Kommt Zeit, kommt…?

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Es gibt im Deutschen das Sprichwort, „kommt Zeit, kommt Rat“, mit dem ich mich heute beschäftigen möchte. Um es gleich vorweg zu nehmen, ich halte das für Humbug. Es stimmt nicht, dass Lösungen oder Antworten über meinen Weg laufen, wenn ich nur lang genug warte. Genauso wenig, wie die Zeit alle Wunden heilt – man lernt nur besser mit ihnen zu leben – genauso vergeblich kann ich bis zum Sankt Nimmerleins Tag warten, bis die Zeit mir Rat bringt. Ich halte das Sprichwort für eine unseriöse Einladung zum Aufschieben und Aussitzen, und beides hat noch niemandem geholfen.

Ich denke beispielsweise zurück an die Zeit nach dem Abitur, als ich mich entscheiden musste, welches Studium ich aufnehmen möchte. Ich hatte die Frage das gesamte letzte Schuljahr in mir gewälzt und war, als es soweit war, keinen Schritt weiter gekommen. Schließlich zwang mich der Einschreibetermin dazu, eine Entscheidung zu treffen, da mir auch keine vernünftigen Alternativen eingefallen waren.

Sehr lange trug ich auch die Frage mit mir herum, ob ich mir Katzen anschaffen will. Ich drehte und wendete die Frage, beleuchtete alle Aspekte, das Für und Wider, kam aber auch mit der Zeit nicht auf den Trichter, ob es nun richtig oder eher falsch ist, sich Katzen als Haus- und Wohnungstiere zu halten.

Seit Jahren überlege ich auch, ob ich meinen Job kündigen möchte oder nicht, es gibt hervorragende Argumente sowohl für ein Ja, als auch für ein Nein. Die Zeit hat mir auch hier keine Antworten gebracht sondern es verstreicht einfach Zeit, in der ich immer älter werde und die Entscheidung immer schwieriger.

Im Gegensatz dazu ist meine letzte Wohnungssuche ein schönes Beispiel dafür, dass man manchmal überhaupt keine Zeit braucht, sich zu entscheiden, denn ich betrat die erste Wohnung auf dem Besichtigungsplan und wusste sofort, das ist sie – und ich bekam sie auch.

Ein wichtiges Wort ist nun schon ein paar Mal gefallen, nämlich Entscheidungen. Meiner Auffassung nach hilft es nicht, zu warten, bis von irgendwo ein Rat kommt, sondern wir müssen uns entscheiden. Niemand, auch nicht die Zeit, kann uns sagen, was richtig oder falsch ist, wir müssen Entscheidungen treffen und in uns spüren, ob der eingeschlagene Weg passt oder nicht.

Ganz davon abgesehen, gibt es oftmals keine Möglichkeit, auf eine Eingebung zu warten, viele Dinge müssen wir einfach aufgrund der Umstände relativ schnell entscheiden oder es gibt eine gesetzte Frist. Sich nach dem Motto kommt Zeit, kommt Rat zu richten, führt in erster Linie dazu, dass wir Entscheidungen nicht treffen und Dinge vor sich hin dümpeln lassen.

Allerdings ist es auch richtig, dass wir manchmal keine Entscheidung treffen können, weil uns vielleicht wichtige Informationen fehlen oder weil unser Gefühlsleben so durcheinander ist, dass wir nicht wissen, in welche Richtung wir gehen sollen. In solchen Fällen werfe ich gern eine Münze und schaue, wie mein Bauch auf die von der Münze getroffene Entscheidung reagiert und richte mich dann nach meinem Bauchgefühl.

Es stimmt, dass wir manchmal auf Ereignisse oder Menschen warten müssen, um uns endgültig zu entscheiden, dass wir bisweilen von der Rückmeldung oder Entscheidung anderer abhängig sind – aber auch in solchen Fällen ist es wichtig, erstmal für sich selbst heraus zu finden, was ich will und was nicht.

Manche Dinge brauchen natürlich ihre Zeit, wenn ich etwas Neues erlerne, werde ich nicht von heute auf morgen zur Expertin, allerdings auch nicht dadurch, dass ich auf den Lauf der Zeit vertraue, sondern dadurch, dass ich übe. Und natürlich gibt es Dinge, die wir nicht entscheiden können, die einfach in unser Leben treten und wir müssen damit umgehen, ob wir wollen oder nicht. Ich denke da zu Beispiel an Krankheit, Abschied, Kündigung, Trennungen… wobei ich mich bei alle diesen Dingen auch entscheiden kann, wie ich damit umgehen möchte.

So wie ich das Leben bis jetzt verstehe, gehört es zu echter Lebenskunst, kluge Entscheidungen zu treffen und sich im Fluß des Lebens den nötigen Handlungsspielraum zu schaffen, um das eigene Leben bewusst und aktiv zu gestalten und nicht auf etwas zu warten, dass vielleicht irgendwann eintritt. Erst wenn wir Entscheidungen treffen, können sich unsere inneren und äußeren Helfer und die in uns angelegten Potentiale ausrichten und entfalten. Wenn ich mich entscheide, nichts zu tun, werde ich die entprechende Energie in mir und um mich herum kreieren bzw. anziehen. Ich glaube, wir können uns tatsächlich in Warteschfleifen befördern, wenn wir keine Entscheidungen treffen und nur so vor uns hin leben. Natürlich hat auch das seinen Reiz, es kann sehr angenehm sein, sich treiben zu lassen. Aber wenn ich daran denke, dass die meisten Menschen am Ende ihres Lebens bereuen, was sie eben nicht getan haben, dann scheint es mir die bessere Option, zu entscheiden und zu handeln.

Ob ich gut Entscheidungen treffen kann? Jein, in vielen Dingen bin ich sehr entschieden und fühle sehr schnell, ob etwas für mich gut oder unpassend ist. In anderen Dingen, wie zum Beispiel meinem Job, bin ich immer noch am Wanken und habe schlicht akzeptiert, dass ich immer noch keine Entscheidung treffen kann bzw. habe mich entschieden, nicht zu kündigen, stelle dies aber immer wieder in Frage. Ich weiß aber inzwischen, dass die Zeit mir hier keine Antwort bringen wird, denn diese liegt in mir. Die Katzen habe ich übrigens vor vielen Jahren entsprechend meinem Bauchgefühl in mein zu Hause geholt und es war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.

Und so wünsche ich Euch ein glückliches Händchen bei Euren Entscheidungen, freue mich über Eure Kommentare und verbleibe

Eure Merle

 

 

 

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