
oder: Von der Kunst der Abgrenzung.
Um es gleich vorweg zu nehmen: ich kann mich oft schlecht abgrenzen. Besonders akustische Reize sind für mich schwer auszublenden, schon kleine Geräusche können mich aus dem Takt bringen. Aber auch Geschichten die ich lese, Filme die ich sehe und natürlich das, was andere mir erzählen, berührt mich oft sehr und hinterlässt Spuren bei mir. Ganz besonders wenn es Menschen, die mir nahe stehen schlecht geht, merke ich, dass ich in puncto Abgrenzung noch viel Luft nach oben habe.
Warum ist das so? Nun, zum einen erinnert mich manches an mich und an schlechte Zeiten, die ich durchgemacht habe, zum anderen habe ich große Empathie und fühle mit den Menschen in meinem Umfeld. Ich achte sehr darauf, nicht in Mitleid zu verfallen, wenn jemand um mich leidet, ob mir das immer gelingt, da bin ich mir nicht sicher. Ich finde es teilweise sehr schwer, da den richtigen Grad zu finden. Heute habe ich zum Beispiel eine Freundin im Krankenhaus besucht, der es sehr schlecht geht. Das nimmt mich mit, ich spüre ihre Leid und ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass da nicht auch eine Spur Mitleid in meinem Mitgefühl ist. Obwohl ich mir dessen bewusst bin, dass Mitleid niemandem hilft, schon gar nicht der Person, der es schlecht geht. Idealer Weise ist man die beste Hilfe oder Stütze wenn man nicht mitleidet sondern ein starkes und zuversichtliches Gegenüber, das zuhört und positiv in die Welt blickt und das auch transportieren kann. Aber manchmal ist der Schmerz, den jemand hat, so groß, dass auch ich keine Worte finde und nicht stark und zuversichtlich in die Welt blicken kann, weil die Welt oder das Leben manchmal einfach nicht schön sind sondern anstrengend, deprimierend und eben schmerzhaft. Das zu leugnen kommt mir auch nicht richtig vor, ich möchte ja den anderen mit seinen Gefühlen auch ernst nehmen. Aber hier fängt der Seiltanz zum Mitleid meines Erachtens an: den Schmerz des anderen ernst nehmen aber nicht selbst hineingehen. Die Erfahrung des anderen nicht schön reden wollen, aber nicht im Leid mit versinken. Das finde ich bisweilen unglaublich schwierig.
Sich im Angesicht von unangenehmen Erfahrungen oder Schicksalsschlägen der anderen bewusst zu bleiben, dass es die Geschichte des anderen ist und nicht die eigene, ist nach meiner Erfahrung eine große Kunst. Es gehört schon eine große Portion Selbst-Bewusstheit dazu, sich beispielsweise bei einer schweren Krankheit klar abzugrenzen und bei sich zu bleiben. Bei-sich-bleiben ist ein schöner Wunsch, aber wie oft gelingt uns das wirklich? Ich bin keine Insel, sondern stehe in Beziehung zur Welt und den Menschen in ihr und mit manchen Menschen verbindet mich ein besonderes Interesse, eine besondere Sympathie, wenn nicht (freundschaftliche) Liebe – wie kann ich da im Angesicht von Tränen und Schmerzen nur bei mir bleiben? Ich empfinde mit, gehe in den Emotionen mit und nehme Anteil und finde das völlig normal. Und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass ich eine „bessere“ Freundin wäre, wenn ich weniger „mitgehen“ könnte.
Vielleicht ist mein größter Hemmschuh aber auch, dass ich zu sehr glaube, dem anderen helfen können zu müssen. Aktiv etwas für den anderen tun zu müssen. Vielleicht muss, ja vielleicht kann ich das gar nicht. Vielleicht ist mein Schmerz auch darin begründet, dass ich eigentlich spüre: ich kann meinem Gegenüber nicht wirklich helfen. Ich kann nur da sein, zuhören, in den Arm nehmen. Das ist nicht wenig, aber für einige Anteile in mir auch nicht genug. Obwohl ich aus umgekehrter Erfahrung genau weiß, wie wichtig es ist, jemanden bei sich zu haben, der einfach nur da ist, wenn es einem schlecht geht. Es ist schon seltsam, wie schwer mir manche Dinge fallen, wider besseren Wissens.
In der Theorie weiß ich also, dass Abgrenzung wichtig ist, undzwar für den anderen wie für mich selbst, aber in der Praxis darf ich da noch viel üben. Genauso wie ich noch Geduld mit mir haben darf, wenn es nicht klappt. Das Leben wird mir jedenfalls noch genügend Übungsfelder zur Verfügung stellen, da bin ich sicher.
Für heute verbleibe ich nachdenklich
Eure Merle
Es gibt Situationen, da braucht es keine Worte, wichtig ist es da zu sein. Ja Abgrenzung ist manchmal sehr schwer, ganz besonders bei Menschen, die einem nahe stehen!
Du scheinst ein sehr sensibler Mensch zu sein und da ist Abgrenzung wohl ein Drahtseilakt!
Herzliche Sonntagsgrüße Babsi
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Liebe Babsi, vielen Dank für Deinen verständnisvollen Kommentar! Ich bin wohl manchmal etwas zu streng mit mir 😉
Ich wünsche Dir auch einen schönen, sonnigen Sonntag! LG, Merle
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