Grenzen

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Heute möchte ich mich mit einem Thema beschäftigen, das mich schon lange umtreibt und mich immer wieder in tiefe Unzufriedenheit stürzt. Es geht um die eigenen Grenzen und darum, sie zu erkennen und zu akzeptieren, wobei mir vor allem letzteres schwer fällt.

Wenn mich das Leben an Grenzen bringt, werde ich oft ungeduldig, hadere mit dem Schicksal und werfe mir selbst vor, es nicht besser zu können. Ich glaube, versagt zu haben oder suche die Schuld bei jemand anderem und will nicht akzeptieren, was ist.

Ich habe zum Beispiel lange Zeit nicht akzeptieren können, dass ich keine ethnologische Karriere werde machen können. Ich habe sehr erfolgreich Ethnologie studiert, aber leider zu spät bemerkt, dass lange Reisen in entfernte Länder überhaupt nicht mein Ding sind. Diese sind allerdings ein essentieller Bestandteil im Beruf des Ethnologen. Also redete ich mir lange Zeit ein, ich würde das mit dem Reisen schon noch hinbekommen und flog 2003 tatsächlich auch nach Syrien. Doch spätestens bei dieser Reise merkte ich, dass der Stress, die Ängste und der Aufwand, sie zu überwinden, in keinem Verhältnis stehen zu dem, was mir die Reise geben konnte. Wer ständig mit Angst beschäftigt ist, kann nicht entspannt reisen. Als ich das einsah und endlich meinen Traum vom Ethnologenberuf verabschieden konnte, vielen mir gleich mehrere Steine vom Herzen und ich konnte mich endlich darauf konzentrieren, was ich anstelle dessen gerne machen würde.

Ich kenne einige Menschen, die gerade im beruflichen Bereich auch an ihre Grenzen gestoßen sind, sei es, weil sie krankheitsbedingt arbeitsunfähig sind, oder weil sie eine bestimmte Qualifikation oder Fähigkeit nicht mitbringen. Ein Bekannter von mir wollte unbedingt einen Lehrstuhl im Fach Psychologie, bis er nach der Habilitation endlich einsehen musste, dass er einfach nicht gut vor anderen Menschen sprechen kann. Auch er war erleichtert und konnte sich erst nach einer Alternative umsehen, als er sich sein Handicap eingestanden hatte und von seinem Traum verabschiedet hatte.

Doch auch zwischenmenschliche Beziehungen können uns an unsere Grenzen führen. Ich habe es einige Mal erlebt, dass ich über längere Zeit versuchte, eine bestimmte Angewohnheit oder einen Persönlichkeitszug von Freunden oder meinem Freund zu akzeptieren, bis ich mir darüber klar wurde, dass ich das einfach nicht konnte, es ging nicht. Ich kann mich nicht zwingen etwas zu tolerieren, dass mir vollkommen gegen den Strich geht. Ich habe mir dieses Unvermögen auch oft vorgeworfen, bis ich lernte, dass jeder Mensch seine Grenzen hat und diese auch wahren darf.

Die Erkenntnis, dass ich nicht alles können muss und dass ich nicht alles tolerieren muss war für mich sehr befreiend und in vielen Bereichen kann ich heute meine eigenen Grenzen viel besser verstehen und verteidigen. Das fängt an im Supermarkt, wenn mir jemand beim Anstehen an der Kasse zu nahe auf die Pelle rückt, geht weiter zum „Nein“-sagen, wenn mich jemand um etwas bittet, das ich nicht erfüllen kann oder will und endet vorerst bei der Akzeptanz meiner Angst vor Reisen. Ich sage vorerst, weil es noch einige Ängste gibt, die ich zu akzeptieren erst lerne.

Ich will hier übrigens nicht dafür plädieren, dass wir aufhören sollen zu versuchen, unsere Träume zu leben. Ich habe nur die Erfahrung gemacht, dass vor der Veränderung die Akzeptanz dessen, was ist, steht. Und von manchen Träumen muss man sich vielleicht auch tatsächlich im Lauf eines Lebens verabschieden. Ich denke hier zum Beispiel an eine Freundin, die gerne Kinder gehabt hätte. Sie traf leider nicht den richtigen Partner für eine Familiengründung und ist inzwischen zu alt, um Kinder zu bekommen.

Egal, ob es sich nun um körperliche oder seelische Grenzen handelt, ich glaube inzwischen, dass sie uns menschlich und liebenswert machen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass gerade da, wo wir an unsere Grenzen kommen, eine besondere Portion Selbstliebe angebracht ist. Sicherlich ist es in manchen Fällen angemessen, über verpasste Chancen zu trauern. Grenzen zu erkennen kann sehr schmerzhaft sein und einen längeren Prozess der Neuorientierung nach sich ziehen. Doch wir sollten nicht länger als nötig mit dem hadern, was nicht möglich ist sondern stattdessen den Blick auf all die anderen auf uns wartenden Optionen und Potentiale werfen. Die eigenen Grenzen anzunehmen heißt also für mich, mich in meiner Menschlichkeit zu akzeptieren und gerade auch dafür zu lieben, was ich nicht kann. Wenn mir das gelingt, öffnen sich oft ganz neue Türen, die ich vorher gar nicht sehen konnte, weil ich so verbissen damit beschäfigt war, ein Hindernis zu überwinden, das gar nicht an der Reihe war.

Wie oben bereits erwähnt, gelingt mir das bei weitem nicht immer, gerade Geduld ist nicht unbedingt einer meiner Stärken. Was mir aber inzwischen hilft ist meine Überzeugung, dass alles seine Zeit hat und dass immer dann, wenn ein eingeschlagener Weg viele Hindernisse bietet und viel Kraft kostet, ich mich inzwischen frage, ob ich nicht einen anderen, müheloseren Weg einschlagen kann. Nach dem bekannten Motto, ich bitte um die Weisheit zu erkennen, was ich ändern kann und was nicht, um die Kraft, das zu ändern was sich ändern lässt und um die Geduld zu akzeptieren, was sich nicht ändern lässt.

Ich wünsche allen noch einen schönen Abend!

Eure Merle

 

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