Begegnung – Nr.3

mde

Wer schon ein paar meiner Beiträge gelesen hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass ich Angst habe, zu verreisen. Reisen sind ein ganz großes Thema für mich. So auch vor einigen Jahren, als ich unbedingt auf ein Mediationsseminar nach Italien wollte. Nachdem die etwas komplizierte Anreise zu dem mitten in der Pampa gelegenen Hotel glücklich geklappt hatte, stand ich plötzlich unversehens in meinem – zugegeben wunderschönen – Hotelzimmer und zitterte vor Angst. Ich war allein in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht verstand, ich war irgendwo in der Toskana in einem Wald und hatte keine Ahnung, wie ich täglich zu dem Veranstaltungsort kommen sollte noch wie ich zum Dorf auf dem Hügel gelangen konnte, um mir dort Verpflegung zu organisieren. (Dass der Hotelmanager fast lupenreines Deutsch sprach, fand ich erst am nächsten Tag heraus, aber gut.) Jedenfalls stand ich also nun da, ängstlich und ohne Orientierung, als ich all meinen Mut zusammen nahm und ich mir dachte: „Pah, das wäre doch gelacht, wenn ich jetzt nicht den Weg zum Dorf finde, ich mache mich einfach auf!“ Gesagt, getan. Ich stapfte wild entschlossen durch die Bäume auf dem einzigen Pfad, den ich gesehen hatte bei der Anreise und dachte mir, der wird mich schon irgendwo hinführen. Die Bäume rauschten links und rechts, der Wald murmelte vor sich hin und mich verließ fast wieder der Mut. Ein paar Mal tief durchatmen und weiter gehen… einfach einen Schritt nach dem anderen machen… vor mir machte der Pfad eine Biegung und als ich um die Kurve ging, kam mir ein Hund entgegen, genauer ein Bernhardiner. Ich war freudig überrascht, denn erstens mag ich Hunde sehr gern, zweitens wedelte dieser freundlich mit dem Schwanz und drittens dachte ich, es würde ein Mensch dazu gleich um die Ecke kommen. Der Hund kam auf mich zu und schmiss sich an mich ran als wäre er Jahre lang nicht gekrault worden. Also kraulte ich ihn erstmal ausgiebig und rief dann ein paar mal „Hallo“ in den Wald, aber niemand kam oder antwortete. Ich beschloss, den Weg weiter zu gehen, schließlich hatte ich ja noch was vor, ich wollte ins Dorf. Der Hund lief eifrig vorne weg und wartete auf mich, sobald er mich aus den Augen verloren hatte. Nach einer Weile kam es mir so vor, als würde er mich führen wollen. Immer wieder kam er zu mir, lief dann wieder ein Stück voraus um dann an einer Abzweigung wieder zurück zu kommen. Ich vertraute dem Hund, ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich nahm den Weg, den er nahm und tatsächlich standen wir irgendwann an der Straße, die hinauf zu dem Dorf in der mittelalterlichen Festung führte. Der Hund ließ mich nicht allein. Er setzte sein vor und zurück fort und begleitete mich den ganzen Weg bis ins Dorf. Zwischendurch stubste er mich immer wieder an, um gekrault zu werden – oder Leckerchen zu bekommen, die ich nicht hatte – und als ich mich, glücklich im Dorf angekommen, an einen Tisch des erstbesten Cafés setzte, setzte er sich neben mich und wartete. Für mich war dieser Hund ein Engel. Er hatte mich nicht nur von meiner Angst abgelenkt sondern auch noch den ganzen Weg begleitet, als ob er genau wüsste, wo ich hin will. Gut, so viele Abzweigungen gab es jetzt nicht auf dem Pfad, aber dennoch fühlte es sich so an, als ob er extra für mich mit mir ins Dorf gegangen war. Allerdings wurde ihm nach einer Weile langweilig und er begann, andere Gäste an den Nebentischen mit Anstubsen zu belästigen und ich hatte Mühe zu erklären, dass das nicht mein Hund sei. Was mir irgendwie keiner zu glauben schien, als er sich an meine Fersen heftete, während ich ein paar Einkäufe erledigte. Der Hund kam den ganzen Weg zurück zum Hotel mit und verabschiedete sich dort um wieder seiner Wege zu gehen. Ich war völlig fasziniert und restlos überzeugt, dass hier ein kleines Wunder stattgefunden hatte, in der Gestalt eines Hundes, der mich vor meiner Angst rettete. Einige Tage später erklärte mir der Hotelmanager, dass der Hund einem in der Nähe wohnenden Bauern gehörte und dass er gerne Touristen hoch ins Dorf führe. Es klang so, als wolle er mir sagen, der Hund sei darauf abgerichtet worden – doch das war und ist mir egal. Für mich bleibt es eine wundersame und im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Begegnung, die ich nicht vergessen werde.

Wann hattet ihr Eure letzte zauberhafte Begegnung?

Eure Merle

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