Die Kunst zu Trauern

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Nachdem ich kürzlich über die Endlichkeit und den stetigen Wandel des Lebens geschrieben habe, scheint es mir nun logisch, mich einmal mit der Trauer zu beschäftigen. Der Trauer über Vergangenes, über nicht erreichte Ziele, über verlorene Träume und nicht gegangene Wege, aber auch über das (natürliche) Ende mancher Lebensphasen.

Da ich selber erst kürzlich eine folgenschwere Entscheidung über mein Leben treffen musste, fühle ich gerade eine unendliche Trauer über das, was zumindest im Moment nicht möglich ist, über Chancen, die ich nicht ergreifen konnte und Wege, die mir jetzt vielleicht für immer verbaut sind. Das weiß ich noch nicht. Aber sich für eine Sache zu entscheiden hat meistens zur Folge, dass man sich automatisch gegen andere Optionen entscheidet, und darüber trauere ich gerade.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich schwer loslassen kann. Ich erinnere mich, das für mich das Ende der Schulzeit unendlich traurig war. Nicht nur bin ich gerne zur Schule gegangen, ich ahnte auch, dass das, was alle den Ernst des Lebens nannten, der nun beginnen sollte, in keinster Weise so angenehm wie meine letzten Schuljahre werden würde. Ich tue mich schwer mit Neuanfängen, aber ich tue mich auch schwer zu Trauern. Und ich glaube, damit bin ich gar nicht so allein.

Dabei bietet das Leben so viele Wendungen, Tiefen und Verluste, dass es manchmal einfach traurig ist. Und dann sollte man auch trauern können und dürfen. Sich Zeit nehmen über das nachzudenken was war, sich verabschieden und weinen über Verluste. Vielleicht kleine Rituale des Abschieds durchführen, Briefe schreiben, oder einen Stein als Symbol für das Verlorene einem Gewässer übergeben. Ich glaube, dass richtiges Trauern so immens wichtig ist, weil man sonst nicht wirklich bereit für etwas Neues ist. Wer sich nicht verabschiedet hat, steckt noch mitten im Ablösungsprozess. Wer nicht geweint hat über das, was geht, der kann nicht frei atmen und den Duft des Neubeginns zulassen.

Ich glaube zum Beispiel, dass meine nicht ausgelebte Trauer darüber, dass ich einen bestimmten beruflichen Weg nicht einschlagen konnte, verhindert, dass ich neue Perspektiven sehe. Ich glaube auch, dass ich zu lange an Träumen festhielt, über das, was sein sollte, anstatt darüber zu trauern, was nicht eingetreten ist und dann befreit weiter zu gehen. Ich denke, ich kann von mir sagen, dass ich jetzt erst lerne, richtig zu trauern. Ich war lange darum bemüht, zu funktionieren und zu leisten und hatte auch nie das Gefühl, dass Phasen der Trauer gesellschaftlich akzeptiert sind. In unserer Leistungsgesellschaft haben wir keine gute Kultur der Trauer, fürchte ich. Nun, ich habe mir nun die Zeit und Möglichkeit zu Trauern genommen und merke, dass das gar nicht so einfach ist, da ich immer noch den Anspruch in mir trage, auf jeden Fall produktiv sein zu müssen. Also lerne ich erst einmal, dass ich jetzt gerade nicht produktiv sein muss und trauern darf.

Dazu gehört auch die radikale Akzeptanz dessen, was ich nicht kann oder was mir nicht möglich war bzw. ist, ohne mir selber dafür Vorwürfe zu machen. Gesundes Trauern heißt ja gerade nicht, in Bitterkeit oder Selbstabwertung zu verfallen, und auch das ist manchmal gar nicht so einfach. Geduldig und liebevoll Bilanz ziehen, sich neu ordnen um dann zu schauen, was das Leben JETZT zu bieten hat, wäre meines Erachtens ein gelungenes Ende des Trauerprozesses.

Bis dahin habe ich noch ein Stückchen des Weges zu gehen, ich habe noch nicht alle Tränen geweint, die geweint werden wollen und hadere noch ein wenig mit dem Lauf der Dinge, aber ich bin zuversichtlich, dass ich an den Punkt kommen werde, wo es dann mal gut ist und ich den Kopf hebe und sehen will, wie es weiter geht, welche Schritte als nächstes kommen dürfen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Trauernden und denen, die traurig sind, viel Geduld und Selbstmitgefühl…

Eure Merle

 

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