
Könnt Ihr Euch noch an Euer erstes Handy und an die Einführung der Emails erinnern, oder den ersten PC? Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich Emails und dem Internet, das Mitte der 90er seine Verbreitung erfuhr, extrem skeptisch gegenüber stand. Meine ersten Hausarbeiten an der Universität schrieb ich, ebenfalls Mitte der 90er, noch mit der Schreibmaschine, bis mir eine Freundin ihren „alten“ PC überließ. Als ich in meinem ersten Studentenjob begann, mit dem PC zu arbeiten, war ich zunächst schier am Verzweifeln, weil ich ständig Angst hatte, eine falsche Taste zu drücken und alles am Bildschirm würde sich plötzlich verändern oder komplett verschwinden. Was dann auch ein paar mal tatsächlich passierte, bis sich eine Kollegin erbarmte und mir das „Word“-Programm erklärte. Bei jeder Email die ich schrieb, hatte ich die Befürchtung, sie würde doch nicht ankommen oder zu spät oder falsch adressiert und das Internet war mir einfach viel zu unübersichtlich und als wissenschaftliche Quelle ohnehin nicht geeignet. Man könnte also grob zusammenfassen, dass ich eine ängstlicher Userin digitaler Medien war – die sich aber ziemlich flott in all die Errungenschaften hineinfand und heute würde ich sagen, dass ich einen sehr kompetenten Umgang mit all den zur Verfügung stehenden Medien pflege.
Dazu gehört auch, dass ich mir, und das wurde mir erst kürzlich bewusst, eine Welt ohne Emails gar nicht mehr vorstellen kann. Auch mein Smartphone möchte ich nicht missen, denn es ist nicht nur als sms-Kommunikator extrem praktisch sondern besonders dann, wenn ich eine Wegbeschreibung zu einem mir bislang unbekannten Ziel benötige. Davon abgesehen ist es mein Wecker und beinhaltet meinen Kalender. Als Bloggerin verbringe ich natürlich auch jeden Tag einige Zeit mit meinem Laptop und schreibe meine Texte nicht per Hand oder Schreibmaschine.
Und was wäre, wenn das alles plötzlich wegfallen würde? Angenommen, ich käme in eine Situation, in der ich das alles nicht mehr nutzen kann? Ich glaube, ich würde erstmal ganz schön doof aus der Wäsche gucken. Und da frage ich mich, wie haben wir das denn alles früher gemacht? Richtig, es wurden Briefe geschrieben, manchmal zwei oder drei Mal, wenn es um etwas offizielles ging, bis keine Tip,- oder Schreibfehler mehr drin waren. Wir haben uns zum Telefonieren verabredet oder man lebte eben damit, dass jemand mal nicht erreichbar war und überhaupt ging die ganze Kommunikation viel langsamer und der Stadtplan war auch noch in Gebrauch. Eigentlich müsste einem schwummrig werden, wenn man bedenkt, wie sehr wir unser Leben durch digitale Medien beschleunigen. Mir wird aber leider eher mulmig wenn ich mir vorstelle, ich müsste wieder auf die althergebrachten Methoden zurück greifen. Dabei finde ich die Vorstellung, meiner Freundin in Berlin mal wieder einen Brief zu schreiben, sehr schön. Die Sache hat nur den Haken, dass ich es nicht tue, stattdessen tauschen wir regelmäßig sms aus. Vor zwanzig Jahren waren es noch mindestens 10-seitige Briefe, die wir wöchentlich austauschten.
Da fällt mir gerade ein, dass ich auch die riesigen Säcke Katzenstreu im Internet bestelle und auch mal das ein oder andere Kleidungsstück oder Medikament. Nein, ich möchte wirklich nicht darauf verzichten. Gut, muss ich ja jetzt auch nicht, aber nachdenklich stimmt es mich schon, dass ich so abhängig von so vielen elektronischen Medien bin. Und was wenn meine Speicherung und die Sicherungskopien irgendwann defekt sind, dann sind auch aberwitzig viele Fotos und Texte futsch. In diesem Moment überlege ich ernsthaft, ob ich nicht alles mal ausdrucken sollte, als materielle Sicherungskopie sozusagen. Und ich frage mich: brauche ich mehr digitale Abstinenz?
Ein lieber Freund von mir hat noch ein echtes Handy, also kein Smartphone. Da der Akku langsam zickt, möchte er sich eigentlich ein neues Handy zulegen, aber er musste unlängst feststellen, dass es nur noch Smartphones gibt – oder Seniorenhandys mit sehr großen Zahlentasten. Er überlegt jetzt ernsthaft, sich ein Seniorenhandy zu kaufen, weil er sich mit Smartphones nicht anfreunden kann.
Als ich neulich in meine Bank ging und die nette Dame am Schalter bat, einen Übertrag von meinem Sparbuch auf mein Girokonto zu tätigen, fragte sie mich erstmal entrüstet, ob ich denn kein Online-Banking mache. Ich gab ebenso entrüstet zurück, dass ich das nicht tue, weil es mir zu unsicher ist. Daraufhin grunzte sie unzufrieden und nahm dann die Überweisung vor. Ich bin sehr dankbar, dass sie sich den Vortrag über die Sicherheit des Online-Bankings sparte. Ich hätte ihr ohnehin nicht geglaubt.
Worauf ich mit diesen beiden Beispielen hinaus will, ist, dass wir offensichtlich auch in einer Welt leben, in der es immer schwieriger wird, den digitalen Funktionen aus dem Weg zu gehen. Ich finde es schon bemerkenswert, dass es keine „einfachen“ Handys mehr auf dem Markt gibt und ich bin gespannt wie lange es noch dauert, bis mir meine Bank mitteilt, dass alle handischen Überweisungen extra Geld kosten oder nur noch online durchführbar sind. Selbst wenn ich also wollte, komme ich vielem (bald) nicht mehr aus. Bei der Telekom und den Stadtwerken bekommt man die Rechnung nur noch per Email, wenn ich bei meinem Hausarzt anrufe dudelt erstmal ein Band die Infos zu „doctolib“ herunter und fordert mich auf, meinen Arzttermin im Internet zu buchen. Das mache ich dann doch nicht mit und bleibe lieber etwas länger in der Warteschleife, um den Termin persönlich zu vereinbaren.
Die Sache mit den digitalen Medien ist also ziemlich ambivalent, stelle ich fest. Während ich einerseits bei manchen Dingen nicht mitmache – zum Beispiel dem social-media-Wahnsinn, ich habe keine facebook-twitter-instagram-Profile, oder dem Online-Banking – sind sie mir an anderer Stelle liebgewonnene Gewohnheit und alltägliche Gebrauchsgegenstände geworden. Sollte ich irgendwann wirklich mal in die Bedrouille kommen, kein Strom und kein Netz zu haben, werde ich das auch überleben, aber hoffentlich nicht zu lang. Ich folgere für mich nach diesen Ausführungen, dass ich mich erstens um ein besseres Sicherungskopien-System kümmern werde und zweitens nehme ich mir fest vor, wieder mal den einen oder anderen Brief zu schreiben. Mir ab und zu eine digitale Auszeit zu verordnen scheint mir auch nicht verkehrt, denn ich kann mir gut vorstellen, dass diese zur Entschleunigung und einem Gefühl der Erdung beitragen würde. Ich nehme mir das mal vor und schaue, wie weit ich damit komme. Ich werde darüber berichten.
Wie haltet Ihr es mit Smartphone, Laptop und Co.? Schreibt mir, wenn Ihr Lust habt!
Eure Merle