Eine Anekdote zu Konsum und Selbstannahme

 

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Ich weiß nicht, wie es Euch geht mit Kleidung einkaufen, für mich ist es immer eine ziemliche Herausforderung, weil ich hohe Ansprüche stelle, gleichzeitig aber einen eher kleinen Geldbeutel habe und ich mich grundsätzlich schwer entscheiden kann. Grundsätzlich ist es so, dass ich lieber gute Qualität kaufe, die dann auch länger hält, als günstigere Ware, die unter fragwürdigen Umständen produziert wird und oft auch keine lange Lebensdauer hat. Umso erfreulicher, dachte ich, war ein kleiner, unvorhergesehener Geldsegen, der mir ins Haus flatterte und mir die Möglichkeit eröffnete, für den Winter warme, hoch qualitätive Strickware in einem Fachgeschäft zu erstehen, in dem ich schon immer mal einkaufen wollte. Da ich keine warmen Pullover oder ähnliches besaß, freute ich mich wie Bolle auf diesen Einkauf. So ging ich am Donnerstag vormittags beschwingt in das Geschäft und konnte mich gar nicht satt sehen und fühlen an all den Wollpullovern und Strickjacken und der nette und kundige Verkäufer, seines Handwerks Meister, versäumte es auch nicht, mich in angenehme Gespräche zu verwickeln und mit mir so eine richtig schöne Kauf-Mich-Atmosphäre zu schaffen. Ich probierte Dies und Das, und wurde, das muss ich bei aller Fairness sagen, wirklich gut beraten. Kurz und gut, am Ende stand ich mit einem dicken Pullover und einer Strickjacke da, und zahlte zwar nicht über mein Budget aber weit mehr, als ich geplant hatte, auszugeben. Das war mir aber zunächst noch egal, ich flog auf Federn aus dem Geschäft, fest in der Überzeugung, einen wunderbaren und lohnenden Einkauf getätigt zu haben.

Mein nächster Gang ging in ein gehobenes Kaufhaus, in dem es, wie man mir sagte, nicht ganz so teure Kashmir-Pullover gäbe und die wollte ich mir auch noch ansehen. Ich flanierte fröhlich dort hin und wurde auch mit einer reichen Auswahl an Kashmir-Pullovern belohnt, allerdings gab es nur zwei Modelle, die mir gefielen und nur eines, das ich bereit war zu bezahlen – wovon ich dann auch ein Stück erstand. Aber wehmütig und verärgert. Denn das andere, sehr viel teurere Modell gefiel mir eigentlich besser, es sah toll aus und es war auch in schönen Farben zu haben. Aber ich war nicht bereit, 200 Euro für einen Pulli auszugeben. Also ging ich in meiner Freude getrübt nach Hause, war mir meiner tollen Einkäufe zwar bewusst, konnte mich aber nicht mehr freuen. Am Donnerstag Abend wusste ich aber wenigstens noch, dass mir alles, was ich erstanden hatte, im Laden und an mir gut gefallen hatte.

Am Freitag kam der Kater, der große Katzenjammer. Ich war mir plötzlich total sicher, völlig falsch eingekauft zu haben, wollte alles zurück bringen und ärgerte mich über mich selbst wie nichts Gutes. Das Gefühl wuchs sich zu echtem Selbsthass aus und ich wusste gar nicht mehr wie mir geschah und konnte mich nicht mehr erinnern, dass mir doch beide Pullover und die Strickjacke total gefallen hatten! Ich beschloss, das schlechte Gefühl zu ignorieren und darauf zu warten, dass es sich beruhigte. Das tat es aber nicht. Also zog ich die tolle kuschelige Strickjacke an und versuchte, mich mit ihr anzufreunden, was mehr schlecht als recht gelang. Auch die Pullover waren plötzlich in meinen Augen der totale Fehlkauf. Und auf einmal wusste ich, warum ich so kniddelig und unzufrieden mit mir und dem Einkauf war: Ich hatte doch eigentlich den tollen Pullover für 200 Euro gewollt, der wäre eigentlich der einzig richtige Kauf gewesen! Ich konnte meinen eigenen Gedanken nicht glauben aber das Gefühl dazu verfestigte sich und so ging ich heute nochmal in das Kaufhaus und nahm das teure Etwas bewundernd und erfreut mit in die Umkleidekabine. Und was soll ich sagen: es hing an mir wie ein Sack Kartoffeln, es sah einfach zum fürchten aus! Und was passierte dann? Ich lachte und war völlig erleichtert! Nicht nur hatte ich mir 200 Euro gespart, nein, ich hatte mich in die Vorstellung von etwas verrant, von dem ich gar nicht wusste, ob es überhaupt zu mir passt und darüber meinen ganzen Einkauf schlecht gemacht!

Als ich glücklich über diese Erkenntnis nah Hause kam, nahm ich die Strickjacke und die beiden Pullover nochmal aus dem Schrank, probierte sie ausgiebigst an und was soll ich sagen – ich bin heilfroh über meine Wahl und die Kleidungsstücke gefallen mir wirklich richtig gut!

Da hatte also ein kleiner Zweifel und eine Idee von etwas als Nagel unter der weichen Matratze gewirkt und ich bin komplett drauf reingefallen. Und was ich mir alles vorgeworfen habe! Am meisten, dass ich überhaupt Geld ausgegeben hatte und dass ich einen zu extravaganten Geschmack habe. Heute stehe ich voll und ganz dazu und kann mich aufrichtig über meine besonderen Stücke freuen und kann aus vollem Herzen bejahen, dass ich mir etwas leisten darf!

Was mir außerdem wieder mal schön vor Augen geführt wurde: es hilft, sich nicht in die Vorstellung von etwas zu verrennen sondern genau hinzugucken und zu testen, ob etwas (in diesem Fall der Pullover) auch das ist, was es zu sein verspricht. Ich finde das passt gut als Bild für das Leben an sich: probier den Pullover erstmal an, bevor Du darüber schlechte Laune kriegst, dass Du ihn nicht haben kannst, denn vielleicht passt er gar nicht!

Ich hoffe, den einen oder anderen amüsiert diese Anekdote so wie sie mich zum Lachen gebracht hat und da gerade ohnehin die Einkaufszeit des Jahres begonnen hat, passt sie ja ganz gut in die Zeit.

Ich wünsche allen ein schönes Wochenende und einen wunderschönen ersten Advent!

Eure Merle

 

2 Gedanken zu „Eine Anekdote zu Konsum und Selbstannahme“

  1. abgesehen davon, dass ich ein anderer einkaufstyp bin (lieber günstiger und häufiger; da fällt das entsorgen dann auch nicht so schwer) erschlägt mich auch das schlechte gewissen nur mäßig. denn qualität (=teuer) heißt nicht zwingend, dass die sache unter besseren bedingungen hergestellt ist. einheimische textilproduktion gibt es ja quasi nicht mehr. oft kommt das billige und teure aus der gleichen fabrik. als paradebeispiel für überzogenes qualitätsbewusstsein fällt mir immer diese eine kollegin ein, die auch lieber qualitätsbewusst kaufte. man sah es ihr an. aber, bitte!, wer will denn in den 2000ern sachen tragen, denen man in schnitt und/oder muster die 80er ansieht?
    der effekt, den du beschreibst, erinnert mich an die leute, die – hauptsächlich bei teuren technischen geräten – wochenlang qualität und preise verglichen, ehe sie zuschlugen, und dann, nur sehr kurze zeit später, etwas sehen, dass besser und billiger gewesen wäre. da empfehle ich grundsätzlich: nie weiter ausschau halten. gleiches empfehle ich übrigens auch beim ehepartner. 🙂

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  2. Liebe erphschwester, danke für Deinen launigen Kommentar! Besonders die Empfehlung in puncto Ehemännern bringt mich sehr zum schmunzeln! Was Du über Preis und Herstellungsbedingungen sagst, stimmt absolut, da würde ich Dir für die meisten Hersteller Recht geben. Ich habe lange Zeit sehr gerne Sachen von Waschbär oder Deerberg gekauft, da vertraue ich ehrlich gesagt den Angaben über die Produktion und auf die Fairness im Handel und mir gefällt der zeitlose Stil. Nichtsdestotrotz danke ich Dir für den klugen Rat, im Nachhinein nicht weiter Ausschau zu halten, das verhindert definitiv solche Ärgernisse wie beschrieben! LG, Merle

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