Wovon ich träum(t)e…

sdr

Neulich nachts, das Sandmännchen war schon längst wieder auf Tour, da kam eine gute Fee bei mir vorbei und sagte bedächtig: „Liebe Merle, ich sehe, Du tust Dich bisweilen recht schwer in Deinem Leben…wie wäre es, Du hast zehn Wünsche frei!“ Ich rieb mir den Sand aus den Augen, den Sandmännchen so sorgfältig verstreut hatte, dachte kurz nach und antwortete dann „Liebe Fee, das ist sehr großzügig von Dir, aber mit Wünschen und Wollen hab ich keine so gute Erfahrungen gemacht, aber wenn Du ein bißchen Zeit hast, erzähl ich Dir gerne, wovon ich träume.“ Die Fee dachte ihrerseits kurz nach und sagte: „In Ordnung, ich verstehe Euch Menschen ohnehin oft nicht, vielleicht kann ich noch was lernen.“ Sprach sie und setze sich dann mit unterschlagenen Beinen an das Fußende meines Bettes.

Und ich begann, ihr von meinen Träumen zu erzählen:

„Ich träume von Weltfrieden.“ Ich hörte ein Hüsteln und sagte „Wie bitte?“ „Och, nichts, nichts, sprich ruhig weiter.“ Ein weises Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Also, ich träume von Weltfrieden und davon, dass all die lange Jahre währenden Kriege aufhören, zum Beispiel in Palästina und Israel oder die vielen Kriege in Afrika. Ich träume davon, dass es keinen Terrorismus mehr gibt und keiner mehr Angst haben muss, von einer Bombe in die Luft gejagt zu werden, wie in Afghanistan oder Syrien. Und ich träume davon, dass Männer wie Trump nicht als Präsident gewählt werden, weil Menschen, die keine Angst haben vor Armut oder Überfremdung so einen Menschen nicht wählen würden.“ „Weise gesprochen“ sagte die Fee, „was noch?“

Ich überlegte kurz und fuhr dann fort: „Ich träume davon, dass alle Menschen ein schönes zu Hause haben. Für mich selbst träume ich von einem Haus am See, aber ich weiß, dass nicht jeder in einem Haus am See leben kann oder will. Ich fände es schon toll, wenn die hässlichen Ghettos in den Großstädten verschwinden würden und jeder in einer menschenwürdigen Gegend mit viel Grün wohnen könnte. Ich glaube, das würde die Menschen glücklicher machen und sie würden sich besser um ihr zu Hause kümmern wenn sie von Schönheit umgeben sind und nicht von hässlichen Betonbunkern.“ „Bist Du Dir da sicher?“ fragte die Fee und ich antwortete: „nein, aber einen Versuch wäre es wert.“ Die Fee sinnierte und forderte mich dann auf, ihr weiter von meinen Träumen zu erzählen.

„Ich träume davon, dass das Artensterben aufhört und wir uns keine Sorgen mehr um Eisbären oder den sibirischen Tiger machen müssen. Ich träume davon, dass der Bestand der Bienen sich erholt, damit die Blumen unserer Früchte weiter bestäubt werden. Ich träume davon, dass die Elefanten und Nashörner Afrikas in Frieden leben und nicht von Elfenbeinhändlern niedergemetzelt werden….,“ ich sah Tränen in den Augen der Fee und verstummte. Nach einer Pause fuhr ich fort: „Ich habe keine Kinder, aber ich träume davon, dass alle Kinder dieser Welt die Möglichkeit haben, die Schönheit der Schöpfung zu sehen, nicht nur in Büchern oder Filmen, wenn der Klimawandel noch mehr Arten hat aussterben lassen.“ Die Fee nickte, tupfte sich mit einem seidenen Taschentuch die Tränen weg und murmelte: „Mach weiter…“

„Ich träume davon, dass kein Mensch mehr hungern muss. Genug zu Essen hätten wir ja, aber die Verteilung klappt nicht, wegen diesem bescheuerten, ungerechten Welthandel. Aber egal wo, ob in Afrika oder in Deutschland, kein Mensch soll Hunger leiden müssen!“ Die Fee und ich nickten uns resolut zu.

„Ich träume davon, dass es keine Gewalt mehr in Familien gibt. Das Kinder sicher und geliebt aufwachsen und keine Angst vor den Eltern oder sonstwem haben müssen.“ Jetzt fing ich an zu heulen und konnte nicht weiter reden. Die Fee strich mir sanft über den Rücken und murmelte beruhigende Worte. Alsbald hatte ich mich gefangen und fuhr fort:

„Ich träume davon, dass kein Mensch mehr arbeiten muss, der nicht arbeiten will. Ich stelle mir so was ähnliches wie Kommunen vor, in denen alle Generationen gemischt miteinander leben und jeder einbringt, was er möchte und gut kann. Oder ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre auch wunderbar, dann hätten wir wahrscheinlich keine Arbeitslosen mehr und jeder könnte nach seinen Talenten leben.“
Die Fee nickte mir aufmunternd zu. „Und wenn es viele solcher Mehrgenerationendörfer gäbe, müssten auch nicht so viele Leute in ein Altersheim, man könnte sich die Betreuung dann teilen!“ Die Fee und ich waren begeistert von der Idee. Doch ich ging zum nächsten Punkt weiter:

„Ich träume davon, dass die Menschen respektvoll und liebevoll miteinander umgehen und sich mit Achtung und Wertschätzung begegnen. Ich verstehe nicht, warum es immer wieder so viele Konflikte geben muss, Menschen sich über Nichtigkeiten streiten und jeder will immer Recht haben oder mehr haben als der andere. Das macht mich ganz krank. Ich träume von einer Gesellschaft, in der Selbstliebe und Nächstenliebe geübt werden, das kann doch nicht so schwer sein…“ Die Fee sah mich überrascht an und sagte dann leise: „Ich dachte, Du weißt, warum das so ist.“ Ich dachte eine Weile nach und meinte dann: „Ja schon, weil wir alle den Kontakt zu unserem wahren Selbst verloren haben, aber das muss doch nicht so bleiben.“ „Nein“, erwiderte die Fee, „das muss nicht so bleiben, es sind schon viele Menschen auf dem Weg dahin, genau wie Du, aber es wird schon noch eine Weile dauern, bis sich das auf weiteren Ebenen bemerkbar macht.“ Ich nickte traurig und saß ein Weilchen still da. „Erzähl mir weiter von Deinen Träumen, bitte.“ Und ich gehorchte und dachte zum ersten Mal nur über mein eigenes Leben nach.

„Ich träume von einem Haus am See und einem Leben mit dem von mir erwählten Mann, meinen Katzen und Hunden und Ziegen und Hühnern. Ich träume von einem riesigen Garten und einem Bach, der darin verläuft. Ich schreibe und male oder bin im Garten und ab und zu haben wir Gäste und dann wird gefeiert, mit Musik und gutem Essen…“ Die Fee lachte und rief: „Oh ja, das klingt herrlich, sobald Du soweit bist, komme ich jeden Abend vorbei, versprochen“ rief sie und grinste schelmisch.

„Ich träume von Gesundheit und Ausgeglichenheit, von tiefem inneren Frieden und einem Leben in Einklang mit der Natur. Ich träume von der Weisheit und Kraft, mein Leben so in die Hand zu nehmen, dass ich meine Träume verwirklichen kann.“ „Das ist ein sehr kluger Wunsch…äh, pardon, Traum,“ sagte die Fee. „Und was ist Dein zehnter und damit letzter Traum?“

Darüber musste ich nun nicht mehr nachdenken:

„Ich träume davon, dass andere Menschen meine Träume teilen und ich von Menschen umgeben bin, die dasselbe träumen, und wer weiß, eines Tages…“. Die Fee klatschte in die Hände und rief „Hervorragend! Besser hätte ich es nicht formulieren können!“ Ich lachte ob ihrer Begeisterung, die so gar nicht zu ihrem zarten Wesen zu passen schien und wir nahmen uns lange in den Arm. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Als ich am Morgen aufwachte, hatte ich eine vage Erinnerung an das, was in der Nacht geschehen war und wurde mir immer sicherer, dass das alles nur ein Traum gewesen sein konnte. Bis ich drei lange, silberne Haare auf meinem Kopfkissen fand…

Wovon träumt Ihr…?

Eure Merle

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