Begegnung Nr. 4

sdr

Gestern in der Apotheke. Ich stehe am Tresen und warte darauf, bedient zu werden. Neben mir eine Familie mit einer kleinen Tochter, die vielleicht drei Jahre alt ist. Der Papa hebt sie auf das Ablagebrett, das um den Tresen herum führt und sie sagt mit heller, aber bestimmter Stimme: „Ich möchte bitte gern ein Traubenzucker haben!“ Alle sind entzückt, die Eltern lachen, weil ihre Tochter offenbar das in die Apotheke gehen schon mit Traubenzucker verbindet, und wenn der nicht pronto kommt, dann muss man halt was sagen! Völlig richtig. Die Apothekerin, wie alle im Bann der Kleinen, fängt sofort an, nach einem Traubenzucker zu suchen, wird fündig und überreicht es dem kleinen Mädchen. Und wie die Kinderaugen anfangen zu leuchten! Als ob der Traubenzucker die Sensation des Tages ist! Das Mädchen hält ihn erst hoch, betrachtet die Plastikhülle genau und fängt dann an, mit seinen kleinen Händen daran herum zu nesteln. Die Eltern, ganz pflichtschuldig, erinnern sie aber, bevor sie die Süßigkeit genießen darf, daran, danke zu sagen, was die Kleine auch ganz stolz macht. Noch während sie versucht, das Zuckerteil von der Hülle zu befreien, bekommt sie von der Apothekerin sogar noch ein Brausetütchen mit Aufklebern! Die Kleine strahlt über das ganz Gesicht und sagt voller Inbrunst „DANKE!“, es klingt ein bißchen so, als könne sie ihr Glück nicht fassen. Die Mutter hilft ihr endlich, das Traubenzucker auszuwickeln und sie steckt es genüßlich in den Mund und ein Kindergesicht genießt ohne Ende.

Ich bin immer noch völlig verzückt von der Szene, als mir eine Apothekerin gegenüber tritt und mich fragt, was es sein darf. Ich sage: „Manchmal ist es so einfach.“ Sie nickt und sagt:“ Ein Lächeln hervorzuzaubern…“ wir nicken und lächeln beide ganz versonnen…

Diese Begegnung hat bei mir Erinnerungen an meine Kindheit geweckt und daran, wie toll es war, beim Metzger eine Scheibe Gelbwurst zu bekommen und beim Bäcker einen Schokokuss oder eben in der Apotheke ein Traubenzucker. Ich ging schon mit der freudigen Erwartung mit meiner Mutter in die Läden aber wenn ich dann wirklich etwas bekam, war es sensationell!

Als ich gestern dieses strahlende Kindergesicht sah, musste ich an mein eigenes Kindergesicht denken und finde es schade, dass mich kleine Dinge längst nicht mehr so begeistern wie früher. Nicht, dass ich noch Gelbwurst vom Metzger möchte, aber ich werde andere kleine Gesten zum freuen finden, ganz bestimmt.

Ich wünsche Euch allen einen schönen Freitag Abend!

Eure Merle

2 Gedanken zu „Begegnung Nr. 4“

  1. Vielleicht liegt es auch daran, dass uns als Erwachsener keiner mehr überraschend ein Traubenzucker, Schokokuss, etc. schenkt. Schließlich kann man sich das ja selbst kaufen. Dabei wird vergessen, dass man sich ja trotzdem über solche Gesten freut und sie einem den Tag versüßen. Wir verlernen es jede Begegnung freudig und hoffnungsvoll zu erwarten. Oft werden Besuche bei Metzger, Bäcker, Aporheker und co, nur noch als zeitaufwendig gesehen und man hetzt und drängelt so schnell wie möglich durch. Vielleicht hilft es ja, wenn wir mal die kleinen Überraschungen übernehmen und z.B. dem Bäcker ein kleines Traubenzucker zustecken. Anderen eine Freude machen tut schließlich auch gut. Dann können wir wenigstens, voll freudiger Erwartung die Reaktion des anderen beobachten!!
    Ich wünsche auch dir Merle, wieder mehr kleine schöne Überraschungen in deinem Alltag! Liebe Grüße, Jumo

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    1. Liebe Jumo, ganz herzlichen Dank für Deinen wunderbaren Kommentar! Du hast Recht, mit beidem was Du sagst: ich hetze selber oft durch den Alltag und verpasse so vielleicht sogar die eine oder andere Überraschung und ich habe es selber bisher nicht kultiviert, anderen eine Überraschung zu bereiten! Vielleicht sollte ich damit mal anfangen und mir was überlegen… Danke für Deinen Denkanstoß! Ich wünsche Dir auch Überraschungen in Deinem Alltag, und zwar die von der schönen Sorte 😉 Liebe Grüße, Merle

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