
Aus aktuellem Anlass möchte ich mich heute mit der Angst, abgelehnt und gerügt bzw. kritisiert zu werden, beschäftigen. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch diese Angst kennt, schließlich wollen wir alle angenommen und akzeptiert sein und wir befinden uns alle in Abhängigkeitsverhältnissen, seien diese emotionaler, finanzieller oder anderweitiger Gestalt.
Derzeit befindet sich ein Freund von mir in einer sehr misslichen Lage, da er krankheitsbedingt eine Dienstreise nicht antreten kann. Ich war ein Stück weit sozusagen Zeugin des Entscheidungsprozesses, ob er sich nun krank melden darf oder doch lieber die Zähne zusammen beißen und fahren sollte, und bin unter dem Eindruck unseres Gesprächs immer noch etwas erschüttert darüber, wie ein erwachsener Mensch in Angst vor den Konsquenzen des eigenen, wohl überlegten Handelns geraten kann. Mir ist klar, dass ich mich selber wieder finde in seinen Ängsten und Überlegungen und dass ich selbst, als ich noch erwerbstätig war, mir wunderbar über Stunden den Kopf zerbrechen konnte, ob ich mich krank melden darf oder nicht. Bei jeder Krankmeldung hatte ich vor negativen Auswirkungen Angst, angefangen bei einer Abwatschung durch meinen Vorgesetzten bis hin zu Jobverlust.
Eigentlich sollte man meinen, dass der Fall ganz klar ist: wenn man krank ist, geht man nicht arbeiten und meldet sich beim Arbeitgeber arbeitsunfähig. Aber durch die gegebenen Abhängigkeitsverhältnisse ist der Fall eben nicht so klar. Es ist nicht einfach für sich einzustehen, wenn man weiß, dass signifikante Andere unterschiedlicher Ansicht sind bzw. etwas gegen mein Tun einzuwenden haben. Wenn man dann noch, so wie ich, als Kind gelernt hat, dass für sich selber einzustehen immer schmerzhafte Folgen nach sich zieht, befürchtet man diese auch später noch, selbst wenn man eigentlich weiß, dass rational betrachtet die negativen Folgen wahrscheinlich nicht eintreten werden.
Ich weiß gar nicht, was schwieriger ist: sich einem Arbeitgeber und Vorgesetzen gegenüber abgrenzen zu müssen (wo am Ende die finanzielle Abhängigkeit steht und das Arbeitsklima in Schieflage geraten kann) oder von einem Menschen, von dem man emotional abhängig ist, also einem Freund oder Partner. In beiden Fällen kann die Beziehung leiden und können Konflikte entstehen, die womöglich weitreichende Konsequenzen haben. Das Abwägen des Für und Wider, sich entscheiden zu müssen, ob man dem eigenen Willen und Gefühl folgt oder dem des Gegenübers, kann ein quälender innerer Prozess sein.
Das gemeine an der Angst ist, dass sie den Blick auf das vernebelt, was wir wirklich wollen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich selbst zermartert habe, als ich vor vielen Jahren neben meinem Job ein Fernstudium beginnen wollte, wogegen mein damaliger Freund einige Einwände hatte. Sein Hauptproblem war, dass ich dann viel weniger Zeit für ihn bzw. uns habe würde. Ich hatte überhaupt nicht mit so einem Argument gerechnet und begann, erstaunt und erschrocken, darüber nachzudenken, ob es von mir zu egostisch ist, so ein Fernstudium durchziehen zu wollen. Ich entschied mich damals für das Studium und habe es nie bereut. Auch wenn ich weder das Studium beendete noch die Beziehung hielt. Aber ich kann mich gut daran erinnern, wie verunsichert ich war und meine Entscheidung in Frage stellte, weil die Person, die ich liebte, mit ihr nicht einverstanden war.
Es gibt oft zig gute Gründe, Kompromisse einzugehen oder sich selbst hintan zu stellen. Ich finde es auch zu einfach, den Rat zu erteilen, man müsse immer den eigenen Willen durchsetzen und ohne Rücksicht auf Verluste bei sich bleiben. Ja, ich möchte mir selber treu bleiben und keine faulen Kompromisse eingehen, das halte ich sogar für sehr wichtig. Aber spätestens wenn mein Handeln auch Auswirkungen auf andere hat, finde ich es in der Regel nicht verkehrt, auch deren Standpunkt zumindest in Betracht zu ziehen. In manchen Fällen sind Kompromisse hilfreich, in anderen ist es besser, wenn ich kompromisslos bin. Ich würde sagen, das hängt vor allem auch davon ab, wie wichtig mir eine fragliche Sache ist. Das Fernstudium war mir damals unglaublich wichtig, deswegen entschied ich mich trotz der Konflikte dafür, bei weniger großen Fragen kann ich auch gut einmal nachgeben.
In der Psychologie gibt es ein, wie ich finde, recht hilfreiches Modell für Situationen, in denen man sich vor die Entscheidung „ich-oder-das-Gegenüber“ gestellt sieht: man zerlegt die Situation in drei Faktoren, nämlich 1.Beziehung, 2. die Sache an sich und
3. Selbstwert und überlegt, welches einem wie wichtig ist. Man kann sich auch vorstellen, pro Faktor drei Murmeln zu haben und sucht dann aus, welcher Faktor je nach Wichtigkeit ein, zwei oder drei Murmeln bekommen würde. Diese Krücke kann eine Hilfe dabei sein, dass ich mir darüber bewusst werde, ob mir die Beziehung wichiger ist als die Sache an sich oder auch ob mir mein Selbstwert wichtiger ist als die Beziehung. Mir gefällt das Modell, weil es unsere Bezogenheit zur Umwelt berücksichtigt und gleichzeitig den Selbstwert in die Überlegung mit einbezieht und weil es der Tatsache Rechnung trägt, dass die drei Faktoren eben nicht immer das gleiche Gewicht für uns haben.
So lange ich keine beziehungslose Insel bin, werde ich immer wieder Angst haben, andere vor den Kopf zu stoßen, den Unmut meins Gegenübers auf mich zu ziehen oder Kritik zu ernten. Ich glaube, das Wichtigste ist, einzusehen, dass es im Leben immer wieder Konfliktpotentiale geben wird und dass ich es nicht immer allen recht machen kann. Die Kunst ist es, neben der Angst herauszufiltern, was ich brauche und möchte um dann mit Klugheit zu entscheiden, was brauche ich auf jeden Fall und worauf kann ich ggf. verzichten bzw. wo kann ich dem Gegenüber entgegen kommen. Angst ist ein schlechter Ratgeber, deshalb ist es wichtig zu differenzieren, wo spricht meine Angst aus mir, welche Befürchtungen entsprechen einem alten Muster und was ist, rational gesehen, tatsächlich wahrscheinlich. Wie so oft geht es auch hier um das Abwägen und Vereinbaren von Kopf, Herz und Bauch und trotzdem bleibt natürlich immer ein Restrisiko, dass ich mich in der Einschätzung der Lage getäuscht habe. Wer trotz dieser Angst den Mut aufbringt, zu sich selbst zu stehen, hat schon ein großes Stück Lebenskunst gemeistert.
Wie immer freue ich mich über Kommentare und verbleibe
Eure Merle
😘 Danke
LikeLike
Sehr gerne, liebe Jumo, ich freue mich, wenn Dich der Artikel anspricht! 🙂
LikeGefällt 1 Person