
In den vergangenen Monaten ist mir immer bewusster geworden, wie sehr ich in meinem Kopfkino gefangen bin, soll heißen, dass ich mir alle möglichen Gedanken darüber mache, wie die Welt ist, wie die Menschen sind, was andere über mich denken oder nicht denken, warum etwas so oder nicht anders, weshalb sich ein Mensch mir gegenüber so und nicht anders verhält. Ich finde Erklärungen, entwerfe Modelle, ziehe Schlüsse und bis zu einem gewissen Grad ist das sich Erklären der Welt ja normal, ohne diese inneren Vorgänge könnten wir nicht überleben. Was mich aber immer mehr „beeindruckt“, ist die Erkenntnis, wieviel ich Projiziere, wie oft meine Erklärungsmuster eben einfach nur meine Erklärungsmuster sind, ohne dass ich sie wirklich mit der Realität oder meinem Gegenüber abgleiche.
Ich gehe zum Beispiel davon aus, dass ein Mensch, der sich mir gegenüber unfreundlich verhält, ein Problem mit mir hat. Ob das stimmt, weiß ich gar nicht. Vielleicht hat er oder sie einfach einen schlechten Tag und die üble Laune hat gar nichts mit mir zu tun. Ich frage aber nicht nach – was je nach Kontext auch unangemessen wäre – sondern gehe gleich davon aus, dass ich die Ursache bin. Ein klassischer Fall von Kopfkino.
Vor einer Weile habe ich eine junge Frau mit einem T-Shirt gesehen, auf dem stand:
„90% haben nichts mit Dir zu tun!“ – Ja! Das ist so wahr, daran möchte ich mich gerne öfter erinnern. Fakt ist doch, dass wir in den wenigsten Fällen wissen, was unser Gegenüber denkt oder fühlt. Wir glauben nur allzu oft, wir wüssten es. In den meisten, oberflächlichen Alltagskontakten ist es sicher auch gar nicht weiter von Bedeutung, ob meine Annahme mit der Realität übereinstimmt. Ob die Kassiererin im Supermarkt unhöflich ist, weil sie einen langen Arbeitstag hinter sich hat oder weil ihr meine Nase nicht gefällt, ist für mich in aller Regel nicht von Belang.
Spannender wird es da schon bei engen persönlichen Kontakten, wenn ich zum Beispiel eine Bitte an eine Freundin habe und mir unsicher bin, ob diese Bitte angemessen ist oder nicht. Darf ich das erbitten oder gar erwarten? Und anstatt einfach zu fragen, überlege ich dann oftmals Tage lang hin und her, ob ich das fragen kann… bis ich es endlich tue und meistens positiv überrascht werde – vorher war nur Kopfkino!
Sehr schön ist auch das Beispiel, wenn ich das Gefühl habe, eine Freundin könnte Unterstützung gebrauchen, ich fühle mich aber nicht in der Lage, ihr diese zu geben – aus welchem Grund auch immer. Merke: sie hat mich noch gar nicht gefragt, da hab ich schon ein inneres Drama durchlebt und ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr keine Hilfe angeboten habe. Ein schwerer Fall von Kopfkino.
Sehr aktiv ist mein inneres Filmcasino auch wenn es darum geht, bestimmte Prozesse abzuwarten, also zum Beispiel Anträge beim Amt oder Untersuchungsergebnisse beim Arzt. Die Filme, die ich da vor meinem inneren Auge zu sehen bekomme sind ausnahmslos immer das worst-case-scenario und enden in einer Katastrophe. Neulich war ich beim Amt und habe einen Antrag persönlich abgegeben. Der Mitarbeiter steckte meine Papiere in einen offenen Umschlag, um sie an einen anderen zuständigen Kollegen weiter zu geben. Mit flehender Stimme bat ich den Mann, ja keines meiner Dokumente zu verlieren – ich sah sie innerlich schon im Haus verloren. Der Sachbearbeiter sah mich leicht mitleidig an und nickte nur… wer weiß, was er sich gedacht hat, aber auch das ist schon wieder Kopfkino.
90% haben nichts mit mir zu tun – und, so möchte ich ergänzen: nicht alles endet im Chaos! Wenn ich mir mein Leben so ansehe, ist erstaunlich viel glatt gegangen! Schade, dass mein innerer Fimvorführer sich das so wenig zu Herzen nimmt. Aber ich will mir gegenüber nicht ungerecht sein: sich Sorgen zu machen und zu projizieren ist allzu menschlich, wir tun das alle. Es ist viel eher eine Frage des Ausmaßes und das ärgert mich in meinem Fall ganz besonders.
Denn im Grunde ist es ja so: was ein Mensch sagt oder tut verrät sehr viel mehr über ihn selbst als über andere. Im Endeffekt ist also sogar ein Kompliment an mich eher eine Aussage über den Sender als über den Empfänger. Sich das bewusst zu machen, finde ich ungemein erleichternd, besonders, wenn es nicht um Komplimente geht. Des weiteren macht es überhaupt keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, was andere von mir erwarten oder sich wünschen oder denken: ich kann das nicht riechen und deshalb kann ich meiner Umwelt eigentlich immer nur sagen: sprecht mit mir, wenn etwas nicht in Ordnung ist oder ihr etwas von mir wünscht. Darauf würde ich gerne vertrauen, dass das nicht immer der Fall ist, scheint mir normal, aber deswegen muss ich mir nicht den Kopf zerbrechen.
Ich habe in letzter Zeit ein paar Bilder gemalt mit dem Titel „Unbekannte Landschaften“. Damit möchte ich auch zum Ausdruck bringen, dass jeder Mensch um mich eine unbekannte Landschaft ist, zumindest ab einem gewissen Punkt. Wenn das Kopfkino mal still ist und ich mich einfach nur auf den Moment einlasse, dann wird mir jedes Mal aufs Neue bewusst, dass wir alle unser eigener Kosmos sind und ich nicht wissen kann, was im Anderen vor sich geht, zumindest solange ich nicht nachfrage. Und auch dann wird die individuelle Sprache mir nur einen begrenzten Ausschnitt aus dem Universum des Anderen zeigen können.
Das Kopfkino auszuschalten oder leiser zu drehen eröffnet mir die Möglichkeit, die Welt und die anderen Menschen aus einer anderen Perspektive zu sehen, also nicht durch die Jahre lang gut gepflegte Brille der eigenen Muster und Erwartungen sondern dem Wesen des Anderen bzw. der Welt unverblendet näher zu kommmen, wie sie wirklich sind. Dass dabei verbale Sprache manchmal versagt, finde ich nicht schlimm, dafür gibt es genügend andere Wege der Kommunikation, die wir nutzen können. Manchmal sagt eine Geste mehr als tausend Worte. Aber die äußere Welt öfter ohne Verzerrungen und Prägungen des eigenen Geistes wahrzunehmen und zu spüren, das finde ich sehr erstrebenswert und bereichernd.
Ich habe mir für das kommende Jahr einiges vorgenommen, vielleicht sogar zu viel, aber die Sache mit dem Kopfkino, da möchte ich wirklich dran bleiben, ich glaube das lohnt sich!
Wie sieht es mit Eurem Kopfkino aus? Ist das auch so aktiv oder habt Ihr es schon leise gedreht? Schreibt mir, ich freue mich über Eure Beiträge!
Eure Merle