
Ich bin noch ganz aufgeregt, habe ich doch heute zum ersten Mal in meinem Leben einen Lottoschein ausgefüllt und abgegeben! Nachdem mich am Wochenende ein Freund über einen 90 Millionen Jackpot unterrichtete, dachte ich flüchtig, ach, da könnte man ja mal Lotto spielen, das lohnt sich! Vergaß den Gedanken aber wieder. Und heute, als ich mir eigentlich nur Papier zum Zigarettendrehen kaufen wollte, stehe ich im Laden und ehe ich’s mich versehe, habe ich den Mann hinter der Kasse gefragt, wie denn das funktioniert mit dem Lotto spielen, ich würde gern einen Schein für den 90 Millionen Jackpot ausfüllen. Gesagt, getan, ich habe mir drei Kästchen geleistet, also wahrlich nicht die Welt, vor allem, wenn man bedenkt, wieviel Geld vielleicht auf mich wartet…!
Alldieweilen die Ziehung erst am Freitag abends ist, habe ich jetzt noch genügend Zeit mir zu überlegen, wofür ich das Geld einsetzen bzw. ausgeben werde, ähh, würde. In der Tat fiel mir als erstes ein, dass ich mir keine Sorgen mehr über die Medikamente für meinen chronisch kranken Kater machen müsste. Dann habe ich überlegt, welchen von meinen Freunden ich eine Million abgeben würde und dann dachte ich, dass ich unbedingt in Forschung investieren wollen würde: Klimaschutz, Krebs, HIV… und dann merkte ich, dass mein Geld auch schon futsch wäre. Also nochmal von vorne.
Interessanter Weise war ja zu meinen Kindertagen eine Million schon unfassbar viel Geld. Ich erinnere mich, dass meine Mutter wöchentlich Lotto gespielt hat und immer auf die Million gehofft hat. Damals wäre man mit dem Geld auch noch recht weit gekommen, heute langt eine Million kaum mehr für ein Leben, in dem man, sagen wir mal, vierzig Jahre nicht arbeiten möchte und ein Eigenheim besitzen will. Aber unter uns, ich würde mich trotzdem auch über eine Million freuen.
Jetzt will ich aber darüber nachdenken, was ich mit 90 Millionen anfangen würde undzwar erstmal für mich. Ich würde mir endlich ein Haus am See kaufen, dass selbstverständlich einen Garten mit einem kleinen Bach und Teich hat. Ich würde mir einen kleinen Privatzoo mit Nutztieren anschaffen, die alle nicht nutzen müssen sondern nur ihr Dasein genießen dürfen, also Schafe, Pferde, Hühner, Ziegen… Ich würde den Autoführerschein machen, den hab ich nämlich bislang nicht gemacht und ich würde mir einen Tesla kaufen.
Nachdem ich mich neu eingekleidet habe und doch ein paar Millionen an Freunde verschenkt habe, würde ich anfangen zu reisen. Erst ganz klein, denn wir erinnern uns, reisen macht mir Angst, und dann immer größere Ausflüge in Europa unternehmen. Und weil ich in dem Haus am See Zimmer untervermiete, gibt es auch immer jemanden, der sich um die Tiere kümmern kann, während ich unterwegs bin. Und wenn ich genügend von der Welt gesehen habe, richte ich mir in dem Haus am See ein Atelier ein, in das ich auch andere Künstler einlade und kann so lange und so oft kreativ sein, wie ich will.
Es gibt ja Menschen, die behaupten, dass man nur kreativ sein kann, wenn man arm ist und leidet. Ich glaube das nicht, ich glaube man kann auch ohne Geldsorgen oder sonstige existentielle Probleme sehr gut Künstler sein. Ich würde es zumindest wirklich gerne ausprobieren!
Aber je länger ich über diese Summe Geld nachdenke, desto obszöner erscheint sie mir. 90 Millionen Euro. Dass die Chancen auf den Gewinn verschwindend gering sind – geschenkt. Aber wenn ich mal ernsthaft darüber nachdenke, so viel Geld zu haben, frage ich mich schon, was das für ein Gefühl ist, wenn man sich alles kaufen kann, wenn nichts mehr erspart werden muss, wenn Geld im wahrsten Sinne des Wortes keine Rolle mehr spielt. Ich glaube nicht, dass es glücklich macht. Vielleicht macht es den Menschen etwas freier – aber wird nicht die Faszination dieses Reichtums ziemlich schnell verblassen? Macht man sich am Ende dann die ganze Zeit Sorgen, dass man das Geld wieder verlieren könnte? Oder ist man schlicht den ganzen Tag gelangweilt?
Ich stelle fest, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, so unfassbar viel Geld zu besitzen. Ich habe mal gehört, dass Lottogewinnern ein Psychologe an die Seite gestellt wird, um mit der neuen Lebenssituation zurecht zu kommen. Ich habe keine Ahnung, ob das ein Märchen ist, aber ich kann mir Vorstellen, dass das eine ziemlich gute Idee ist! Ich glaube nicht, dass ich abdrehen würde, aber ich würde wahrscheinlich für den Moment den Faden verlieren und einer gewissen Orientierungslosigkeit anheim fallen. Was, wenn sich einem plötzlich alle Möglichkeiten bieten und man die Qual der Wahl hat? Ist das ein gutes Gefühl oder eher beängstigend?
Ich neige zu Tagträumen aber ganz aus der Welt bin ich auch nicht, so dass ich mir keine echten Hoffnungen auf den Lottogewinn mache. Aber es sind schon ein paar interessante Gedankenspiele, die sich hier so ergeben. Es lässt mich darüber nachdenken, was Geld und materieller Besitz mir wirklich bedeuten und zeigt mir, was mir wichtig und was weniger wichtig ist. Insofern haben sich die paar Euro für den Lottoschein schon gelohnt.
Ich gehe davon aus, dass ich trotzdem am Samstag gucken werde, ob ich irgendwelche Treffer gelandet habe und wahrscheinlich wird sich doch ein klein wenig Enttäuschung breit machen, wenn ich gar nichts gewinne, aber das ist in Ordnung. Das, was ich mir wirklich für mein Leben wünsche, das kann ich mit keinem Geld der Welt kaufen, und das ist auch gut so.
Trotzdem wünsche ich allen Lottospielern da draußen und mir selbst viel Glück und verbleibe
Eure Merle