Woher weiß ich, wer ich bin?

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Von René Descartes stammt der Spruch: Ich denke, also bin ich. Diese Sicht auf den Menschen hat unser heutiges Menschenbild enorm mit geprägt, definieren wir uns doch in außerordentlich hohem Maße über unseren Verstand und unser Denken. Ich persönlich finde ja, dieses Menschenbild greift viel zu kurz, wir könnten auch sagen, ich fühle, also bin ich, oder, ich nehme wahr, also bin ich – vor allem aber sagt es uns nicht, wer ich bin. Was sagt uns, wer wir sind, wie wissen wir, wer wir sind?

Es gibt in meinem Leben immer wieder Tage oder ganze Phasen, in denen ich das Gefühl habe, nicht zu wissen, wer ich bin. Ich kenne natürlich meinen Namen und meine Adresse, ich weiß, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin, generell ist mit meinem Gedächtnis alles in Ordnung, aber ich weiß oft trotzdem nicht, wer ich bin. Was macht mich denn aus? Doch sicher nicht meine Name und mein Geburtstag oder Geburtsort? Meine Arbeit ist es auch nicht, kann es auch im Moment nicht sein, da ich gerade nicht erwerbstätig bin. Sind es meine Freunde und meine Hobbies? Oder die Summe aller gemachten Erfahrungen? Letzteres scheint mir noch am plausibelsten, aber wie ein Ich daraus kristallisieren? Sind es vielleicht meine Charaktereigenschaften und mein Wertesystem, die mich ausmachen? Und ist das Ich, das andere wahrnehmen das echte Ich oder das, welches ich selbst wahrnehme oder eine Melange daraus?

Oder bin ich in jedem Moment jemand anders, wenn ich spazieren gehe, bin ich, die, die spazieren geht und wenn ich Musik höre, bin ich diejenige, die gerade Musik hört? Das ist mir etwas zu dünn, denn das Spazieren gehen oder Musik hören macht ja auch etwas mit mir. Wie ich die Dinge tue und wahrnehme, wie ich reagiere und agiere, ist ja einzigartig, wie bei jedem Menschen, also kann es das reine Handeln nicht sein, das mich ausmacht.

Früher, als ich noch studierte und einen Plan hatte, wie mein Leben mal aussehen sollte und ich mich täglich mit Dingen beschäftigte, die mir unglaubliche Spaß machten und die mich interessierten, kam die Frage, wer ich bin, gar nicht auf. Ich war einfach selbstverständlich ich. Aber je älter ich werde und je mehr meiner Vorstellungen und Pläne ich ziehen lassen musste, desto größer wird für mich diese Frage. Ich weiß gar nicht, ob man sie überhaupt beantworten kann, aber es scheint mir wichtig, mich damit zu beschäftigen.

Mir gefällt ja die Idee, dass meine Identität eine Art Baukasten ist. Das heißt, dass sie sich verändern kann, dass ich je nach belieben Dinge hinzu- oder abbauen kann. Mein Ich ist also in meiner Vorstellung auch situationsgebunden. Das merkt man deutlich, wenn man verreist. Plötzlich kann die eigene Herkunft wichtig werden, wenn man in einem fremden Land ist. Ich bekomme Heimweh, vermisse meine Sprache oder erkläre plötzlich Menschen anderer Kulturen meine eigene.

Ich möchte eigentlich auch selbst bestimmen, wer ich bin, das heißt, ich möchte nicht durch Zuschreibungen oder Schubladen anderer Menschen definiert werden. Dennoch bleibt es natürlich nicht aus, dass Menschen, mit denen ich in Kontakt bin, sich ein Bild von mir machen, das möglicher Weise überhaupt nicht mit meinem Bild von mir übereinstimmt. Schlimm finde ich das nicht, aber je nach der Bedeutung des anderen Menschen für mich wird es mir wichtig, dass sich Selbst- und Fremdbild zumindest in großen Teilen überschneiden. Ob das anderen wohl auch so geht? Ich stelle mir vor, eine Freundin hat ein völlig anderes Bild von mir als ich selbst – mit wem ist sie dann befreundet?

Vielleicht sind aber all diese Überlegungen auch viel zu akademisch-theoretisch und abstrakt. Vielleicht macht uns einfach aus, was wir gerne tun! Ich schreibe, tanze und lese gerne, ich gehe gern spazieren und mag Hunde und Katzen. Außerdem liebe ich Gewässer und hätte gern ein Haus am See. Das sagt zumindest mehr über mich aus als die Daten auf meinem Personalausweis. Schwieriger wird es schon bei den Charaktereienschaften. Da würde ich jetzt gerne einen Joker ziehen und einen Freund befragen. Aha! Es geht also vielleicht doch nicht ganz ohne die anderen, wenn wir wissen wollen, wer wir sind. Nun, ich selbst weiß von mir, dass ich ungeduldig und öfter zappelig bin. Ich lache nicht viel aber gern und ich kann über mich selbst lachen. Ich bin Vegetarier, aber das ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine ethische Einstellung. Ich würde von mir selbst sagen, dass ich loyal und ehrlich bin, aber wer würde das nicht. Ganz schön schwierig, das mit der Selbstbeschreibung. Es hat auch einen gewissen Schamfaktor, weshalb ich vielleicht doch demnächst lieber einen Freund hinzu ziehe, wenn ich mal wieder wissen will, wer ich bin.

Ich könnte mir natürlich auch sagen, dass es völlig egal ist, wer ich bin, Hauptsache ich bin überhaupt! Aber das ist mir irgendwie zu einfach, das fühlt sich an als würde ich akzeptieren, eine leere Hülle zu sein. Ich halte also für den Moment mal fest, dass Identität wandelbar ist und zu einem gewissen Grad auch durch die Beziehung zu anderen gebildet wird. Es gehören Wertesystem, Vorlieben und Charaktereigenschaften wohl genauso dazu wie das Denken, Fühlen und unsere Wahrnehmung und Erfahrungen. So langsam dämmert mir, dass die Frage: Wer bin ich? niemals abschließend beantwortet werden kann. Wer ich bin, ist genauso wie das Leben im Fluss und verändert sich. Obwohl ich trotzdem der festen Überzeugung bin, dass wir alle, jeder für sich, einen festen, unveränderlichen Kern seines Seins hat. Wie dieser aber sich äußert oder zu beschreiben wäre, das weiß ich beim besten Willen nicht. Aber es muss der Ort sein, wo unser aller Einzigartigkeit sitzt, unser wahres Selbst, an das ich glaube.

Wahrscheinlich sind das Schichten unserer Existenz, die wir nur dann wahrnehmen, wenn es still um uns ist und wir tief in uns hören und spüren. Ich werde auf jeden Fall bei meinen nächsten Achtsamkeitsübungen versuchen, eine besonderes Ohr dafür zu haben und bin schon gespannt, auf was ich stoßen werde…

So verbleibe ich für heute ein wenig fragmentiert,

Eure Merle

 

 

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