Wir sind alle gleich viel wert!

mde

Hallo liebe LeserInnen, heute melde ich mich wieder mit einem Textbeitrag zurück, denn ich möchte über etwas schreiben, dass mich ziemlich umtreibt. Es ist ja kein Geheimnis, dass der Mensch ständig und überall bewertet, unser Verstand scheint in besonderer Weise drauf ausgerichtet zu sein, den Dingen einen Wert beizumessen. Bei manchen ist das mehr ausgeprägt, bei anderen weniger, aber völlig frei ist davon wohl niemand. Es ist schon ein großer Fortschritt, wenn ich bemerke, dass ich bewerte um dann inne zu halten und eben diese Bewertung im Idealfall loslassen zu können. So viel sei vorweg geschickt.

Nun gibt es aber immer wieder Situationen, in denen ich wenig Verständnis für Wertungen habe und das ist, wenn es um Menschen geht. Da kann ich mich wirklich aufregen und erzürnt sein, denn wir sind nunmal alle gleich wertig und die Würde des Menschen ist unantastbar. Nun ist es sicher kein Zufall, dass mich der aktuelle Aufreger in einer Versicherung antraf, nämlich meiner Krankenversicherung. Versicherungen wollen Kapital aus Menschen schlagen und stellen Menschen in Zahlen und Geldbeträgen dar, das ist mir schon bewusst. Aber nur weil das flächendeckend so ist,  heißt das ja nicht, das es gut ist. Konkret hatte ich ein Telefonat mit einem Sachbearbeiter über einen bestimmten Sachverhalt, in dessen Verlauf der Mann sagte, ich sei ein spezieller Fall, es wäre was anderes, wenn ich Krebs hätte. Ich entschuldigte mich, triefend vor Ironie, die dem Mann leider verborgen blieb, dass ich nicht mit einer Krebserkrankung dienen könne, dass ich aber doch darauf hoffte, dass meine Erkrankung auch ernst genomen würde. Im Verlauf des Gesprächs wurde deutlich, dass der Sachbearbeiter nicht nur eine Art Werte-Hitliste von Erkrankungen verwendete um zu argumentieren, wie Leistungen erteilt werden, sondern dass seine Vorgehensweise auch einen groben Denkfehler beinhaltete: nach seiner Logik müsste jemand, der sich beim Skifahren das Bein bricht, selber für die Kosten aufkommen, jemand der unschuldig in einen Verkehrsunfall verwickelt war, jedoch nicht. Raucher, die an Krebs erkranken, müssen selber für ihre Behandlung aufkommen, Nicht-Raucher jedoch nicht.

Es ging hier eindeutig um ein Schuldprinzip und dagegen wehre ich mich genauso wie gegen die Bewertung, ja Imagebildung, von Krankheiten! Ich habe als Arbeitnehmerin genauso viel in die Krankenkasse eingezahlt, wie jeder andere Arbeitnehmer und wenn wir jetzt anfangen, Leistungen nach dem Verursacherprinzip zu verteilen, dann wird es verdammt schwierig. Aber wie gesagt, bei einer Versicherung sollte mich das nicht überraschen und ich bringe dieses Beispiel hauptsächlich zur Veranschaulichung vor für ein, wie mir scheint, um sich greifendes Phänomen: die Einteilung von Menschen nach bestimmten Werten und Prinzipien, die jeglicher Grundlage entbehren:

Wer arbeitet ist mehr wert als ein Arbeitsloser, wer gesund ist, ist mehr wert als jemand der krank ist, wobei hier noch differenziert wird zwischen sozial akzeptierten Krankheiten und solchen, die ausgegrenzt werden müssen. Obdachlose haben keinen Wert, besonders insofern sie ihre Obdachlosigkeit selbst verschuldet haben. Wer viel besitzt ist mehr wert als jemand der arm ist – schließlich kann ja jeder in diesem Land reich werden, oder etwa nicht? Wer studiert hat ist mehr wert als jemand, der eine Lehre gemacht hat, und so weiter und so fort… Vielleicht habe ich den Satz weiter oben sogar falsch formuliert: „die Einteilung von Menschen nach bestimmten Werten und Prinzipien, die jeglicher Grundlage entbehren.“ Es kann aber gut sein, dass die Grundlage für diese Kategorisierungen der (vermeintliche) volkswirtschaftliche Nutzen ist! Tragen Sie viel zum Bruttosozialprodukt bei? Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ein Gewinner. Tragen Sie wenig oder gar nichts bei – tut uns leid, wir haben schon geschlossen…

Jedes Mal, wenn ich eine(n) Obdachlose(n) in unseren Straßen sehe, frage ich mich, wie wohl der Weg des Menschen dahin ausgesehen hat. Es ist eine Lüge, dass wir in einem gerechten System leben, dass allen die gleiche Chance gibt. Es mag sein, dass unser Land reich genug ist, allen ein warmes Essen und eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen und dass dies auch in den meisten Städten gewährleistet ist – aber ich kenne inzwischen genügend Geschichten und Menschen um zu wissen, wie leicht man aus dem „normalen“ Lebensraster fallen kann und wie schwierig es ist, wieder dorthinein zu finden.

Es ist eine Lüge, dass wir uns vor allem schützen und versichern können. Es gibt Schicksalsschläge, die kein Mensch geplant hat und für die niemand Schuld trägt, und doch können sie einen Menschen an den Rand seiner Existen bringen. Wer will da beurteilen oder verurteilen? Ich denke in diesem Zusammenhang zum Beispiel auch an Flüchtlinge, die unter den widrigsten Umständen ihren Weg hierher in ein sicheres Land gefunden haben, um dann von einer bestimmten Gruppe unserer Bevölkerung als Menschen zweiter Klasse behandelt oder betitelt zu werden.

Im Grundgesetz der BRD steht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und dass vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind. Sie sind es vielleicht vor dem Gesetz, aber nicht, wenn es um Schulen und Ausbildung geht, wenn es um die Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit geht (private Krankenversicherung!), sie sind es nicht, wenn es um die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geht oder die Verteilung der Güter in der Gemeinschaft. Geld sucht Geld, auch dieses Prinzip wird in unserem Land immer deutlicher spürbar.

Bei aller Kritik glaube ich immer noch, dass wir in einem der besten Systeme der westlichen Welt leben, dennoch stößt mir oben gesagtes furchtbar auf. Ich gestehe, ich bin etwas überfragt, wenn ich darüber nachdenke, wo man hier ansetzen könnte. Ich denke, Bewusstseinsbildung schon in den Schulen wäre gut, aber auch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und eine allgemeine Sozialversicherung, in die alle einzahlen müssten, wären ein großer Fortschritt.

Und ich wünsche mir mehr kritische Stimmen auf politischer und kultureller Ebene, Stimmen, die daran erinnern, dass Stigmatisierung und Ausgrenzung noch nie eine Lösung waren und dass soziale Gerechtigkeit keine leere Worthülse ist sondern eine Bedingung für sozialen Frieden!

Wir sind alle gleich viel wert – egal wo wir herkommen, wo wir wohnen, was wir arbeiten, welche Krankheit wir haben oder nicht haben, wie wir lieben, ob wir Kinder haben oder nicht, ob Mann oder Frau – keiner dieser Aspekte macht uns mehr oder weniger, wir sind alle Menschen.

Vielleicht bist Du auch schonmal ungleich behandelt worden? Kommentare sind wie immer herzlich gern gesehen!

Eure interessierte Merle

 

Hinterlasse einen Kommentar