
Heute trauere ich. Ein lieber, lebenskluger und fröhlicher Mensch, der mir sehr viel gegeben und bedeutet hat, zieht aus familiären Gründen in eine andere Stadt und die Umstände sind derart, dass nicht zu erwarten ist, dass wir uns wieder sehen. Aber wir haben auf eine schöne Art und Weise voneinander Abschied genommen und ich werde sie nicht vergessen.
Das Leben hält immer wieder Abschiede für uns parat und oft genug sind sie endgültig, nicht aus bösem Willen sondern schlicht, weil man weiß, dass man nur in einem gewissen Rahmen für eine gewisse Dauer eine gemeinsame Zeit verbringt, es aber unpassend oder einfach unwahrscheinlich wäre, den Kontakt aufrecht zu erhalten.
Ich kenne solche Begegnungen zum Beispiel aus der Zeit als Praktikantin im Ausland. Es gab in Genf eine große Gemeinschaft von Praktikanten und mit einigen habe ich eine sehr intensive Zeit verbracht, wunderbare Gespräche geführt, Persönliches geteilt, aber als die Zeit um war und ich wieder nach Hause fahren musste, habe ich mit den wenigsten Kontaktdaten ausgetauscht und das war völlig in Ordnung. Man wusste einfach, dass jeder wieder in sein Land, in sein Leben zurück kehren würde und dann kein Raum für die Kontaktpflege da sein würde.
An anderes Mal habe ich in London in einem Pub einen Einheimischen kennen gelernt, mit dem ich mich schließlich bis zum frühen Morgen in einer Hotelbar prächtig über den Sinn und Unsinn des Lebens unterhielt. Ich habe selten so ein nahes, ungefiltertes Gespräch geführt und bin bis heute dankbar für die Einsichten, die er mir zuteil werden ließ. Ich denke unglaublich gern an diese Nacht zurück, aber auch hier war klar, wir würden uns nicht wiedersehen oder versuchen, Kontakt zu halten, es passte einfach nicht dazu.
Ich könnte noch mehrere solcher Begegnungen aufführen, aber worauf ich hinaus will ist, dass ich jedes Mal, wenn mir so etwas widerfährt, es zwar völlig in Ordnung und angemessen finde, wenn man sich endgültig verabschiedet, aber gleichzeitig eine unglaubliche Trauer verspüre, nicht mehr vom anderen kennen gelernt zu haben.
Abschiedsschmerzen sind scheußlich, ich komme nicht sehr gut mit ihnen klar. Ich bin dann sehr nah am Wasser gebaut, finde die ganze Welt traurig und möchte einfach nicht, das die schöne Zeit vergeht. Ich finde, Abschiede sind ein Zumutung und es sollte möglich sein, zumindest ab und zu den Lauf des Lebens anhalten zu können. Es ist ja auch so, dass die Zeit, wenn man sie mit wunderbaren Menschen verbringt, verfliegt, man merkt gar nicht, wie sie vergeht und steht dann plötzlich vor dem Taxi, am Bahnhof oder Flughafen und weiß gar nicht, wie einem geschieht. Schon ist die Zeit für den Abschied da.
Ich gehöre zu den Leuten, die dann gerne kurzen Prozess machen, bloß nicht zu viele Worte verlieren, lieber gleich in den Zug einsteigen, bevor die Tränen kommen. Eine Umarmung noch, aber dann nichts wie weg. Aber wenn ich dann im Taxi/Zug/Flugzeug sitze, laufen die Tränen und wollen gar nicht mehr aufhören. In solchen Momenten bin ich auch gerne davon überzeugt, nie wieder so eine schöne Begegnung zu haben, nie mehr einen so tollen Menschen zu treffen, denn die geteilten Momenten waren etwas Besonderes. Es hat eine Weile in meinem Leben gedauert, bis ich darauf vertrauen konnte, dass man immer wieder besondere Augenblicke mit besonderen Menschen haben wird. Und vielleicht ist gerade auch die begrenzte Zeit, die man miteinander hat ein wichtiger Faktor, der die Begegnung so bemerkenswert macht. Diese Einsicht ist natürlich in Momenten, in denen der Abschiedsschmerz frisch ist, nur ein kleiner Trost, aber immerhin.
Mit etwas Abstand betrachtet bin ich einfach dankbar, dass ich schon so viele besondere Menschen in meinem Leben kennenlernen durfte, viel gelernt, gelacht und miterlebt habe. Ich hoffe, noch viele solcher Begegnungen zu haben, auch wenn der Abschied immer schmerzhaft sein wird. Aber das gehört wohl zum Leben dazu.
Es grüßt Euch eine heute traurige Merle