Begegnung der anderen Art

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Ich in ein friedfertiger Mensch. Wenn ich in Konfliktsituationen gerate, versuche ich immer, ruhig zu bleiben, dem anderen zuzuhören und das Gespräch nicht eskalieren zu lassen. Meistens gelingt mir das. Gestern jedoch wäre ich beinahe selbst eskaliert und ich bin froh, dass es bei dem „beinahe“ blieb. Ich saß mit einer Freundin in unserem Stammcafé, welches recht klein ist, so dass man das Geschehen im Raum – ob man will oder nicht – gut mitbekommt. Nachdem wir bestimmt eine gute Stunde über dies und das geplaudert hatten, kam ein stark alkoholisierter Mann in das Café und stellte sich an den Thresen, um den Besitzer und seinen erwachsenen Sohn zu einem Schnaps einzuladen. Ich war zunächst überrascht, dass die beiden sich darauf einließen, aber meine Freundin wies mich darauf hin, dass die Höflichkeit und der Geschäftssinn das nunmal verlange. Wie dem auch sei, während Besitzer und Sohn es bei dem einen Schnaps beließen, trank der Mann immer weiter und verwickelte den Inhaber in ein anstrengendes und lautes Gespräch, wovon ich mich kaum abgrenzen konnte, obwohl wir doch ein paar Meter weit weg saßen. Soweit ich es mitbekam, sonderte der Gast vor allem alkohol-geschwängerten Nonsense ab und es rang mir schon fast Bewunderung ab, dass der Inhaber immer noch freundlich und gelassen mit dem Betrunkenen redete. Währenddessen versuchte ich, das Gespräch mit meiner Freundin wieder aufzunehmen und mich nicht ablenken zu lassen, was mir allerdings nur schwer gelang. Endgültig abgelenkt war ich aber, als der Gast begann, trunken durch den Raum zu wanken und sich unserem Tisch näherte. Er war kaum mehr Herr seiner Sinne und hatte, wie ich dann bemerkte, den Hosenschlitz offen, was es auch nicht besser machte. Ich hielt die Luft an und bemühte mich um Fassung, denn wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann sind das stark alkoholisierte Menschen in meiner unmittelbaren Nähe. Meine Anspannung steigerte sich soweit, dass ich kurz davor war, aus der Haut zu fahren. Der Betrunkene fand dann in einer ausladenden Runde wieder zurück zum Thresen und ich atmete erstmal erleichtert auf. Doch es dauerte nicht lange, da fing er wieder an zu wandern und kam an unseren Tisch, und dieses Mal öffnete ich schon den Mund, doch er bekam gerade noch die Kurve und wankte zurück an die Bar. Als er kurz darauf auf der Toilette verschwand, beschlossen meine Freundin und ich zu zahlen und zu gehen. Ich war auf hundertachzig und musste, als wir draußen waren, erstmal Dampf ablassen. Ich ärgerte mich, dass ich nichts gesagt hatte obwohl ich ahnte, dass es besser so war, denn ich hätte laut, sehr laut gesprochen und meinem Ärger unmissverständlich Luft gemacht. Ich glaube, dass meine Freundin recht hat, wenn sie sagt, dass ich damit nur zur Eskalation beigetragen hätte, sie selbst wäre kurz davor gewesen, ihn ruhig und sachlich darauf hinzuweisen, dass er sich uns nicht nähern soll, weil wir seine Gesellschaft nicht wünschten. Ich glaube ja ehrlich gesagt, dass er das in seiner Verfassung gar nicht verstanden hätte. Und ich muss mir selber eingestehen, dass mir das völlig egal gewesen wäre, mir ging es gar nicht um Verständigung, sondern ich wollte erstens schnellstmöglich erreichen, dass er sich entfernt und zweitens meine Wut äußern, undzwar ungefiltert. Und das kommt wirklich nicht oft bei mir vor. Aber Betrunkene in meiner Nähe provozieren einen Teil in mir, sofort in Hab Acht Stellung zu gehen und in den Kampfmodus zu schalten. Ich muss auch einsehen, dass ich mich ein bißchen über unseren ruhigen Rückzug ärgere, es macht mir etwas aus, meinem Ärger nicht dort Luft gemacht zu haben, wo er hingehört. Fairer Weise muss ich jedoch sagen, dass der Gast in dem Café nur kurz davor war, uns handfest zu belästigen, er ist sozusagen qua Körperschwankung daran vorbeigeschrammt und insofern wäre mein Ausbruch nicht angemessen gewesen und es ist gut, dass ich mich zurück gehalten habe. Trotzdem frage ich mich heute, ab wann denn die Belästigung eingesetzt hätte? Wann wäre es denn angemessen gewesen, zu reagieren und wie? Muss man wirklich immer ruhig bleiben? Muss ich in einem Tagescafé tolerieren, dass ein betrunkener Mann mit offener Hose vor mir herumwankt? Hätte der Inhaber eventuell ein Wort an den Gast richten sollen? Ich muss sagen, mich lässt diese Begegnung einigermaßen verunsichert zurück, weil mir der artige Rückzug der Frauen doch etwas zu simpel erscheint. Andererseits ist es natürlich besser, keinen Streit angefangen zu haben, oder?

Was meint Ihr dazu? Wie hättet Ihr reagiert?

Eure, ein wenig ratlose, Merle

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