
Ja, ich finde schon. Auf vielen Ebenen ist das Leben, wenn man es mal genauer betrachtet, eine derbe Zumutung. Wir kommen völlig abhängig und ausgeliefert auf die Welt und je nach dem ob wir Glück oder Pech haben, begleitet uns jemand die ersten Jahre auf uns dienliche Weise oder auch nicht. Dann verbringen wir viele Jahre in der Schule, in der wir viele Dinge lernen, die uns später im Leben nicht wirklich weiter helfen, aber Dinge, die uns weiter bringen würden (z.B. Umgang mit Gefühlen, soziale Dynamiken, Selbstfindung) werden großzügig ausgespart. Haben wir die Schule endlich hinter uns gebracht, wartet eine weitere Ausbildungsphase auf uns, in der wir mehr oder weniger viel lernen und mehr oder weniger gut behandelt werden. Dann dürfen wir uns auf ein langes Arbeitsleben freuen, in dem viel von uns erwartet und oft wenig geboten wird. Wenn wir gesegnet sind, sind wir nach dem Arbeitsleben noch gesund genug um unser Leben zu genießen, aber auch das ist vielen nicht oder nicht lange beschert. Zu hoffen ist, dass man nicht in ein Alters,- oder Pflegeheim muss und möglichst lange selbstständig sein Leben gestalten kann, schön wäre es auch, wenn das nicht in Armut sein muss. Und das ist nur der grobe Abriss eines Lebenslaufes!
Froh darf sein, wer all diese Stationen halbwegs unfallfrei passiert. Aber wer kann das von sich sagen? Arbeitslosigkeit, Krankheit, familiäre Probleme, Trennungen, Abschiede… das sind alles Dinge, die das Leben für uns bereit hält und in der Regel werden wir von solchen Lebenskrisen überrascht und müssen irgendwie damit klar kommen. Die einen alleine, die anderen mit Begleitung, so oder so steht jeder früher oder später in seinem Leben vor Situationen, die man glaubt, kaum aushalten zu können und es sind solche Situationen, die uns immer wieder beweisen können, wieviel wir als Mensch in der Lage sind auszuhalten. Das Wunder ist, dass es immer irgendwie weiter geht.
Und dann kommen da noch all die Alltagsärgernisse, die einem den Tag vermiesen können. Das viele Warten (Postamt und Telefonhotlines!), Dinge, die nicht funktionieren (kennt sich jemand mit GIMP aus??), unfreundliche Mitmenschen, (kennt jeder), die vielen großen und kleinen Verpflichtungen (gefühlte 100x am Tag den Wasserhahn für die kranke Katze aufdrehen), Mieterhöhungen (von denen ich selbst bisher verschont blieb, dankeschön!), der Bus, der einem vor der Nase wegfährt und so weiter und so fort ad infinitum. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber wenn ich mir das alles so ansehe, dann kann ich richtig schlechte Laune bekommen. Und ja, Achtsamkeit hilft, aber eben auch nicht immer.
Ich schreibe das alles natürlich nicht, um schlechte Laune zu verbreiten! Es geht mir um was anderes, nämlich den realistischen Blick auf unser Dasein, dass eben all diese Phänomene beinhaltet, und das Lob, dass wir uns selber jeden Tag aussprechen sollten, dass wir wieder einen Tag gemeistert haben. Ich finde, wir können uns alle täglich auf die Schulter klopfen, dass wir bei all dem Irrsinn, der uns umgibt und von dem wir uns nicht immer frei machen können, immer noch als freundliche, interessierte Menschen durch die Welt gehen, unseren Angelegenheiten nachkommen und das tun, was wir für richtig halten. Das ist in meinen Augen schon eine große Leistung, für die wir uns regelmäßig belohnen sollten. Mir fällt das auch nicht immer leicht, es gibt Phasen, da vergesse ich es sogar, aber früher oder später erinnere ich mich wieder daran und lobe mich selbst. Es ist eine Sache zu üben, sich auf die schönen Dinge im Leben zu konzentrieren, aber das schafft ja das Unangenehme nicht ab. Eine andere Sache ist es, darauf zu schauen, wie gehe ich denn mit den Zumutungen um. Deshalb finde ich es so wichtig, dass wir uns ernst nehmen, wenn eine Zumutung unseren Weg kreuzt und wir genervt, erschöpft, verärgert oder traurig und verstimmt sind. Sich ernst nehmen und darauf stolz sein, dass man es wieder geschafft hat, 20 Minuten geduldig in der Warteschlange zu stehen, bis ich endlich meinen Brief aufgeben kann, stolz darauf, dass ich der unfreundlichen Kassiererin höflich noch einen schönen Tag wünsche, stolz darauf, dass ich trotz Regenwetter und schlechter Laune das Bett und sogar meine Wohnung verlassen habe! Großartig!
Eine liebe Freundin hat mir vor kurzem eine Postkarte geschickt auf der steht: Ich wünsche mir einen Pinguin, der jeden Morgen applaudiert, wenn ich aufstehe. Jawoll! Genau das möchte ich sein: mein Pinguin, der mir applaudiert. Zugegeben, es wäre schöner, ein anderer applaudierte mir, aber das hat sich bisher leider nicht einrichten lassen. 😉
Vor mehreren Wochen habe ich an dieser Stelle geschrieben, wie wichtig es ist, dass wir uns selbst unser bester Freund bzw. unsere beste Freundin sind – ich glaube, dass das Eigenlob von dem ich hier spreche ein ganz zentraler Punkt dabei ist. Und dann kann ich mich auch wieder über die schönen Dinge im Leben freuen. Über die Postkarten, die mir meine Freundin schickt, über das kleine Mädchen, das über die Hinterhofmauer luhrt und mir zugrinst und zuwinkt, über den fremden Hund, der auf mich zugelaufen kommt und sich freut, als wäre ich eine lange vermisste Freundin, über die sehr nette Kassiererin, die mir aufmerksam und gar nicht monoton einen schönen Abend wünscht, über die Blumen in der Werkstatt, in der ich öfter kreativ tätig bin, über meinen Kater, der vom Kuscheln nicht genug bekommt, und so weiter und so fort ad infinitum.
Das Leben ist eine Zumutung, aber es hält auch viel Schönes, Erstaunliches und Lebenswertes bereit. Um das zu sehen und zu erleben, muss ich das weniger Schöne nicht ausblenden oder verdrängen sondern mir selbst eine gute Begleiterin oder auch ein guter Pinguin sein, der applaudiert, wenn ich wieder aufgestanden bin und einen weiteren Tag in dieser verrückten Welt gelebt habe.
Und so wünsche ich jedem einen Pinguin und verbleibe
Eure Merle