
Heute möchte ich mich einem Thema widmen, das mir besonders am Herzen liegt, nämlich der Freundschaft. In Zeiten von facebook, wo unzählige Menschen per Mausklick Unbekannte als Freunde auswählen und meines Erachtens, zumindest in bestimmten Altersgruppen, inflationär mit dem Begriff Freundschaft umgegangen wird, ist es mir ein Anliegen, die Besonderheit und Schönheit wahrer Freundschaft zu betonen.
Schon im alten Griechenland beschäftigte sich Aristoteles mit Freundschaft und hob ihren besonderen Nutzen für die Gesellschaft hervor. Er unterschied allerdings die Freundschaft zwischen Ungleichen von der Freundschaft zwischen Gleichen, die er wiederum in drei Kategorien unterteilte: die Nutzen,- Lust- und Tugendfreundschaft, wobei letztere unserem heutigen Ideal von Freundschaft am nächsten kommt, denn sie ist die Freundschaft um des Freundes willen und mit ihr möchte ich mich beschäftigen. Übrigens ist Freundschaft in der Geschichte der Philosophie immer wieder ein wichtiges Thema. Über die Jahrhunderte nahmen sich Philosophen wie Platon, Aristoteles und Cicero ihrer an, sowie später Montaigne, Hume, Kant, Kierkegaard, Schopenhauer, Nietzsche, Derrida und Gadamer – um nur einen Ausschnitt zu nennen. (Vgl. Artikel „Freundschaft“ auf Wikipedia vom 15.9.2018) Es lohnt sich also, einen genaueren Blick darauf zu werfen.
Zunächst einmal besteht Freundschaft zwischen zwei eigenständigen Individuen, die in Wohlwollen, Zuneigung und Vertrauen wie Sympathie einander zugetan sind. Oftmals kommt ein geteiltes Interesse oder Hobby dazu und es gehört im allgemeinen zur Freundschaft, sich über Persönliches auszutauschen und den anderen ein Stück am eigenen Leben teil haben zu lassen. Während in den USA Freundschaften scheinbar eher oberflächlicher Natur sind, wie der Artikel „Freundschaft“ in Wikipedia behauptet, gehört hierzulande durchaus auch eine tiefere emotionale Verbundenheit zu einer Freundschaft. Dieser Faktor ist übrigens der Hauptgrund, warum sich mir facebook-Freundschaften überhaupt nicht erschließen, aber das nur am Rande.
Was macht eine Freundschaft aus? Für mich hat eine Freundschaft mehrere Facetten oder Ebenen:
Neben dem Mitteilen und Teilen von Ereignissen, Gefühlen und Interessen ist ein wichtiger Punkt die Spiegelung des eigenen Ichs in einem Freund. Durch Gespräche und geteilte Erfahrungen werden gemeinsam Bedeutungen und bedeutsame Momente geschaffen, daher sind Freundschaften ein wichtiges Element der eigenen Identitätsfindung. Von einem Freund darf ich eine ehrliche Spiegelung meines Selbst erwarten, ein guter Freund wird mir seine Meinung ehrlich sagen und mich im Zweifel auch darauf hinweisen, wenn ich mich seiner oder ihrer Meinung nach mal auf dem Holzweg befinde. Freundschaften können also durchaus auch mal unbequem werden, vor allem wenn ungeliebte Wahrheiten ausgesprochen werden, doch auch das gehört meiner Ansicht nach zu einer Freundschaft.
Freunde sind aber mehr als unser Spiegel, sie vermitteln uns außerdem das Gefühl von angenommen und willkommen sein, so wie wir sind. Wir müssen uns vor Freunden nicht verstellen und müssen keine Rollen spielen, weil wir wissen, dass wir mit unseren Ecken und Kanten akzeptiert werden. Freundschaften zeichnen sich durch gegenseitige Toleranz, Großzügigkeit gegenüber Schwächen des anderen und einen respektvollen Umgang miteinandern aus.
Freundschaft bereichert, denn neben dem, was man teilt, gibt es die andere Welt eines anderen Menschen zu entdecken! Verschiedene Sichtweisen, andere Erfahrungshorizonte und unterschiedliche Biographien machen meinen Freund als Gegenüber zu einer Bereicherung für mich. Der Austausch zwischen Freunden kann inspirieren, Mut machen oder einfach helfen, die Welt mit anderen Augen zu betrachten.
Nichts ist schöner als mit lieben Menschen geteilte Freude. Mit Freunden gemeinsam erfreuliche Dinge zu unternehmen hat etwas nährendes, aufbauendes. Natürlich kann man auch alleine etwas unternehmen und Spaß haben, auch das hat seine eigene Qualität. Aber mit Freunden zu essen, zu tanzen, sich zu unterhalten, ist eben ein besonderes Vergnügen.
Freunde unterstützen sich gegenseitig, insoweit dies möglich ist. Dabei meine ich keine Selbstaufgabe sondern angemessene Hilfe, sei es auf emotionaler Ebene oder in anderen Bereichen des Lebens. Einen Freund darf ich um Hilfe bitten und bei einem Freund werde ich nicht sauer oder beleidigt sein, wenn er oder sie meiner Bitte nicht nachkommen kann. Doch im großen und ganzen ist ein Freund jemand, auf den ich mich verlassen kann, der mir zur Seite steht oder den Rücken stärkt, wenn ich es brauche.
Eine gute Freundin von mir sagte einmal zu mir, meine Freunde wären wie eine selbst gewählte Familie für mich, in Anspielung darauf, dass ich, außer einer losen Beziehung zu meiner Schwester, keine Familie mehr habe. Ich empfinde das tatsächlich auch so und schätze mich überaus glücklich, dass ich eine handvoll wunderbarer Freunde in meinem Leben habe und gerade diese Menschen meine Freunde nennen darf.
Meine Freunde haben mir schon in so mancher (Not-)Lage geholfen und mich unterstützt, allein schon dadurch, dass sie in mir eine Stärke und Kraft gesehen haben, die ich manchmal nicht mehr spüren konnte. Auch wenn ich bisweilen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe und den Überblick über eine Situation verliere, spreche ich gern mit meinen Freunden darüber und unternehme das, was ich einen Realitätscheck nenne, sprich: ich gleiche meine Wahrnehmung und Interpretation mit der meiner Freundin ab und kann so viel leichter erkennen, wo ich meinen eigenen Mustern und Glaubenssätzen aufgesessen bin. So komme ich zu einem Gesamtbild der Situation, das sehr wahrscheinlich viel näher an einer Realität dran ist, als das, was ich mir vorher allein zusammen gegrübelt habe.
Freundschaft bedarf aber auch der Pflege und für mich ist es immens wichtig, dass ich immer wieder auch ausspreche, was mir die oder der andere bedeutet und welche Zuneigung ich emfpinde. Denn auch wenn vieles von dem, was ich hier beschrieben habe, charakteristisch für Freundschafen ist, so sollte man sich hüten, das alles als selbstverständlich zu nehmen. Wie in einer Liebesbeziehung so sehe ich auch in Freundschaften die Notwendigkeit, das zueinander bestehende Verhältnis immer wieder auch zu beleben und aufzufrischen, seine Achtung und Wertschätzung auszudrücken, denn kein Mensch ist einfach so selbstverständlich.
Und deshalb möchte ich mich an diesem Tag einmal ausdrücklich bei meinen Freunden bedanken, denn ohne sie wäre das Leben nur halb so bunt! Danke, dass Ihr schon eine so weite Strecke des Wegs mit mir gegangen seid und dabei sowohl Leid als auch Freude mit mir geteilt habt. Danke, dass ihr meine Macken akzeptiert und sie als special effects betrachtet, wo ich mich noch dafür schäme. Danke auch dafür, dass ihr mich immer wieder daran erinnert, dass die Freude im Hier und Jetzt wichtiger ist als alles, was in der Vergangenheit liegt. Ich hoffe, der gemeinsame Weg dauert noch sehr lange an.
Und damit schließe ich meine Gedanken zur Freundschaft, lade Euch herzlich ein zu kommentieren und wünsche allen einen schönen Sonntag!
Eure Merle