Es ist schon eine ganze Weile her, da hatte ich eine Phase, in der ich unglaublich viel gelesen habe. Ich hatte viel Zeit, wenig zu tun und so verschlang ich Bücher wie Sand am Meer und brauchte wöchentlich Nachschub. Da ich das haptische Vergnügen am Lesen liebe, kamen e-books für mich nicht in Frage, meine eigenen Bücher hatte ich auch schon zum Großteil mehrfach gelesen und in die Bibliothek wollte ich auch nicht gehen, also fuhr ich fast jeden Samstag zum Buchladen meiner Wahl, der zwar einer größeren Kette angehört, dafür aber ein sehr schönes, gemütliches Café beinhaltet, in dem man herrlich Schmökern kann.
Und so befand ich mich an einem jener Samstage im Winter mal wieder in meinem Buchladen und stapfte zwischen den Regalen und Tischen hin und her um zu sehen, was mich anlachen könnte. Ich hatte keine spezielle Literaturgattung im Visier, nur ein Fachbuch sollte es nicht gerade sein. Also guckte ich bei Biographien, deutscher zeitgenössischer Belletristik, bei den Taschenbüchern und bei den englischsprachigen Werken. Normaler Weise gehe ich bei der Auswahl der Bücher nach Gefühl vor, d.h., ich lasse mich tatsächlich vom Bucheinband fangen, lese dann den Klappentext, um schließlich an einer x-beliebigen Stelle das Buch aufzuschlagen und einen Auszug zu lesen. Wenn mir gefällt, was ich lese, kommt das Buch erstmal in die engere Auswahl. Doch an diesem Tag konnte mich nichts begeistern, ich war inzwischen am Tisch der Romance-Bücher angekommen und blätterte lustlos ein Exemplar nach dem anderen durch. Mir war inzwischen unangenehm heiß, denn ich hatte meine Winterjacke an und der Laden war gut geheizt. Normaler Weise würde ich schon längst im Café sitzen und meine Beute anlesen. Irgendwann fing ich an zu überlegen, ob ich nicht doch lieber in die Stadtbücherei fahren sollte, als mir ein älterer Herr auffiel, der sich auch am Romance-Tisch zu schaffen machte. Ich musste schmunzeln, denn ältere, gut situiert aussehende Herren gehörten nach meiner Vorstellung nicht gerade zum Zielpublikum von romantischer Belletristik. Während ich überlegte, ob er vielleicht ein Geschenk für seine Enkelin oder Nichte auswählte, versuchte ich mir ein Grinsen zu verkneifen, doch es kam, wie es kommen musste, der Herr wurde auf mich aufmerksam. Er lächelte mich freundlich an und meinte: „Na, sie werden wohl nicht fündig?“ Ich bestätigte mit einem Kopfschütteln und lächelte zurück. „Normaler Weise lese ich diese Art von Büchern nicht, aber ich habe auch bei den anderen Genres nichts gefunden, was mich interessiert.“ Er nickte bedächtig und legte seinen Kopf schief. Schließlich fragte er: „Darf ich Ihnen trotzdem einen Buchtip geben?“ Ich war überrascht und sagte „Ja, gern!“ Er führte mich um den Tisch herum und nahm ein dunkelblaues Buch vom Stapel. Er hielt es mir direkt vor die Nase und erklärte: „Ich habe es verschlungen, Sie werden es lieben!“ Und schon fing er an, mir den Inhalt des Buches wiederzugeben. Es handelte von einer jungen Frau, die eine Anwältin in den USA ist und nach Asien, genauer Myanmar, fliegt, um dort über ihren Vater zu recherchieren, der einst ein Migrant aus Myanmar in Amerika war.
Während er weiter ins Detail ging, sprudelten Fachbegriffe wie Erzählperspektive, Erzählzeit und Protagonisten hervor, seine Augen begannen zu funkeln und seine Arme wedelten wild in der Luft herum, so begeistert war er von dem Buch. Seine Ausführungen waren so lebhaft, dass ich ehrlich gesagt dem Inhalt seiner Worte kaum folgte sondern vielmehr mit großer Sympathie seine Mimik und Gestik bewunderte. Ich glaube, ich hatte noch nie jemanden mit so viel Überzeugung von einem literarischen Werk sprechen sehen. Als er mit seiner Darstellung des Buchs fertig war, schließlich wolle er mir nicht das Ende verraten und das Lesevergnügen dadurch kaputt machen, fragte er „Und, was meinen Sie?“ Ich konnte nicht anders als Nicken und das Buch an mich nehmen. Wenigstens hatte ich jetzt etwas für die nächste Woche zum Lesen und musste nicht mit leeren Händen nach Hause gehen. Außerdem, wenn jemand so begeistert von etwas war, dann musste da ja was dran sein, oder? Ich bedankte mich höflich bei dem Herrn, der mir mit einem Blick auf das Buch in meiner Hand enthusiastisch zunickte und ging Richtung Kasse, froh, doch noch etwas zum Lesen gefunden zu haben.
Am Nachmittag setzte ich mich wie üblich mit Kaffee und Keksen auf mein Sofa und begann die Lektüre. Es fing recht vielversprechend an, die junge Frau, um die es ging, schien sympathisch und Myanmar hatte mich schon immer interessiert. Doch je weiter ich las, desto missmutiger wurde ich ob der Geschichte. Es war ein entsetzlich trauriges Buch und die Geschichte wurde immer trauriger so wie die Hauptfigur immer verzweifelter wurde. Ich hätte meinem Tipgeber vielleicht sagen sollen, dass ich doch eher das lese, was ich Erbauungsliteratur nenne: Geschichten von Menschen, die sich erfolgreich durch missliche Lagen und widrige Umstände kämpfen. Das, was ich da vor mir hatte, war einfach nur deprimierend! Abschied, unmögliche Liebesgeschichte, unüberwindbare Hindernisse und so weiter und so fort. Am Abend beschloss ich, das Buch nicht länger zu lesen, es ging mir nur noch auf und an die Nerven.
Glaubt es oder nicht, liebe LeserInnen, ich kann mich weder an den Autor noch den Titel der Geschichte erinnern. Ich habe das Buch damals in die „zu verschenken“-Kiste in unserem Hinterhof gelegt und kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Aber da ich das Buch auch niemals empfehlen würde, ist das nicht weiter schlimm. Immerhin habe ich zwei Dinge gelernt: erstens gibt es DAS Zielpublikum nicht, ich kann mir meine Vorurteile also sparen und zweitens, nur weil jemand anderes ein Buch fantastisch findet, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch mag. Ich habe mir seitdem auch nie wieder Lesetips von jemandem geben lassen. Allerdings bin ich dem Herrn bis heute dankbar über die kleine Anekdote, weil es einfach wunderbar war, ihm zuzuhören und zuzusehen, wie er voller Leidenschaft über dieses Buch sprach. Ich wünschte, ich könnte mal wieder über etwas so begeistert sein. Sollte mich allerdings demnächst ein Buch mal wieder so richtig fesseln, und jemand fragt mich dazu – ich werde mich zurück halten und einfach sagen: „lies und sieh selbst!“ Versprochen.