
Zwei Aussagen über die Liebe, die ich in den letzten Tagen in Gesprächen gehört habe, haben mich sehr berührt und ich möchte sie zum Anlass nehmen, etwas über die Liebe zu schreiben, denn wo wären wir ohne sie?
Eine Aussage über die Liebe stammt von jemandem, der mir über eine Frau erzählte, die ein Kind bei sich aufgenommen hatte, welches in schrecklicher Verwahrlosung und Vernachlässigung aufwuchs. Die Umstände, in denen das Kind leben musste, waren grausam. Die Erzählerin meinte aber, dass die Frau, die das Kind zu sich nahm, so viel Liebe zu geben hatte, dass das Kind sich erholen, gedeihen und weitgehend gesund werden konnte. (Mit wohl auch für die weitere Zukunft nötiger, psychotherapeutischer Unterstützung.) Was mich daran berührt, ist die eigentlich banale aber doch großartige Feststellung, dass Liebe heilen und nähren kann, dass sie in uns offenbar Kräfte weckt und uns wachsen lässt, wie Wasser eine Pflanze wachsen lässt.
Die andere Aussage, die mich eher stutzig und traurig machte, war: Liebe sei etwas, dass dem Menschen vor allem Schmerz bereite und komme sowieso im Alltag nicht zum tragen. Diese Annahme hat etwas Unerhörtes für mich, denn ich glaube an die Liebe, aber ich komme nicht umhin mich zu fragen, ob da nicht was Wahres dran ist.
Dass Liebe viel Kummer und Schmerz verursacht, zeigen uns die gesamten bildenden Künste, auch Musik, Film und Literatur wären praktisch gegenstandslos ohne das Beklagen von Liebeskummer und unerwiderter oder tragischer Liebe und nach meinem subjektiven Empfinden wird mehr über traurige Liebesgeschichten gesungen und geschrieben als über glückliche. Und wo ist die Liebe in meinem Alltag? Ich schaue mir ganz pragmatisch meinen üblichen Tagesabaluf an und stelle fest, dass da auf den ersten Blick nicht so viel Liebe ist.
Aber dann kommt mir der Gedanke, dass ich bei meinen Überlegungen viel zu sehr von großen, dramatischen Gesten und Begebenheiten ausgehe. Wenn ich genauer hinsehe, kann ich doch Liebe entdecken: sei es die sms von einer Freundin aus Berlin, in der steht, dass sie an mich denkt, die Postkarte, die ich einer kranken Freundin schicke oder, und das sehe ich als Akt der Nächstenliebe, das Fräulein vom Amt, das zwei Augen zudrückt, weil ich eine Unterlage etwas zu spät abgebe. Außerdem kann ich Momente der Selbstliebe verbuchen, wenn ich mir ein Päuschen mit Kaffee und Zigarette gönne oder meine Katzen ins Nirwana kuschle. Es sind viele, augenscheinlich kleine Dinge, in denen die Liebe in meinem Alltag präsent ist. Ich nehme mir also fest vor, mit dem Freund, der die ernüchternde Ansicht über die Liebe hat, zu sprechen und ihm von meiner Entdeckung zu berichten.
Was bleibt, ist aber die Feststellung, dass Liebe eben auch großen Kummer verursachen kann. Oder sind es unsere narzistischen Bedürfnisse und die Sehnsucht nach angenommen sein, die die Liebe so schmerzhaft erscheinen lassen? Wie kann etwas so Fantastisches wie die Liebe gleichzeitig so niederschmetternd sein?
Ich gehe einerseits davon aus, dass Liebe eine Kraft oder Energie ist, in die wir uns begeben können bzw. die wir durch eine Entscheidung zulassen können. Ich glaube auch, dass unerwiderte oder tragische Liebe tatsächlich vor allem deshalb so weh tun, weil mit der Liebe eine ganze Armada von Sehnsüchten und Bedürfnissen daher kommt, die zwar mit Liebe nicht so viel zu tun haben aber zutiefst menschlich sind. Sei es die Sehnsucht, gespiegelt zu werden, angenommen und geliebt zu sein, Halt und Wertigkeit im anderen zu finden oder schlicht die symbiotische Überzeugung, ohne den anderen nicht leben zu können.
Andererseits denke ich, dass etwas so Großes, Allumfassendes wie die Liebe deshalb so schmerzhaft sein kann, gerade weil sie so groß ist. Ich behaupte, dass wir uns ohne zumindest die Hoffnung auf Liebe nicht weiter entwickeln würden, dass ohne sie ein Großteil unseres menschlichen Treibens ins Leere liefe. Liebe kann ungeahnte Kräfte in uns entfesseln und lässt uns unverwundbar fühlen. Wer kennt nicht das Gefühl, man könne die ganze Welt umarmen, wenn man glücklich frisch verliebt ist? Liebe kann uns über uns selbst hinaus wachsen lassen und neue Horizonte eröffnen. Wie sollte diese Großartigkeit auf der Kehrseite nicht mit Schmerz und Klagen verbunden sein?
Je länger ich darüber nachdenke, desto selbstverständlicher wird der Gedanke, dass großes Glück eben auch mit einer tiefen Fallhöhe verbunden ist. Auch Liebe ist, wie unsere gesamte Welt, in der Dualität. Was wir tun können, um den Schmerz des Fallens zu lindern, ist, uns über die Liebe zu freuen, die wir erfahren durften und wir können sie in unserem Alltag kultivieren. Wir können uns immer wieder entscheiden, in die Liebe zu gehen, uns selbst und unseren Nächsten gegenüber und dafür bedarf es keines großen Dramas sondern es sind die scheinbar unscheinbaren Handlungen und Worte, die auch unsere Liebe ausdrücken können.
Und mit diesen Gedanken nehme ich mir vor, in Zukunft meinen Lieben öfter mal zu sagen, wie sehr ich sie schätze und achtsamer mit der Liebe umzugehen, die mir entgegen gebracht wird.
Wie haltet Ihr es mit der Liebe, wo begegnet sie Euch? Ich freue mich, von Euren Erfahrungen zu hören und verbleibe
Eure Merle