Über die Liebe – Teil II

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Oder: Kann aus Liebe Freundschaft werden? Ich glaube ja, aber ich glaube auch, dass es dafür zweier extrem reifer und reflektierter Persönlichkeiten bedarf, die sich ihrer Emotionen sehr bewusst sind. Auch ist es sicher förderlich, wenn nicht einer von beiden dem anderen noch in romantischen Liebesgefühlen nachhängt. Der nicht mehr liebende Part würde sich wahrscheinlich unter Druck gesetzt fühlen oder ständig ein schlechtes Gewissen haben ob des Ungleichgewichts der Gefühle. Doch wenn beide Partner gleichermaßen feststellen, dass sie keine Liebe mehr für den anderen hegen oder aber die Liebe schlicht ihre Form in freundschafliche Liebe gewandelt hat, dann können aus ehemaligen Liebespaaren bestimmt wunderbare Freundschaften wachsen.

Ich frage mich nur, warum das so selten der Fall ist. Auch mir ist es übrigens nie gelungen, nach Beziehungen noch Freundschaften mit meinen Ex-Freunden zu führen. Dabei waren diese einmal der beste Freund. Ich gebe zu, ich fand es immer schwierig, die Vertrautheit und Nähe, die ich noch gespürt habe, mit einer Freundschaft in Einklang zu bringen, das passte für mich irgendwie nie zusammen. Vielleicht hätte ich mir jeweils eine gewisse Auszeit nehmen müssen, damit sich meine Gefühlswelt neu sortiert, danach wäre eine Freundschaft vielleicht möglich gewesen. Aber dann kamen auch oft schon neue Partnerinnen an die Seite meines ehemaligen Freundes, und das machte die Situation auch nicht einfacher sondern komplizierter.

Aber mal von der körperlich-erotischen Seite einer Liebesbeziehung abgesehen, was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen einer Liebesbeziehung und einer Freundschaft? Da muss es doch mehr Unterschiede geben als den der nicht gelebten Sexualität? Eine gute Bekannte von mir meinte neulich, dass Freundschaften eigentlich die besseren Beziehungen wären, weil sie im Zweifel länger halten. Ist das so und wenn ja, warum?

Offenbar hat man in einer Liebesbeziehung im allgemeinen höhere Ansprüche an den anderen und mehr Erwartungen, die enttäuscht werden können. Ich nehme weiterhin an, dass wie unsere narzistischen Bedürfnisse und Defizite an Angenommen sein in einer Paarbeziehung viel häufiger auf den anderen projizieren als in einer Freundschaft. Darüber hinaus werden in romantischen Beziehungen gemeinsame Zukunftspläne geschmiedet, die verloren gehen können und es besteht ein höheres Maß an, oder zumindest der Wunsch nach, Gleichklang und Zusammengehörigkeit als in einer Freundschaft. Ob das alles zwingend mit Liebe zu tun hat, da bin ich mir nicht so sicher, aber wie schon in Teil I erwähnt, ist es eben allzu menschlich, dass mit der Liebe alle möglichen Gefühle und Bedürfnisse mit einherkommen, die das ganze gerne verkomplizieren. Ich denke da an den Wunsch, den Partner zu verändern, an Eifersucht, an das Bedürfnis, die eigene innere Leere mit dem Partner anzufüllen… um nur einige Mechanismen zu nennen.

Vielleicht würde es viel weniger Trennungen geben, wenn eine Liebesbeziehung einfach eine Freundschaft plus Sexualität wäre. Mir scheinen Freundschaften insgesamt viel entspannter zu sein. Jedenfalls sind ja all die Erwartungen und Wünsche, die wir an unsere bessere Hälfte hängen, nicht sofort verschwunden, wenn man sich trennt und vielleicht ist es deshalb auch so schwierig, aus der Liebe eine Freundschaft werden zu lassen. Und dann ist da noch der Trennungsschmerz, der erstmal überwunden sein will. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ohne eine Zeit der Trauer über den Verlust des Partners eine anschließende Freundschaft eigentlich nicht möglich ist, zumindest in den meisten Fällen.

Ich kenne allerdings auch einige Beispiele, in denen die Trennungen so konfliktreich verlaufen sind, dass keiner der beiden je wieder irgendetwas mit dem anderen zu tun haben wollte. Solche Geschichten finde ich besonders bedauerlich, weil ich mich frage, wie aus tiefer Liebe und Zweisamkeit so viel Aggression und Hass entstehen kann. Ich weiß, dass Hass die Kehrseite der Liebe ist, trotzdem frage ich mich, was in solchen Fällen schief gelaufen ist. Da müssen die Verletzungen besonders tief liegen und wahrscheinlich ist auch das ein Hinweis darauf, was Freundschaft von Liebe unterscheidet. Wer liebt, ist viel angreifbarer und verletzlicher und der Schmerz enttäuschter Liebe wohl größer als der enttäuschter Freundschaft.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, sollte ich je wieder eine Trennung von meinem Partner erleben, werde ich versuchen, nach einer Trauerphase, eine Freundschaft aufzubauen. Immerhin verstehe ich eine romantische Beziehung so, dass Freundschaft ein Teil davon ist. Mein Liebespartner ist auch mein bester Freund. Es würde trotzdem nicht einfach werden, und wer weiß, vielleicht bin ich diejenige, die noch Liebesgefühle hegt und mein ex-Partner nicht. Ich habe mich gestern gefragt, wo die Liebe hingeht, wenn sie geht und bin zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht geht, es sind nur wir selbst, die uns von der Liebe entfernen. Vielleicht ist es auch gar nicht so dringend notwendig, sich zu entlieben, sondern viel eher die Erwartungen und Wünsche Stück für Stück abzubauen und all den emotionalen Abhängigkeiten wieder in sich selbst ein zu Hause zu geben. Dass wir in Beziehungen bis zu einem gewissen Grad abhängig sind, ist glaube ich normal. Wie wir damit umgehen, wenn die Beziehung zu Ende geht, das ist die große Kunst.

Denn von den emotionalen Verstrickungen abgesehen, geht es ja auch darum, seinen Alltag wieder alleine zu gestalten und liebgewonnene Rituale der Zweisamkeit zu verabschieden. Die größte Kunst besteht aber meines Erachtens darin, den anderen Loszulassen, in Liebe gehen zu lassen (egal, wer die Trennung wollte) und ihm oder ihr weiterhin mit Wohlwollen zu begegnen. Das ist auch die Kunst, nicht die Schuldfrage zu stellen sondern zu akzeptieren, dass das Leben oftmals nicht so verläuft, wie wir uns das wünschen.

Wenn das beiden gelingt, dann kann sicherlich auch auf eine große Liebe eine große Freundschaft folgen.

Oder was meint ihr? Wie immer neugierig auf Eure Ansichten,

Eure Merle

 

 

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