
Das Schamgefühl ist wohl eines der unangenehmsten Gefühle, die wir Menschen kennen. Ich möchte darüber heute schreiben, weil ich glaube, dass viele Menschen sich viel zu oft schämen und weil ich glaube, dass das Schamgefühl oftmals manipulativ benutzt wird, um andere zu beschämen und so klein zu halten.
Scham ist laut dem Psychologischen Wörterbuch Dorsch „…eine Reaktionsform zum Erleben des Bloßgestelltseins, des Schuldigseins, des Versagthabens, des Prestigeverlusts u.ä. (…) Das Erleben der Scham ist ein peinliches Gefühl mit Verlust an bejahender Beziehung zu sich selbst, zum Mitmenschen, zur Welt. (…) Man trennt nach Leibesscham und seelischer Scham, nach „verbergernder“ und „behütender“ Scham, wobei letztere dem Menschen hilft, peinliche Erfahrungen zu vermeiden (…).“ Dorsch 2009, S. 873.
Laut dem Eintrag „Grundgefühl“ in Wikipedia (25.9.2018) zählt Martin Dornes, ein Soziologe und Psychologe, die Scham sogar zu den menschlichen Basisemotionen. Dies sind Emotionen, die allen Menschen kulturell übergreifend inne wohnen und transkulturell verständlich sind; es sind in der Regel auch Emotionen, denen keine anderen Gefühle zugrunde liegen. (Meistens werden als die sechs Grundgefühle angegeben: Wut, Trauer, Ekel, Überraschung, Angst und Freude.) Ich würde die Einordnung des Schamgefühls als Grundgefühl insoweit einschränken, als dass die Gründe für Scham in unterschiedlichen Kulturen verschieden sind. In China schämen sich Menschen für andere Dinge als in Deutschland, die Scham ist also ein Gefühl, das extrem abhängig von der jeweiligen Gesellschaft ist, in der man lebt. Dass das Schamgefühl als solches jedoch in jeder Kultur vorkommt, davon bin ich überzeugt.
Wir erlernen uns zu schämen schon als Kinder. Wie sich das Schamgefühl bei Kindern im Alter von ca 3, 4 Jahren ausbildet, ist wiederum abhängig davon, wie die Eltern mit Schamgefühlen umgehen. Dabei meine ich nicht nur den Umgang mit Nacktheit oder körperlichen Vorgängen sondern auch, ob Kinder für „Fehlverhalten“ geschimpft und beschämt werden. „Du solltest Dich schämen!“ ist ein Spruch, den ich zumindest aus meiner Kindheit noch sehr gut kenne. Wenn Kinder anfangen, sich selbst und die anderen in der Welt zu begreifen und beginnen zu verstehen, was sozial akzeptiert ist und was nicht, setzen auch Schamgefühle ein. Das bedeutet, Scham ist ein Gefühl, das ein Gegenüber bzw. den oder die Andere(n) benötigt. Für mich allein schäme ich mich erstmal nicht, wenn ich nackt bin, aber wenn ich nackt durch die Straßen laufen müsste, würde ich mich schämen.
Wie aus dem Artikel über Scham im Psychologischen Wörterbuch hervorgeht, gibt es auch eine schützende, positive Funktion der Scham, die behütende Scham. Da ich gelernt habe, was in unserer Gesellschaft gemeinhin als angemessen gilt, werde ich mich nicht nackt mitten in die Innenstadt stellen und laut singen. Dass mich mein Schamgefühl davon abhält, zeigt seine behütende Funktion vor beschämenden Situationen, sowohl was den Körper betrifft als auch das soziale Verhalten. Ich gehe zum Beispiel nicht einfach hinaus in die Welt und frage wildfremde Leute nach persönlichen Details, dafür würde ich mich schämen.
Hier fängt allerdings schon der Graubereich an. Wäre ich eine Journalistin und würde eine Reportage über Schlafgewohnheiten machen, wäre es gesellschaftlich akzeptiert, fremden Menschen persönliche Fragen zu stellen. Allerdings kommt natürlich auch hier das jeweils individuelle Schamgefühl zum tragen, das heißt, je nach Charakter, Persönlichkeit und Erziehung werde ich mich vielleicht auch dann schämen, wenn ich weiß, dass das, was ich tue, nicht aus dem sozialen Rahmen fällt oder mich sogar für meine Nacktheit schämen, wenn ich allein in meinem Zimmer bin.
Und das bringt mich zum zentralen Punkt meiner Überlegungen: was passiert, wenn uns ein ungesundes Maß an Schamgefühl eingeimpft wurde? Wenn wir aufgrund unserer Erfahrungen ein ständiges Gefühl von verbergender Scham in uns tragen und es gar nicht mehr darauf ankommt, ob da ein Gegenüber ist, das uns gerade für irgendein Verhalten tadelt, weil wir diese Stimme schon so verinnerlicht haben? – Ich glaube, das ein ausgeprägtes Schamgefühl dazu führt, dass ein Mensch tatsächlich das positive Gefühl von sich in der Welt verliert und auch kein gutes Gefühl für die Beziehung zwischen dem Selbst und der Welt entstehen kann. Scham macht klein und führt zu dem Impuls sich verstecken zu wollen oder sich andauernd zu entschuldigen und beraubt uns unseres positiven Handlungsimpulses.
Gerade Menschen in Machtpositionen haben oft ein untrügliches Gespür dafür, wie sie die von ihnen abhängigen Menschen beschämen können, wie sie mit dem Schamgefühl der Untergebenen spielen können. Ich selbst hatte Jahre lang einen Vorgesetzen, der mit Verachtung und autoritärer Haltung auf dem Schamgefühl seiner Mitarbeiter herumritt wie nichts Gutes. Aber auch außerhalb der Arbeit habe ich Situationen erlebt, in denen Erwachsene zu einen Häufchen Elend wurden, weil sie vor versammelter Mannschaft gerügt oder degradiert wurden. So etwas zu beobachten führt bei mir unweigerlich zum Gefühl des Fremdschämens, ich bin peinlich berührt, wenn andere Menschen vor mir bloßgestellt werden.
Für mich ist Scham ein schwer zu akzeptierendes Gefühl, auch wenn ich den evolutionären Sinn des Schamgefühls durchaus verstehe. So wie die Angst ihren Nutzen hat, hat auch die Scham ihre Berechtigung. Ohne Angst würde ich vielleicht ohne Zögern über viel befahrene Straßen gehen und ohne Scham, wer weiß, würde ich vielleicht tatsächlich nackt durch die Straßen gehen. Allerdings sei hier die Frage erlaubt, ob das tatsächlich ein Anlass wäre, mich zu schämen? Muss ich mich für meinen Körper schämen? Nicht überfahren zu werden, ist ein guter Grund, Angst zu haben. Ist nicht nackt gesehen zu werden ein guter Grund für Scham? Offensichtlich ist das Schamgefühl dafür zuständig, dass wir nicht aus der Gemeinschaft ausgestoßen werden, denn diese war zumindest in der Evolution ein wichtiger Schutz des individuellen Lebens. Heute ist der Einzelne in vielen Gesellschaften weit weniger abhängig von der Gruppe und gerade in den westlichen, industrialisierten Gesellschaften sind viele gesellschaftliche Zwänge im 20. Jahrhundert einer größeren inviduellen Freiheit gewichen. Kann damit auch die Scham weichen bzw. ist das Schamgefühl vielleicht sogar auf gesellschaftlicher Ebene geringer geworden? Schämen wir uns weniger als unsere Großeltern?
Oder schämen wir uns heute einfach nur für andere Dinge als unsere Vorfahren? Das halte ich für ziemlich wahrscheinlich, denn auf kultureller Ebene haben sich einige Normen und Regeln doch so verändert, dass Gründe, für die man sich vor 100 Jahren bloßgestellt vorkam, heute kaum mehr Anlass zur Scham bieten. Ich denke da an Scheidung oder das Zusammenleben ohne Trauschein zum Beispiel. Ich glaube, dass gerade das Schamgefühl die Beziehungen zwischen Mann und Frau und die Sexualität betreffend, in den letzten Jahrzehnten aufgeweicht wurde. Das halte ich für eine gute Entwicklung denn Scham verhindert Kommunikation und Offenheit, Dinge, die zu einer gleichberchtigten, guten Beziehung dazu gehören.
Dafür mag es heute andere Gründe geben, für die man sich neuerdings schämt. So weiß ich zum Beispiel von Frauen, die sich dafür schämen, nicht arbeiten zu gehen und nur für ihre Kinder da zu sein. Es ist ihnen peinlich, dass sie nicht das Bedürfnis haben, neben Haushalt und Kindererziehung auch einem Beruf nachzugehen und Karriere zu machen.
Es scheint mir so, als würde sich das Schamgefühl mit den jeweiligen gesellschaftlichen Normen und Regeln verändern. Wir sind wahrscheinlich nicht schamfreier als unsere Großeltern, wir schämen uns nur für andere Gründe. Vielleicht ist auf der individuellen Ebene mit der, dankenswerter Weise, in Verruf geratenen autoritären Erziehung das Einbläuen von Schamgefühlen auch weniger geworden, ich würde es mir zumindest wünschen.
Denn ich glaube, dass Scham – neben ihren schützenden Funktionen – ein zutiefst destruktives Gefühl ist, dass einen Menschen in seinem Sein extrem einengen und gefangen halten kann. Ähnliche wie Schuldgefühle führen übermäßige Schamgefühle zu Selbstabwertung und Isolation, zu einem verzerrten Selbstbild und negativem Weltbild. Ich weiß auch nicht, ob Scham hilfreich ist, wenn man jemand anderem geschadet hat; ich glaube, dass Scham einer persönlichen Veränderung eher im Weg steht, weil sie verhindert, dass man zu sich selbst steht. Interessanter Weise kenne ich vor allem Menschen, die sich für, nach meinem Dafürhalten, nichtige Kleinigkeiten schämen – oder aber Menschen mit großem Autoritäts,- oder Machtbewusstsein, die anderen durchaus Schaden zufügen – sich dafür aber meines Wissens nicht schämen.
Und so schließe ich meine Überlegungen zum Schamgefühl mit der Feststellung, dass sie zwar ein allgemein menschliches Gefühl ist, ich aber ihren heutigen Nutzen in Frage stelle, vor allem, da, wo sie im Übermaß empfunden wird. Ohne den behütenden Faktor in Abrede stellen zu wollen, glaube ich, dass sie oftmals mehr Schaden anrichtet als hilfreich zu sein, sowohl was die individuelle Entwicklung als auch eine eventuell angemessene Wiedergutmachung für ein Gegenüber angeht. Ich glaube jedenfalls nicht, dass ein weniger an Schamgefühl zu einer Gesellschaft außer Rand und Band führen würde – ich kann mich aber auch täuschen…
Was denkt Ihr über Schamgefühle und wie geht Ihr damit um?
Eure Merle
Scham
Es ist,
als ob man, in ihr, gebadet wurde ,
wie eingelegt darin,
mariniert.
Man hat es aufgesogen,
in alle Poren ist es gedrungen,
jede Faser hat die Information,
man ist, wie, damit geborn.
Man kann sich verkleiden,
damit’s keiner sieht,
man kann sich waschen,
damit’s keiner riecht,
man kann sich verstellen,
damit’s keiner merkt.
Doch sich selber,
kann man nicht belügen,
kann man nicht betrügen.
Sie bleibt immer da,
ein Leben lang,
weil man sie ist,
mit Haut und Haaren,
in jeder Zelle,
jedem Knochen,
sitzt sie fest.
Ist groß wie ein Fels,
der droht dich zu zermalmen,
ist schwarz wie die Hölle,
in die du fällst,
ist rot wie die Glut,
die dich verbrennt.
Erst wenn du Tod bist,
verlässt sie dich.
Sophia Bhb
8.2017
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Hallo Sophia, danke für Deinen Kommentar. Ich entnehme den Worten großes Leid und großen Schmerz – schreibst Du von Dir selbst? LG; Merle
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