
An diesem gräulichen Septembertag möchte ich über Gefühle schreiben und den Mut, sie zuzulassen. Das Thema kommt heute nicht von ungefähr, denn ich bin mit einem Wust an unangenehmen Gefühlen im Nacken aufgewacht und habe es heute morgen besonders schwer gefunden, im Tag anzukommen. Wobei ich grundsätzlich morgens immer etwas länger benötige, um mich durch die in der Nacht hochgeschwemmten Gefühle durchzuatmen, ich bin froh, dass ich den Luxus habe, mir dafür immer extra Zeit nehmen zu können.
Aber heute wollte es mit dem durchatmen erstmal nicht so recht klappen, ich war im Widerstand und habe gegen die Gefühle gekämpft und der Anteil in mir, der sie am liebsten wegschieben und verdrängen wollte, war ziemlich heftig am Arbeiten: Ich hatte schlechte Laune, war traurig und fühlte mich einsam und wollte das nicht wahrhaben – bis mir das bewusst wurde und mir wieder einfiel, hoppla, Wegschieben macht die Gefühle nur größer.
Nun sitze ich in meiner Küche, schreibe und frage mich, warum mir das eigentlich immer wieder passiert, warum ich immer noch gegen viele Gefühle ankämpfe, obwohl ich weiß, dass das nicht hilfreich ist und ich täglich die Erfahrung mache, dass es im Endeffekt besser für mich ist, sie zuzulassen.
Durch Gespräche und Fachliteratur weiß ich, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens zig Strategien entwickelt, um unangenehme Gefühle nicht spüren zu müssen und dass jeder Mensch ständig Gefühle und Emotionen hat, die uns allzu oft nicht bewusst sind. Wer noch nie Probleme oder Krisen aufgrund seiner Gefühlswelt hatte, für den besteht im Zweifel gar nicht die Notwendigkeit, sich mit dieser auseinander zu setzen. Ich bin also in bester Gesellschaft, wenn ich versuche zu verdrängen – trotzdem ärgert es mich und macht mich ungeduldig mit mir selbst, was auch wiederum Emotionen sind, die nicht helfen, die ich aber da sein lasse.
Ich sehe einen großen Widerspruch bei uns Menschen: wir haben sechs Grundemotionen, die allen gemeinsam sind: Wut, Trauer, Ekel, Scham, Freude und Angst. Diese sind auch kulturübergreifend in anderen Gesellschaften zu finden und man geht davon aus, dass sie uns inne wohnen, weil sie hilfreich für unser menschliches Dasein und unsere Fortentwicklung sind. Wenn dem aber so ist, dann frage ich mich, wie es kommt, dass wir alle so erfolgreich im Gefühle unterdrücken sind. Ich stelle hier die Behauptung auf, dass die meisten Menschen nicht mit ihren Gefühlen umgehen können, wir haben es schlicht nicht gelernt.
Was in unserer Gesellschaft zählt, sind Leistung, Anpassung und Funktionieren. Je nachdem wo man arbeitet, ist die Gefühlswelt den ganzen Tag über eigentlich nur hinderlich, man muss seine Aufgaben erfüllen und will nicht auffallen, die Angst vor den Kollegen oder dem Chef muss weggedrückt werden, die Unzufriedenheit oder gar Wut sowieso, ganz zu schweigen von Tränen. Aber auch der Ausdruck angenehmer Gefühle wird nicht zwingend gut geheißen. Setzt Euch mal heiter und breit lächelnd in die U-Bahn oder den Bus – ihr werdet hauptsächlich Blicke ernten die andeuten, dass man nicht mehr zurechnungsfähig ist!
Ich finde das unglaublich schade und bedauerlich, wenn ich auch begreife, dass für den Einzelnen das Verdrängen von Gefühlen unter Umständen sogar lebensnotwendig ist. Wie immer gibt es hier kein schwarz-weiß-Muster sondern viele Grautöne. Ich spreche also nicht von der Verdrängung als Überlebensmechanismus sondern von der weit verbreiteten Missachtung von Gefühlen. Immerhin ist es auch heute noch ein in der Arbeitswelt verbreitetes Vorurteil, dass Frauen nicht in die Führungsetage gehören, weil sie zu emotional sind. Hier ändert sich nur langsam und schleppend etwas. Und wer sagt, dass es Männern nicht auch gut anstehen würde, öfter mal ihre Gefühle zuzulassen? Männer, die weinen, gelten bis heute als unmännlich!
Aber auch außerhalb der Arbeitswelt meine ich, einer weit verbreiteten Verdrängung von Gefühlen zu begegnen, als ob wir alle ständig in einer Rüstung aus Verstand und Rationalität durchs Leben gehen. Ich habe nichts gegen Verstand und Rationalität, aber wo bleiben Herz und Bauch, wenn wir uns nur noch danach richten? Wo bleibt das Gespür für das Sinnliche, das Magische, das Nicht-mit-dem-Verstand-erklärbare, dass ich nur durch Fühlen erfahren kann?
Doch wie eingangs erwähnt, auch ich tappe immer wieder in die Falle und versuche, unangenehme Gefühle auszublenden und die Welt mit dem Verstand zu erfassen. Allerdings übe ich seit geraumer Zeit, meine Gefühle da sein zu lassen und anzunehmen, was mal besser, mal schlechter funktioniert. Ich habe speziell mit diversen Ängsten zu tun, die ich über einen langen Zeitraum aus meinem Leben verbannen wollte, und es hat eine ganze Weile gebraucht, bis ich einigermaßen in der Lage war, diese zuzulassen. Bei manchen Ängsten gelingt mir das bis heute nicht wirklich.
Trotzdem, oder gerade deshalb, plädiere ich für einen neuen Stellenwert von Gefühlen in unserem Leben, denn sie lassen uns lebendig sein und machen das Leben reicher, bunter und sie helfen uns zu kommunizieren – weit über das hinaus, was der Verstand vermag. Ich bin in einem Umfeld und einer Zeit groß geworden, in der das Zeigen von Gefühlen als unschicklich oder, unter Gleichaltrigen, als uncool galt. Ich weiß nicht, welche Erziehungsmethoden heute en vogue sind, aber ich hoffe, dass Kindern heutzutage ihre Gefühle gelassen werden und sie unterstützt werden im Umgang mit ihnen.
Ich bin mir dessen bewusst, dass ich hier vielleicht etwas zu sehr verallgemeinere, aber ich denke doch, dass es tatsächlich so etwas wie einen Zeitgeist gibt und dass verschiedene Generationen in der Tendenz einen unterschiedlichen Umgang mit Gefühlen pflegen.
Für mich persönlich nehme ich mir vor, meine morgendliche schlechte Laune ab jetzt zu begrüßen und die Traurigkeit, die sich in mir immer wieder breit macht, zuzulassen. Auch meine Wut möchte ich lernen zuzulassen und angemessen zu kommunizieren. Damit keine Missverständnisse entstehen: ich rufe nicht auf zum allgemeinen Ausagieren unserer Gefühle, sondern dass wir uns ihrer bewusst werden und sie adequat ausleben oder mitteilen. Denn Fühlen ist eine Fähigkeit, die uns über uns selbst und die Welt viel mitzuteilen hat. Unser Fühlen macht uns zum Individuum und lässt uns im besten Fall mit dem Herzen bei der Sache sein und nicht nur rational gesteuert agieren.
Zum Abschluss möchte ich aus dem Buch „Der kleine Prinz“ zitieren:
„Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen Euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch: Wie alt ist er? Wieviele Brüder hat er? Wieviel wiegt er? Wieviel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie, ihn zu kennen.“ (Saint-Exupéry, Düsseldorf, 2000, 56. Auflage, Seite 18)
Ich wünsche Euch eine schönen Tag voller Gefühle!
Eure Merle
Hallo! Habe jetzt ein paar deiner Beiträge gelesen und ich finde mich durchaus wieder und es regt mich an, über mich und mein Leben nachzudenken und mich selbst besser zu verstehen…danke, das hilft mir! Alles Gute, Bernhard
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Hallo Bernhard! Ich freue mich, dass meine Gedanken Dich erreichen und Dir etwas sagen und ich freue mich noch mehr, dass Du es mir mitgeteilt hast, das motiviert auch, weiter zu machen! Liebe Grüße, Merle
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