
Schon oft habe ich in Gesprächen mit Freunden, wenn ich mich zum Beispiel über das Ende eines schönen Tages beschwerte, gehört, dass die Schönheit und das Besondere ja gerade dadurch entstehen, dass sie zeitlich begrenzt und endlich sind. Ich kann dem Gedankengang folgen, fühle mich aber trotzdem oft um etwas betrogen, wenn etwas wunderbares, erfreuliches sich dem Ende zuneigt.
Das war schon in meiner Kindheit so. Wenn die Ferien begannen und ich zwei Wochen weggefahren bin, konnte es gut sein, dass ich die ersten Tage in Trauer verbrachte, wohlwissend, dass meine Ferien in zwei Wochen wieder vorbei sein würden. Ich habe diesen Charakterzug nie ganz ablegen können und noch heute passiert es mir, dass ich am Anfang einer schönen Unternehmung schon an das Ende denke und ins Brüten gerate. Da ich mir als Erwachsene bewusst bin, wie wichtig es ist, im Hier und Jetzt zu sein, halten diese Phasen dankenswerter Weise nicht mehr so lange an, aber grundsätzlich stehe ich immer wieder mal mit der Endlichkeit auf Kriegsfuß.
Das Gute am Lauf der Dinge ist ja, dass auch schlechte Phasen vorüber ziehen. Nichts bleibt und alles ist stetig im Wandel, das gilt für gute wie für schlechte Tage. Das ist manchmal ein schwacher Trost, hilft mir aber doch, wenn ich Wehmütig etwas Schönes loslassen muss, und sei es die wunderbar gemeinsam mit Freunden im Café verbrachte Zeit. Hilfreich finde ich auch, mir immer wieder klar zu machen, dass es in Zukunft wieder schöne Stunden geben wird und das Ende eines schönen Tages nicht das Ende aller schönen Tage ist.
Das mit der Endlichkeit ist eine vertrakte Sache. Denn sie treibt uns auch auf positive Art an. Mich zumindest motiviert sie, meine Zeit zu nutzen und nicht so vieles im Leben als selbstverständlich hinzunehmen. Hier war das Leben mir schon ein Lehrmeister; der Tod einer Freundin Anfang des Jahres hat mir auf schmerzhafte Weise vor Augen geführt, wie kostbar das Leben ist und dass wir nie wissen können, wann es zu Ende geht. Eigentlich ist mir erst damit klar geworden, dass der Tod zum Leben dazu gehört. Mit dieser Einsicht versuche ich, besonders die Zeit mit meinen Lieben bewusst zu verbringen.
Sich nicht der Begrenztheit und des Wandels im Leben bewusst zu sein, würde bedeuten, sich Illusionen hinzugeben, sich aber ständig der Endlichkeit bewusst zu sein, ist auch anstrengend. Ich habe hier noch nicht ganz den Bogen raus und noch keinen Mittelweg gefunden, der für mich wäre: die Endlichkeit nicht auszublenden und gerade deshalb jede Erfahrung im Hier und Jetzt so bewusst wie möglich wahrzunehmen und gegebenenfalls zu genießen.
Schließlich zeigt mir schon allein das älter werden, dass alles seine Zeit hat und nichts ewig andauert, dass wir der Veränderung unterliegen. Mein Musikgeschmack hat sich verändert, meine Freizeitvorlieben ebenso, mein Körper verändert sich und auch die Menschen, mit denen ich mich umgebe. Weltanschauung und Wertesystem sind im Wandel, genauso wie meine Träume und Ziele. Manchmal habe ich das Gefühl in einer Gesellschaft zu leben, die erwartet, dass man immer jung bleibt, immer der erfolgreich-dynamische Typ ist, der das Rad der Zeit anhalten kann. Manchmal habe ich den Eindruck, wir leben, als würden wir ewig leben, als blendeten wir Krankheit und Tod einfach aus. Einem erfolgreichen Menschen passiert so etwas nicht, als könnten wir den Tod durch Leistung, Erfolg und Arbeit einfach aufhalten. Aber dem ist natürlich nicht so.
Wir durchlaufen alle verschiedene Lebensphasen in denen unterschiedliche Dinge wichtig und zentral sind und verändern uns, im Idealfall wachsen wir sogar mit den Veränderungen. Wir sollten stolz darauf sein und uns vielleicht sogar das ein oder andere Mal selbst feiern, uns bewusst machen, dass wir wieder eine Schwelle überschritten haben und einen Übergang in eine neue Phase geschafft haben. Ich denke da an das Ende der Schulzeit, einen neuen Job, die Genesung von einer Krankheit, eine neue Beziehung, ein Umzug… es gibt viele Übergänge, die man feiern kann und die das Leben in seinem Lauf markieren.
Wenn wir diese bewusst wahrnehmen und feiern und uns der Besonderheit der einzelnen Schritte des Weges klar sind, dann können wir die Schönheit des Lebensflusses auch genießen, die grauen wie die geschmeidigen Tage akzeptieren und wissen: morgen ist neuer Tag und es geht immer weiter…
So verbleibe ich für den Moment
Eure Merle