Was passiert, wenn ich aufhöre, den Spuren von „Müssen“ zu folgen…?

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das frage ich mich schon eine geraume Weile und ich bin noch zu keiner Antwort gelangt, weil ich mich nicht traue, aufzuhören zu „müssen“… Um konkret zu werden:

Der Alltag ist voll von Dingen, die wir angeblich tun müssen: Wäsche waschen, Geschirr spülen, den Müll runter bringen, Staubsaugen, die Katze oder den Hund versorgen, Freunde zurück rufen, Einkaufen gehen, Hemden bügeln, zum Zahnarzt gehen und und und  – und nicht zuletzt Arbeiten gehen. Nun bin ich gerade in einer Lage, in der ich nicht Arbeiten gehe, alle anderen Spuren von Müssen finden sich trotzdem in meinem Leben und obwohl schon ein großes Muss, also die Erwerbsarbeit, fehlt, fühle ich mich trotzdem und immer noch eingeengt durch zu viel „Müssen“. Was würde passieren, wenn ich einfach mal einen oder zwei Tage nichts mache? Im Bett liegen bleibe und alle Fünfe gerade sein lasse? Den Katzen könnte ich genug Essen für zwei Tage hinstellen und gut, die Katzentoiletten würden am zweiten Tag irgendwann zu riechen anfangen, aber ansonsten würde der HImmel schätzungsweise nicht über mir einbrechen. Ich könnte mich mal so richtig erholen, schlafen so viel ich will, essen wann und was ich will – und sonst einfach NICHTS TUN. Eine herrliche Aussicht und doch war ich bisher unfähig, dies zu versuchen. Mich packen die Hummeln im Hintern spätestens am Mittag, ich muss dann aufstehen und irgendetwas vermeintlich Sinnvolles tun. Ich finde das schade, denn ich glaube tatsächlich, das mir etwas entgeht. Aber ich bin so darauf programmiert, dass „man“ das nicht macht, dass mein ganzes System laut aufschreit, wenn ich es mal zur Ruhe betten will.

Ich glaube, ich habe Angst, dass es mir zu gut gefallen könnte, nichts zu tun und das es dann in irgendeiner Art und Weise mit mir bergab geht. Wer einmal die Zügel schleifen lässt, der kommt nicht mehr in die Gänge, so oder so ähnlich sind meine Gedankengänge dazu. Dabei haftet mir nur ein altes Wertesystem an, nachdem nur etwas wert ist, wer auch was Sinnvolles tut. Ora et labora ist das im christlichen Kontext, Beten und Arbeiten. Ich möchte mich wirklich davon befreien, denn ich persönlich glaube nicht, dass wir hier sind, um zu arbeiten oder nur zu funktionieren.

Allerdings habe ich über weite Strecken in meinem Leben vor allem genau das getan: gearbeitet und funktioniert und jetzt, da ich es nicht muss, fällt es mir schwer loszulassen, dabei habe ich mich nichtmal übermäßig mit meiner Arbeit identifiziert. Aber im gesellschaftlichen Rahmen ist es eben doch selbstverständlich, dass man arbeitet und wer das nicht tut, wird oft erstmal schräg angesehen. Mir ist das bisher dankenswerter Weise noch nicht oft passiert, aber es kommt vor. Die Ethik des beschäftigt sein müssens und des Wert schaffen müssens sitzt meiner Meinung nach tief in den meisten von uns – in meinen Augen richtet sie da oft viel Unheil an, denn eine Wertigkeit des Menschen nach seiner Arbeitsleistung aufzustellen,  lehne ich strikt ab.

Aber lassen wir mal den großen Brocken Erwerbstätigkeit hinter uns und schauen auf das, was da sonst noch ist. Auch die Freizeit muss spannend und aktiv gestaltet werden, sonst ist man langweilig und der optimierte Mensch macht natürlich auch regelmäßig Sport, unternimmt interessante Reisen und achtet stets auf seine gesunde Ernährung und ein passendes Erscheinungsbild. Ich übertreibe gerade ein bißchen und rutsche etwas ins Klischee, das ist mir bewusst, aber so ganz falsch liege ich glaube ich damit nicht. Ich denke, dass wir durch Werbung und Medien ganz subtil ein Ideal vorgesetzt bekommen, wie ein erfolgreicher Mensch auszusehen und zu sein hat. Und das viele von uns, mich eingeschlossen, oft unbewusst versuchen, dieses Ideal zu erfüllen, um dazu zu gehören, um akzeptiert und wertgeschätzt zu werden. Und ich glaube, dass wir darauf viel Kraft, Zeit und Energie verwenden, die uns dann woanders fehlt. Zum Beispiel bei der Kontemplation, bei der Innenschau und Selbsterkenntnis oder beim Nichts Tun.

Was den Haushalt angeht, habe ich mich damit abgefunden, dass ich mit einem bestimmten Level an Unordentlichkeit einfach nicht leben möchte und deshalb wohl nie mehr als zwei Tage im Bett verbringen werde, zumindest solange ich mich nicht dazu entscheide, jemanden für das Reinemachen zu bezahlen. Das ist schade, aber mein Wohlfühlgefühl hängt nunmal von einer gewissen Ordnung und Sauberkeit ab. Insofern brauche ich mir wohl keine Sorgen zu machen, dass ich im kompletten Chaos versinken werde. Andere Spuren von Müssen kann ich aber bestimmt noch relativieren, da bin ich mir sicher. Beim Fensterputzen und Bügeln klappt das Loslassen schon hervorragend, beim Einkaufen so mittelmäßig und beim sozialen „Müssen“ ist es ein stetes Auf und Ab. Ich befürchte oft, dass meine Freundschaften unter meinen autistischen Phasen leiden könnten, allerdings unterliege ich hier ziemlich sicher einer Fehleinschätzung meiner Freunde.

Was soll ich sagen, das Experiment, ein paar Tage im Bett zu verbringen steht noch aus, aber ich hoffe, dass ich es bald unternehmen werde. Und dann werde ich berichten, wie es mir damit ergangen ist. Gleichzeitig hoffe ich,  den vielen „Müssen“ des Alltags immer gelassener begegnen zu können und nicht alles immer ganz so genau zu nehmen, ich glaube, das wird schon helfen. Ich freue mich natürlich über alle Erfahrungsberichte meiner geschätzten Leserinnen und Leser, die auch begonnen haben, die Spuren von „Müssen“ in ihrem Leben zu minimieren.

So verbleibe ich gespannt auf Kommentare und in Vorfreude auf mein Experiment,

Eure Merle

 

 

 

2 Gedanken zu „Was passiert, wenn ich aufhöre, den Spuren von „Müssen“ zu folgen…?“

  1. Dieses Pflichtgefühl kenne ich zu gut! Ich nenne es mal so! Ich bin in manchen Dingen sogar fast Zwanghaft! Vielleicht liegt es daran, daß ich in jungen Jahren schon viel Verantwortung getragen habe.

    Was ich eigentlich sagen will, ich kann gut nachfühlen, was Du meinst! Das Gefühl nicht richtig zur Ruhe zu kommen!
    Zwei Tage im Bett, hm, für mich undenkbar! Geht auch nicht, weil mein Hundi mehrmals am Tag raus muss! Und außerdem würde ich irgendwann Hummeln in den Hintern bekommen!😁

    Mein Minimieren ist auch nur der MS geschuldet, die sorgt dafür, daß ich mich nicht übernehme und knockt mich aus!

    So liebe Merle, daß war jetzt meins zu Deinem Thema!😁😉Liebe Grüße Babsi

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    1. Liebe Babsi, ganz herzlichen Dank, dass Du Deine Erfahrung mit dem Thema hier mitteilst! Dass der Hund raus muss, ist natürlich ein gutes Argument, da kann man wenig gegen sagen 😉 schade finde ich es, wenn erst eine Krankheit oder ein Unfall uns dazu zwingen, dass wir uns Ruhe zu gönnen. Im Endeffekt ist es aber bei mir auch nicht viel anders, ich habe mir nur vorgenommen, diesbezüglich mal selber die Zügel in die Hand zu nehmen und selber zu entscheiden, wann ich mir eine Auszeit nehme. Wie gut das klappen wird…man wird sehen 😀 Liebe Grüße! Merle

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