Ich bin nicht da!

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Immer wieder fällt mir im Gespräch mit Freunden und Bekannten auf, dass sich jemand darüber beschwert, von anderen zu viel in Anspruch genommen zu werden, durch das Telefon bzw. Handy gestört worden zu sein oder schlicht zu viel zu tun zu haben und dabei den Erwartungen anderer nicht gerecht werden zu können.

Deshalb möchte ich heute eine Lanze brechen für das Recht, nicht da zu sein! Ich darf mein Telefon mittels Anrufbeantworter screenen und hören wer dran ist, bevor ich ran gehe, ich darf mein Handy ausschalten, ich muss nicht an die Tür gehen, wenn es klingelt. Ich muss nicht immer erreichbar sein! Eigentlich eine Binsenweisheit, oder?

Ich habe das Gefühl, dass sich im Zeitalter des Mobiltelefons eine allgemeine, unausgesprochene Übereinkunft verbreitet hat, dass man immer erreichbar sein muss und zu jeder Zeit mit jedem sprechen muss. Das führt dann dazu, dass zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln Telefonate geführt werden, deren Inhalt – auch wenn es nur der einer Seite des Gesprächs ist – man wirklich nicht hören will. Wenn ich meine Schwester besuche, ärgere ich mich jedes Mal darüber, dass während unserer Unterhaltung oder während des Essens garantiert jemand anrufen wird und sie das Gespräch auch annimmmt. Ich empfinde das als extrem unhöflich, doch leider sind meine Schwester und ich hier komplett unterschiedlicher Auffassung.

Ich nehme mir auch das Recht heraus, tageweise nicht erreichbar zu sein, wenn mir danach ist. Wenn ich besonders kreative Phasen habe oder Zeiten, in denen es mir nicht gut geht und ich niemanden sprechen oder sehen will, dann gehe ich nicht ans Telefon und beantworte auch keine sms – es sei denn, ich weiß, dass die Person, die sich meldet sich eventuell Sorgen machen könnte, dann gebe ich ein kurzes Lebenszeichen und teile mit, dass ich zwecks innerer Einkehr abgetaucht bin.

Mal vom Telefon abgesehen, bin ich auch der Meinung, dass ich nicht jeder Einladung folgen muss. Besonders häufig höre ich in meinem Umfeld, dass jemand sich verpflichtet fühlt, an familiären Ereignissen teilzunehmen. Ich versuche dann zu erklären, dass es meiner Ansicht nach keinen Automatismus gibt, der besagt, dass eine Einladung der Familie zwingend Folge geleistet werden muss, doch in der Regel sehen das die meisten Leute anders und bewerten ein „Nein“ zu einer Einladung als Ablehnung oder Beleidigung.

Ich verstehe das anders. Ich habe mir schon vor längerer Zeit abgewöhnt, ungeliebten sozialen Verpflichtungen nachzukommen. Ich sehe keinen Sinn darin, denn ich bin der Meinung, das niemand etwas davon hat, wenn ich mich zu etwas zwinge oder übellaunig aufraffen muss. Dann ist es doch für alle Beteiligten viel angenehmer, man spricht oder sieht sich zu einem anderen Zeitpunkt, wenn ich auch Zeit und Lust dazu habe. Auch bin ich der Auffassung, dass ich mich nicht dafür rechtfertigen muss, wenn ich einer Einladung nicht nachkomme oder ein Telefonat nicht angenommen habe. Es muss dafür nicht immer einen Welt bewegenden Grund geben. Müsste es nicht reichen, wenn ich sage, dass ich anderweitig beschäftigt bin bzw. war? Natürlich knalle ich Freunden oder Verwandten kein „Nein, keine Lust“ hin. Es geht ja nicht darum, den anderen zu vergraulen, aber ein „es tut mir leid, da kann ich nicht“ finde ich völlig legitim.

Ich bin nicht da! heißt also, ich brauche Zeit für mich, ich muss mich eine Weile ausklinken, weil es mir zu viel wird. Ich bin nicht da! bedeutet, ich teile mir meine Zeit selbstfürsorglich ein und entscheide aus dem Moment heraus, ob ich gerade jetzt kommunizieren kann und will oder lieber nicht. Ein hin und wieder gelebtes Ich bin nicht da! ist kein Affront gegen meine Freunde sondern eine Entscheidung für mich selbst da zu sein – und zu einem späteren Zeitpunkt gerne auch wieder für meine Freunde oder Verwandte!

Gerade wer sich oft gehetzt fühlt und feststellt, dass er kaum Zeit für sich hat, sollte einmal prüfen, ob sich nicht das eine oder andere Zeitfenster für einen selbst auftun würde, wenn er oder sie einfach öfter mal sagt: Ich bin nicht da!

In diesem Sinne wünsche ich Euch noch eine schöne Woche!

Eure Merle

 

 

 

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