Begegnung Nr. 5

 

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Oder: wie ich mir selbst begegnete und dachte: „Huch! Das bin ja ich!“ Ich weiß nicht, ob Ihr diesen Moment vor dem Spiegel kennt, meistens morgens, die Haare verwuschelt, die Augen noch halb zu, der Teint eher grau als rosig, diesen Moment, in dem man sich anblickt und denkt: das bin ich nicht, da guckt mir wer anders entgegegen. Und wenn man dann feststellen muss, doch, das bin ich, kommt ein kleiner Schreck, ein Augenblick der totalen Entfremdung. Eine Freundin von mir fasste das mal in dem schönen Satz zusammen: „Ich kenn Dich nicht, ich wasch Dich trotzdem!“

Ich habe solche Augenblicke öfter, zum Beispiel hängt bei mir im Flur ein Spiegel, nicht sehr groß, im Vorbeigehen sieht man gerade mal meinen Kopf und ein bißchen was vom Oberkörper. Ich nutze den Spiegel selten, um bewusst hinein zu sehen, er dient eher der Raumvergrößerung. Jedenfalls passiert es mir aber häufiger, dass ich im Vorbeigehen einen Blick auf mich erhasche und erschreckt feststelle: das bin ja ich!? Als ob die optische Wahrnehmung meiner Person vom Rest getrennt wäre und ich wirklich einer anderen Person im Spiegel begegnen würde. Kennt das außer mir noch jemand?

So genau habe ich noch nicht verstanden, was da in mir vorgeht, ich nenne es einfach Augenblicke der Entfremdung und wenn es nicht manchmal etwas Gespenstisches hätte, könnte man es ja auch ganz spannend finden, sich selbst zu begegnen. Ich weiß nicht, ob Spiegel der ideale Ort dafür sind, aber fangen wir mal bei der Oberflächenbetrachtung an: oft guckt mir ein sehr ernstes Gesicht entgegen, dass hie und da kleine Fältchen entwickelt, die Augen schauen oft eher verträumt oder ein wenig schlecht gelaunt, die Mundwinkel könnten öfter nach oben zeigen. Kurz, ich sehe oft ein Gesicht, bei dem ich denke: was denn, wirklich so schlimm? Musst Du alles so ernst nehmen? Lach doch mal ein bißchen mehr! Meistens muss ich dann wirklich grinsen. Was aber noch nicht zwingend heißt, dass mir mein Gesicht dann vertrauter vorkommt…

Mir fällt jedenfalls auf, dass ich mir selber, mit oder ohne Spiegel, oft sehr kritisch begegne und das gefällt mir nicht. Zu anderen Menschen bin ich in der Regel sehr viel freundlicher als zu mir oder meinem Spiegelbild. Man selbst ist oft der schärfste eigene Kritiker, und der kann ganz schon unbarmherzig sein. So passiert es mir immer wieder, dass ich in besonders stresslastigen Situationen in einer Art Beobachterposition bin, mir selbst zusehe und denke: was machst Du da gerade, das ist totaler Blödsinn! Oder aber im Nachgang, am nächsten Tag, gehe ich im Kopf nochmal die Ereignisse des vergangenen Tages durch als ob ich einen Film anschaue und denke, ts, ts, ts, was hast Du da wieder verbrochen…? Das sind Begegnungen mit mir selbst, die ich recht häufig habe und obwohl ich es gut finde, in einer Beobachterrolle zu sein, gefällt mir der Ton des Kommentators noch gar nicht. Den müsste ich mal auf eine Schulung für Selbstmitgefühl schicken.

Eine wieder andere Art mir selbst zu begegnen ist, wenn ich frühere Texte von mir lese oder Bilder, die ich gemalt habe, betrachte. Da kommt mir oft der Gedanke: echt, das war ist?? Es beschleicht mich dann zum Teil ein unwirkliches Gefühl, als müsste ich prüfen, ob das wirklich von mir ist um dann erstaunt und ja, oft auch positiv überrascht, festzustellen: Ja, das sind meine Produkte! Natürlich gibt es auch hier den ein oder anderen Scham beladenen Moment, so als ob man in seinen Tagebüchern aus der Teenagerzeit liest und sich vor Peinlichkeit krümmt… vielleicht sollte ich meinem Teenageralter mal wieder einen Besuch abstatten und vergleichen, wo ich inzwischen gelandet bin.

Natürlich kann man sich auch durch die Spiegelung in anderen Personen oder in seinen Haustieren begegnen. Meine Katzen zeigen mir immer ganz zuverlässig an, wie es mir gerade geht, ich müsste nur mal öfter auf sie hören. Wenn ich beispielsweise nervös und aufgeregt bin, kann ich sicher sein, dass mein Kater alles daran setzt, sich auf meinem Schoß zu einem Nickerchen niederzulassen. Wenn ich nur halbherzig ein Spielzeug auspacke und abwesend mit ihnen versuche zu spielen, kann ich davon ausgehen, dass sie darauf nicht eingehen. An ihren Reaktionen kann ich also ablesen, wie meine Stimmung wirklich ist und gegebenfalls erkennen, was ich gerade wirklich brauche.

So viel anders verhält es sich mit den menschlichen Gegenübern auch nicht. Wenn ich nur halb interessiert in Kontakt gehe, wird mein Gesprächspartner vermutlich auch das Interesse verlieren oder wenn ich schlecht gelaunt bin, wird sich das wahrscheinlich auf die Laune des anderen auswirken. Wenn ich das bemerke und mir dessen bewusst bin, dann begegne ich mir selbst im anderen – was natürlich auch für den erfreulichen Fall gilt: ich lache jemanden an und die Person lacht zurück!

Es gibt also zig Möglichkeiten, sich selbst zu begegnen, wobei ich die wahrscheinlich intensivste Form, die Meditation, noch gar nicht unter die Lupe genommen habe. Was daran liegt, dass ich gerne mehr meditieren würde, es aber selten tue, weil es mir unglaublich schwer fällt. Ich wüsste gern mehr über die verschiedenen Arten der Meditation, habe mich aber noch nicht intensiv damit beschäftigt. Vielleicht kommt die Zeit dafür noch.

Bis dahin, wer weiß, werde ich mich wahrscheinlich immer mal wieder entgeistert im Spiegel betrachten und mich fragen: wer ist diese Person da? und dann mit ihr lachen, oder vielleicht auch mal weinen…

Ich gehe zwar davon aus, dass die meisten Menschen diese Augenblicke der Entfremdung kennen, bin mir aber nicht sicher  – wenn also jemand von Euch Lust hat darüber zu berichten, würde ich mich freuen!

Für heute verbleibe ich,

Eure Merle

 

 

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