Umarmt Euch!

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Heute morgen ist mir aufgefallen, dass ich in dem Beitrag, „10 Dinge, die das Leben angenehmer machen“ gar keine Umarmungen aufgeführt habe! Während ich mich noch fragte, wie das passieren konnte, wurde es mir auch schon klar: Umarmungen machen das Leben nicht angenehmer, sie sind essentiell wichtig und gehören daher in eine noch fertig zu stellende Liste von den Dingen, ohne die ich nicht leben kann.

Es ist schon eine Weile her, dass ich von jemandem hörte, der sich auf öffentlichen Plätzen – gerne in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Hug Me“ oder „Free Hugs“ – für Umarmungen anbot. Ich kann mich aber erinnern, dass solche Aktionen immer großen Anklang in der Bevölkerung fanden. Das wundert mich nicht. Wenn ich auch selbst kein Freund von Körperkontakt zu wildfremden Menschen bin, glaube ich gerne, dass es einen Umarmungsmangel in unserer Gesellschaft gibt. Ich weiß nicht, ob mein Eindruck stimmt, dass wir Deutschen etwas reservierter sind als zum Beispiel Italiener oder Franzosen, und Umarmungen oder andere Formen von freundschaftlichem Körperkontakt eher spärlich verteilen. Für mich persönlich gehört jedenfalls zur Begrüßung von Freunden und Familie eine Umarmung, undzwar eine ordentliche.

Eine ordentliche Umarmung bedeutet, dass sie länger als zwei Sekunden, also mindestens drei Sekungen dauert. Ich würde sagen, drei bis fünf Sekunden sind ein guter Durchschnitt. Dann muss ich die Arme des anderen auch wirklich um mich spüren und es darf ein bißchen gedrückt werden. Wenn das klappt, löst eine Umarmung bei mir ein Kribbeln aus und ich entspanne mich, wobei sich im besten Fall natürlich beide Umarmer entspannen. Ob man die Augen geschlossen oder offen hält, finde ich nicht so wichtig, wobei ich meine Augen meistens schließe um die Erfahrung des gehalten werdens besser genießen zu können.

Umarmungen und der Austausch von Zärtlichkeiten sind meines Erachtens lebenswichtig. Wahrscheinlich kann man auch ohne sie überleben, aber was wäre das für ein Leben? Ohne die Wärme eines anderen Krpers zu spüren oder eben das Gefühl des Gehalten seins? Wenn es mir schlecht geht und eine Freundin streicht über meinen Rücken, dann ist das, als würde jemand helfen, meine Flügel wieder aufzurichten. Eine Umarmung ist ein wunderbarer, wortloser Ausdruck des Angenommen seins und der Zuneigung, man darf sich kurz in die Arme des anderen kuscheln und weil es in der Regel auf Gegenseitigkeit beruht, stärken Umarmungen unsere Bindungen und sind für unseren Glückshaushalt extrem wichtig.

Soweit ich weiß, gibt es inzwischen sogar Gruppenseminare, auf denen sich vorher fremde Menschen treffen, um Zärtlichkeiten und Berührungen auszutauschen. Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, dachte ich mir nur: oh je, wie schrecklich, lauter fremde Menschen, die sich begrabschen. Aber inzwischen kann ich diese Gruppen gut verstehen, wenn es auch nichts für mich wäre. Doch die Existenz solcher Seminare zeigt ja, dass ein Bedarf an Körperkontakt vorhanden ist und dass dieser für viele offenbar nicht in Freundschaft oder Partnerschaft bzw. Familie gedeckt werden kann. Dann doch lieber auf solche Weise dafür sorgen, dass das Bedürfnis nach körperlicher Nähe erfüllt wird als ganz darauf zu verzichten!

Natürlich kann ich mich auch selbst umarmen. Aber das ist wie mit der Tasse Tee, wenn man krank ist: es ist einfach schöner, wenn sie mir jemand ans Bett bringt als wenn ich es selber machen muss. Trotzdem würde ich jemandem, der niemanden unmittelbar in seiner Nähe zum Umarmen, raten, damit anzufangen sich selbst zu umarmen, oder ein geeignetes Kuscheltier oder auch hinaus zu gehen und Bäume zu umarmen. Im zweiten Schritt würde ich dringend Aktivitäten im Außen empfehlen, die dabei unterstützen, Menschen auf der gleichen Wellenlänge kennen zu lernen, damit langfristig gesehen Freundschaften entstehen können, in denen man sich auch mal in den Arm nimmt.

Wenn man einen guten Draht zueinander hat, funktionieren bisweilen übrigens auch Umarmungen per sms – dann stelle ich mir eben vor, von meiner Freundin in Berlin in den Arm genommen zu werden, allerdings ist das als dauerhafte oder einzige Lösung natürlich nicht so befriedigend.

Ich finde übrigens, man darf auch sein Gegenüber ruhig einmal bitten, umarmt zu werden, wenn man gerade das Bedürfnis danach hat. Was ist schließlich gegen diese wunderbare Geste einzuwenden, die uns hilft zu entspannen, loszulassen und die sogar noch den Blutdruck reduziert?! (Vgl. „Umarmung“ auf Wikipedia vom 2.10.2018.) Insofern mein Appell: umarmt Euch und genießt es!

Eure Merle

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