverständlichkeit betrachtet – und dies dann relativiert. Denn eine Erwartungshaltung ist mehr als nur darauf zu vertrauen, dass der Lauf der Dinge nach dem eigenen Willen passiert. Meiner Meinung nach spiegelt eine Erwartungshaltung die feste Annahme einer Person, dass sie den Lauf der Dinge kontrollieren kann und einen anderen als den gewünschten Verlauf als quasi nicht möglich erachtet. Erwartungen an unsere Mitmenschen ziehen nicht in Betracht, dass jeder Mensch ein einzigartiges Individuum ist, mit eigenen Erfahrungen, Denkweisen und Verhaltensmustern.

Erwartungen engen mein Blickfeld ein und trüben den Sinn für das Unvorhersehbare. Sie machen mich glauben, das Leben sei planbar und gaukeln mir vor, es gäbe allgemeingültige Vorgehensweisen. Natürlich gibt es viele Bereiche unseres Lebens, in denen bestimmte Regeln und Konventionen gelten, auf deren Erfüllung wir vertrauen dürfen, wie oben beschrieben. Wir leben jedoch in einer derart durchorganisierten Gesellschaft, dass es uns schon aus der Bahn wirft, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel nicht pünktlich sind. Durch die flächendeckende Institutionalisierung der unterschiedlichen Lebensbereiche können wir uns gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn etwas nicht funktioniert oder nach unseren Vorstellungen verläuft. Auf der gesellschaftlichen Ebene halte ich das für gefährlich, weil ich nicht glaube, dass es selbstverständlich ist, in Frieden in einem so gut organisierten, demokratischen, reichen Land  zu leben. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die tagtäglich die Institutionen befüllen und ihre Aufgaben erfüllen.

Auf der zwischenmenschlichen Ebene sind Erwartungen hinderlich, weil sie Beziehungen einengen und das Gegenüber reduzieren. Ich plädiere – auch an mich selbst – für eine Öffnung des Geistes um das unerwartete Moment zuzulassen und mir selbst sowie meinen Mitmenschen die Freiheit und Individualität zuzugestehen, die uns natürlicher Weise gegeben sind. Wenn ich bemerke, dass jemand Erwartungen an mich hegt, die ich nicht erfüllen kann oder möchte, werde ich wütend und verschließe mich. Erwartungen können übergriffig sein und, wenn ich mich ihnen widerwillig beuge, meine Integrität verletzen.

Im Falle der U-Bahn war es für mich hilfreich zu erkennen, mit welcher Erwartungshaltung ich eingestiegen war um mich dann zu erinnern, dass eben im Leben doch nicht immer alles wie am Schnürchen läuft. Genauer betrachtet finde ich es auch nicht ganz unproblematisch, dass viele unserer Erwartungen von einer Normalität ausgehen, bei der fraglich ist, wer diese definiert und wo die Grenzen sind. Was ich als selbstverständlich erwarte, muss für jemand anderen keineswegs normal sein. Andererseits gehört es zum Wesen einer Gesellschaft, dass sie sich Normen und Regeln auferlegt, nach denen die meisten handeln und es würde uns kirre machen, würden wir ständig mit dem Gegenteil konfrontiert. Mir scheint, die Grenzen sind hier fließend und beweglich und es Bedarf des Mutes des Einzelnen, auch gegen Erwartungen zu handeln und der Toleranz der anderen, dies zu akzeptieren, insoweit niemand zu schaden kommt.

Ich möchte jedenfalls in Zukunft etwas weniger erwarten und mich etwas mehr den Überraschungen und Umwegen im Leben öffnen, weil ich glaube, dass es so viel bunter wird.

Und so verbleibe ich für heute und wünsche einen schönen Abend!

Eure Merle

 

 

2 Gedanken zu „Erwartungen“

  1. Willst Du den Erwartungen vieler gerecht werden oder erwartest Du vieles von anderen, dann bist Du ständig unter Spannung! Wenn dann noch die Erwartungen an Dich selbst dazu kommen, dann hast Du keine Zeit mehr für die Kreativität!
    Dein Werk gefällt mir sehr gut, ich sehe viele Menschen, sind es Menschen die große Erwartungen an Dich haben?

    Liebe Grüße Babsi

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    1. Liebe Babsi, erstmal herzlichen Dank für Deinen Kommentar und das Kompliment! Du hast absolut Recht, mit dem was Du sagst, wer sich nicht gut von den Erwartungen im Außen abgrenzen kann, rotiert ständig und ist nicht bei sich selbst – wie soll man da zufrieden oder kreativ sein? Ich habe mir ein Umfeld geschaffen, in dem Erwartungen kein Thema mehr sind, das heißt, ich musste mich auch von einigen Menschen verabschieden. Die Abgrenzung zu gesellschaftlichen Erwartungen klappt recht gut, von meinen eigenen Erwartungen an mich selbst kann ich mich noch besser distanzieren 😉 – Du sprichst von vielen Menschen, die Du siehst, beziehst Du Dich auf die Zeichnungen oder das Bild zum Beitrag? Falls es das Bild zum Beitrag ist: darin wollte ich das Oszillieren der vielen verschiedenen Persönlichkeitsanteile darstellen… Liebe Grüße, Merle

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