
…hat mich heute nach langer Zeit mal wieder geküsst und überwältigt. Es gibt viele Dinge und Phänomene, deren Schönheit mich tief berührt, wie zum Beispiel meisterhafte Bilder, oder Lieder beziehungsweise Musik, die mir teils den Atem raubt, weil ich sie so umwerfend schön finde. Am meisten und im Innersten aber trifft mich die Schönheit von Natur und Tieren. Ich könnte gar nicht sagen, welches meine Lieblingstiere sind, es gibt so viele, die ich gerne einmal näher kennen lernen würde, auf jeden Fall aber gehören Pferde zu meinen Favoriten, weil ich sie so erhaben und majestätisch finde. Heute habe ich mir daher endlich einen Traum erfüllt und bin auf einen Reiterhof, wo ich die nächsten Wochen regelmäßig sein werde, um zu lernen, mit Pferden umzugehen und zu kommunizieren und wer weiß, vielleicht werde ich auch noch das Reiten lernen. Aber heute war erst einmal Einstand und ich habe die Pferde kennen lernen dürfen, mit denen ich in den nächsten Wochen näher zu tun haben werde.
Ich will ehrlich sein, mir zitterten ganz schön die Knie, als ich in Begleitung eines Pferdeexperten auf die Koppel mit acht gestandenen, nicht gerade kleinen Pferden ging und mich den Tieren näherte. Mir wurde erklärt, wie ich mich zu ihnen stellen sollte, um eine Einladung zum Kontakt zu signalisieren und siehe da, die Einladung wurde angenommen und ich durfte einen wunderschönen Wallach kuscheln und streicheln, der das sichtlich genoß. Als das Tier den Kopf hob und mir direkt in die Augen blickte, wurde mir ganz schön mulmig, genauso wie es im Verlauf des Koppelspaziergangs ein paar Situationen zwischen den Riesen gab, die mir sehr bedenklich erschienen. Da waren plötzlich sehr viele Hinterbeine und Köpfe und Hintern von mir unbekannten Tieren, so dass ich mich schnell aus der Gefahrenzone zurück zog, aber im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass das einzige, was die Tiere eigentlich ausstrahlten, friedliche Neugier war, eine unglaublich große Ruhe und Geduld mit dem ängstlichen Ich.
Für mich werden diese Besuche auf dem Reiterhof eine willkommene Übung sein, mich einigen Ängsten zu stellen. Warum ich das gerade mit Pferden übe, liegt daran, dass ich großen Respekt und Demut vor diesen Kraftpaketen empfinde, die uns im Grunde überlegen sind, da sie uns einfach über den Haufen rennen können – uns stattdessen aber dulden und willkommen heißen und einige von uns sogar noch freiwillig auf dem Rücken tragen! Das finde ich schon phänomenal und ein besonderes Beispiel für eine Mensch-Tier-Beziehung, die im Idealfall von gegenseitigem Vertrauen und Achtung geprägt ist. (Das es hier auch andere Formen gibt, ist mir bewusst, aber ich schreibe hier nur über das, was ich persönlich erleben durfte.)
Einem Pferd etwas länger in die Augen zu schauen hat für mich etwas Gespenstisches. Das Exemplar heute beäugte mich sehr intensiv und ich konnte, meine ich, eine ganz schöne Spur Wildheit in seinem Blick erkennen. Dass das Tier trotzdem ruhig vor mir stehen blieb und mich mit seinen Nüstern sanft anstubste, schien mir wie eine Wunder. Genauso wie mich seine Artgenossen beeindruckten, die ruhig neben uns vor sich hingrasten und zwar mal die Ohren spitzten, sich aber sonst nicht weiter für mich interessierten.
Je länger ich an diesem Text sitze, wird mir bewusst, dass es tatsächlich der scheinbare Widerspruch zwischen Größe und Kraft einerseits und Sanftheit und Ruhe andererseits ist, der mich an Pferden so fasziniert. Ich muss dazu sagen, dass ich nie zu den kleinen Mädchen gehörte, die unbedingt Reiten lernen wollten und von Pferden träumten. Im Gegenteil, als junges Mädchen fand ich das doof. Aber als ich heute Vormittag im herbstlichen Sonnenlicht über die Felder stapfte, als Städterin die Ruhe der großen Weite genießend, und dann die grasenden Tiere beobachtete, fand ich das einfach nur schön. Undzwar so schön, dass mein ganzer Körper kribbelte und ich sofort das Bedürfnis empfand, jetzt gleich und sofort aufs Land zu ziehen. Was nicht passieren wird… aber dieser Impuls verdeutlicht, wie sehr mich die Szenerie in ihren Bann zog.
Was ich heute in puncto Ängste gelernt habe, ist auch nicht zu verachten. So dachte ich immer, meine Angst vor Pferden sei total übertrieben und überhaupt nicht gerechtfertigt. Denkste Puppe! Wie mein Begleiter mir erklärte, ist es eine sehr gesunde und normale Angst, die ich vor einem 800kg Hengst habe! Und ja, auch Pferde bitten sich Zeit und Raum aus, um den Menschen erst einmal kennen zu lernen und mögen es eben nicht unbedingt, wenn man sich einfach so, unvermittelt und ohne Vorwarnung ihnen nähert und sie betatscht. Es kommt natürlich wie beim Menschen auch auf das einzelne Tier an, da gibt es durchaus unterschiede, aber gerade deshalb ist eine gewisse Vorsicht und zum Teil auch Ängstlichkeit eben nicht verkehrt. Das fand ich schonmal sehr ermutigend – das klingt paradox, ich weiß, aber in der Tat hat es etwas Beruhigendes zu erfahren, dass nicht alle meine Ängste völlig irrational sind.
Insofern bin ich äußerst gespannt, wie es die nächsten Wochen mit den Hottehüs und mir weiter gehen wird. Ich werde auf jeden Fall mehr und näher in Kontakt mit ihnen sein, worauf ich mich unglaublich freue, und ich werde nicht nur über Pferde sondern auch und vor allem über mich selbst viel dabei lernen können. Meine Hoffnung ist, dass das ohne blau getretene Zehen und sonstige Blessuren von statten geht und dass ich genügend Sensibilität für die Sprache dieser Tiere entwickele. Sollte das nicht klappen, werde ich einfach mit dem Hofhund spielen, der hat mich heute immerhin schon sehr begeistert begrüßt und wollte gar nicht mehr von mir lassen 😉
Und so wünsche ich Euch jetzt, schläfrig aber froh, einen schönen Freitag Abend und verbleibe
Eure Merle