
Heute Abend bin ich noch auf eine kleine Geburtstagsfeierlichkeit eingeladen und ich weiß nicht, ob ich hingehen möchte. Das heißt, eigentlich weiß ich, dass ich lieber zu Hause bleiben würde, mich in meinen Pyjama schmeißen will und dann im Bademantel mit dicken Socken und Tee an meinem Rechner sitzen und schreiben möchte. Ich möchte nicht hinaus in den dunklen, kalten Herbstabend und zu Fuß durch die Kälte stapfen. Ich möchte es muckelig warm und gemütlich und ruhig haben und nicht in einer Kneipe eine Unterhaltung gegen den Lärm der gesammelten Gästeschar führen. So weit, so gut.
Aaaber ich möchte auch das Geburtstagskind und meinen Freund nicht enttäuschen und ich fände es schon schön, mal wieder ein paar bekannte Gesichter außerhalb meiner vier Wände zu treffen, ich bin in letzter Zeit nicht viel unterwegs gewesen. Aber vor allem möchte ich niemanden enttäuschen und es ist wohl an der Zeit zuzugeben, dass ich ein kleines bißchen harmoniesüchtig bin. Ich möchte immer gern, dass es allen gut geht und dass alle bekommen was sie wollen oder brauchen. Ich bin zum Beispiel auch gerne Gastgeberin bei Feiern und genieße es, alle zufrieden zu stellen, mich um die Gäste zu kümmern und für deren leibliches Wohl zu sorgen. Und wenn ich bei jemandem eingeladen bin, sage ich ungerne ab, weil ich weiß, wie sehr man sich als Gastgeberin auf die Gäste freut – und wie gesagt, ich möchte niemanden enttäuschen.
Eigentlich habe ich schon gelernt, „nein“ zu sagen und auf meine Bedürfnisse zu hören. Aber was mache ich, wenn ich zwei entgegengesetzte Bedürfnisse habe? Dann muss ich heraus finden, welches schwerer wiegt und genau das fällt mir heute Abend besonders schwer. Man könnte jetzt natürlich auch sagen, meine Güte, was für ein neurotisches Gelaber, dann gehst Du halt nicht auf die Feier, Ende der Geschichte – oder Du gehst, aber hör auf zu jammern. Dem muss ich mit einem entschiedenen JEIN entgegen treten. Denn wenn man ich ist, ist das nicht so einfach. Gehe ich auf die Feier, muss ich meinen Widerstand überwinden und meine kuschelige Bude verlassen, die Anstrengung dafür ist nicht zu unterschätzen! Bleibe ich aber zu Hause, empfinde ich einen geradezu körperlichen Schmerz bei dem Gedanken, wen ich enttäuschen werde. Und Geburtstag feiert man nur einmal im Jahr und das auch nicht jedes Jahr. In meinem Bemühen, im Hier und Jetzt zu sein, fällt mir manchmal die Entscheidung, wie ich mein Hier und Jetzt verbringen möchte, ganz schön schwer. Wenn jeder Tag als einmalig empfunden wird, kann die Auswahl an Möglichkeiten ganz schön belastend werden!
Nun sitze ich also hier und versuche herauszufinden, welche Argumente und Befindlichkeiten schwerer wiegen und es läuft auf ein Unentschieden hinaus. Manchmal werfe ich in solchen Situationen eine Münze – nicht zwingend um dann das zu tun, was die Münze sagt sondern um zu spüren, bei welcher Seite, also Entscheidung, ich die größere Enttäuschung empfinde. Da mir dieser Akt für heute Abend jedoch ein bißchen übertrieben scheint, schließlich geht es hier nicht um einen Staatsempfang und ich bin auch kein Ehrengast, lasse ich die Situation noch ein wenig länger auf mich wirken, trinke derweil Kaffee, rauche eine Zigarette und schreibe diese Worte. Ich habe übrigens noch ca. eine Stunde Zeit um mich zu entscheiden, dann wird es ernst 😉 .
Pause. Ich denke nach. Jetzt frage ich mich, was wohl das Geburtstagskind denken würde, wenn sie wüsste, wie ich mich hier gerade drehe und winde. Bin ich überhaupt ein guter Gast, wenn ich nur erscheine, um niemanden zu enttäuschen?? Kann ich mit der Feier mitgehen oder werde ich nur träge in der Ecke an meiner Apfelschorle süffeln und dann auch eine Enttäuschung sein? Hach, es dämmert mir, ich mache mir zu viele Gedanken und sollte einfach nach meinem Bauch entscheiden. Und Herz. Definitiv unentschieden, wir sind uns noch nicht einig. Puuhhhh.
Grundsatzfrage: warum ist es so schmerzhaft, andere zu enttäuschen, jemandem eine Absage zu erteilen, nein zu sagen – zumindest, wenn man denjenigen gerne hat? In einer guten Beziehung oder Freundschaft ist doch eigentlich mit eingeschlossen, dass ein nein akzeptiert wird. Sind es die Spiegelneuronen oder einfach nur die eigene Bewertung? Schließlich kann ich gar nicht wissen, ob oder wie sehr ich jemanden kränke, das könnte theoretisch auch alles nur mein Kopfkino sein. (Liebe LeserInnen, ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn sie an diesem Text langsam ermüden, ich finde es auch gerade zäh…)
Ich halte jetzt erstmal ganz abgeklärt fest, dass ich es nicht immer allen recht machen kann. Das ist eine Tatsache. Jetzt muss ich nur noch wissen, ob es für mich in Ordnung ist, es heute Abend zunächst mal anderen recht zu machen. Und ich denke, das kann ich vertreten. Ich werde mich einfach dick einpacken, dann frier ich auf dem Weg nicht und ich kann jederzeit wieder gehen, wenn es mir zu viel wird. Aber ich möchte die Möglichkeit nicht außer Betracht lassen, dass ich mich auf der Feier richtig wohl fühlen und mit Freunden Spaß haben werde, also ist die Entscheidung jetzt endlich gefallen.
Nicht alle Entscheidungen fallen mir so schwer, nicht, dass Ihr da jetzt einen falschen Eindruck bekommt! Aber der Titel dieses Beitrags ist schon ernst gemeint: ich empfinde einen Schmerz, wenn ich, zumindest von meiner höchst subjektiven Warte aus, es nicht allen recht machen kann. Es ist gut, dass mich trotzdem in der Regel mein Humor nicht verlässt, aber ich frage mich, ob es anderen Menschen auch so geht? Naja, vielleicht zumindest den Neurotikern unter uns…
Nun, da ich heute Abend noch was vor habe, beschließe ich hiermit meinen heutigen Beitrag und wünsche Euch allen ebenfalls einen schönen Samstag Abend!
Eure Merle