
Heute möchte ich über eine schier zauberhafte Begegnung mit einem 700-800kg Riesen berichten, dem Kaltblutpferd Ramses, der so sanft wie riesig ist. Wie jeden Freitag war ich auch heute wieder auf dem Land bei den Pferden und ursprünglich war eigentlich ein Koppelspaziergang geplant, das Arbeiten mit mehreren Pferden im Herdenverbund. Doch es kam anders als gedacht, vermutlich hatte Ramses meinen Witz gehört, den ich vorab (weit weg von der Koppel) gemacht hatte, nämlich dass ich heute als Herausforderung Ramses reiten würde. Mein Trainer und ich lachten herzlich und als wir auf die Koppel kamen, stand Ramses ganz vorn, uns zugewandt und blickte mich aufmerksam an. Ich dachte da schon, „Nachtigall ick hör Dir trapsen“, aber wir blieben zunächst bei dem Vorhaben, kein Pferd rauszupicken und nicht in die Halle zu gehen. Nun war es allerdings auch eisig kalt und aus der Herde schien vor allem Ramses an uns Interesse zu haben und der frostige Wind lud irgendwie auch nicht dazu ein, draußen zu bleiben – also nahm mein Trainer das große Tier an den Führstrick und wir begaben uns in die Reithalle.
Auf dem Weg dorthin schnaubte und schnupperte Ramses immer wieder interessiert an mir, zeigte sich freundlich und kooperativ. Als wir in der Halle ankamen, machte er das perfekte Reiterdenkmal und bewegte sich erstmal gar nicht. Die erste Übung sah vor, dass ich mit ganz sanften Fingersignalen das Pferd dazu einlade, dass es seinen Kopf senkt. Das klappte nach mehreren Anläufen ganz gut und ich war recht zufrieden mit mir und dem Pferd, das natürlich auch ausgiebig belohnt wurde. Die zweite Übung bestand darin, dass ich Ramses aus einiger Entfernen durch Körperhaltung und Stimme dazu bewege, zu mir zu kommen. Und jetzt wurde es wirklich komisch – im Sinne von lustig. Denn Ramses bewegte sich keinen Millimeter. Ich versuchte es zunächst damit, in die Knie zu gehen, machte einladende Gesten mit meinen Armen und sprach mit lauter, ruhiger Stimme mit dem Tier. Keine Reaktion. Zum Trainer wäre Ramses sehr gern gegangen, bei ihm vermutete er noch eine Semmel, aber in meine Richtung war er nicht zu bewegen, Mir vielen langsam die Arme ab und keine Worte mehr ein und ein bißchen doof kam ich mir schon vor, so allein auf weiter Flur auf ein Pferd einredend, dass sich null beeindruckt zeigte. Wie um mir sein Desinteresse noch deutlicher zu zeigen, äpfelte er erst nochmal eine Runde und blieb immer noch am selben Fleck.
Und plötzlich, aus heiterem Himmel kam mir der Gedanke, na klar, ich an seiner Stelle würde mich auch bitten lassen bzw. mich fragen, warum ich allein den Weg quer durch die Halle machen soll. Warum also nicht auf das Pferd ein wenig zugehen, ihm entgegen kommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Also ging ich ein paar Schritte in seine Richtung und siehe da, es brauchte nichts weiter, er setzte sich sofort in Bewegung und kam auf mich zu, blieb bei mir stehen und pustete ordentlich in meine Haare. Ich war überglücklich! Vor allem verstand ich mein Entgegenkommen überhaupt nicht als Niederlage, im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, etwas richtig verstanden zu haben. Nun kann man natürlich der Meinung sein, so ein Pferd müsse immer gehorchen und die Chefrolle des Menschen achten. Aber so arbeiten wir nicht mit den Tieren, es geht immer um eine Einladung und um sanfte Kommunikation, was ich wunderbar finde.
Für mich war die heutige Situation ein interessantes Bild auch für die Verständigung mit Menschen. Wie oft erwarte ich, dass etwas genau nach meinem Willen und meinen Vorstellungen passiert! Und wie enttäuscht bin ich oft, wenn das nicht geht bzw. wenn nicht eintritt, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Aber so ist das nunmal, wenn andere Wesen mit beteiligt sind, dann muss ich schonmal ein paar Schritte auf den anderen zugehen und dann klappt es auch mit der Kooperation. So jedenfalls verstehe ich diese Begegnung und ich bin froh, dass ich dem Impuls gefolgt bin, in Ramses‘ Richtung zu gehen anstatt darauf zu beharren, dass er sich auf mich zubewegt. Ein anderes Mal wird er es vielleicht tun, wer weiß, ich freue mich jedenfalls jetzt schon richtig auf die nächste Übungseinheit mit dem sanften Riesen.
Dieser zeigte uns übrigens, als wir ihn zurück auf die Koppel brachten, nochmal so richtig, was in ihm steckt: als der Führstrick losgemacht war, stand er erst noch ein paar Sekunden da, wie um sich zu verabschieden, um dann in der nächsten Sekunde einen ausladenden Freudensprung zu machen und quer über die Wiese zu flitzen – aber nicht ohne sich nochmal kurz zu uns umzudrehen, wie um sicher zu gehen, dass wir das auch ja mitbekommen hatten. Ich hoffe, er hat bei unserer nächsten Begegnung auch wieder so viel Humor!
Das war für heute meine Anekdote mit Pferd Ramses, mal sehen, was mich nächsten Freitag erwartet…
Ich wünsche allen einen schönen Freitag Abend und ein erholsames Wochenende!
Eure Merle
Wir Deutschsprachige werden unbewusst trainiert, ein „Entgegenkommen“ als Niederlage anzusehen. Es steckt schon im Wort – Ent-GEGEN-kommen. Pferde folgen einfach mit ihren Spiegelneuronen. Schön, dass du diese Idee hattest und mitgeteilt hast. Das zeigt mir, dass du im Augenblick wahrnimmst und schöpferisch bist . Habe dadurch auch etwas gelernt…
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So habe ich das noch gar nicht betrachtet, danke für diese inspirierenden Gedanken! Ich kann absolut bestätigen, dass die weiche Kommunikation mit Pferden nur dann funktioniert, wenn ich im Hier und Jetzt bin. Das mag anders sein, wenn man von oben herab mit Befehlen arbeitet, aber das tun wir in meinem Training ja nicht, deshalb gefällt es mir auch so gut 🙂 Liebe Grüße, Merle
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