Sinnlichkeit

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Sinnlichkeit. Schon wieder so ein Wort und Konzept, dass einem so selbstverständlich erscheint. Ich zumindest habe nie groß über Sinnlichkeit nachgedacht, bis mir in der Vorweihnachtszeit bewusst wurde, wie unbewusst ich meine Sinne meistens nutze. Der Geruch vom Adventskranz, der Geschmack vom Gebäck, das Leuchten der weihnachtlichen Dekoration, alles das fiel mir plötzlich viel mehr ins Auge oder in einen anderen der Sinne ;-).

Ich habe jedenfalls deshalb begonnen, wann immer ich daran denke, meine Sinneswahrnehmungen bewusster zu erleben und bin auf eine für mich völlig verblüffende Verbindung gestoßen, denn Sinneswahrnehmungen, zumindest die angenehmen, sind mit meinem Herzen verbunden, mein Herz wird durch sie geöffnet. Ich finde das eine fantastische Entdeckung und bin deshalb gerade so ein bißchen in einem Sinnesrausch: Der unglaublich gut schmeckende Pfefferminztee wird zum Hochgenuß, das leise Schnaufen meiner schlafenden Katze bringt mein Herz zum leuchten, wenn ich das warme, seidenweiche Fell einer der beiden Samtpfoten unter meinen Fingern habe, kann ich gar nicht genug davon bekommen und bin voller Gefühl für die Fellnasen.

Ich bin also drauf und dran das Jahr der Sinnlichkeit für mich auszurufen, denn ich habe in letzter Zeit weniges gefunden, das mir so viel Vergnügen bereitet. Ich bin offensichtlich besonders bei akustischen und haptischen Reizen empfänglich, aber auch der Geschmackssinn ist nicht zu verachten, obwohl der momentan noch zu oft nach Schokolade verlangt, die ja bekanntlich auch einer der größten Geschmacksgenüsse ist.

Schade ist, dass ich noch keine selektive Wahrnehmung beherrsche, das wäre wirklich praktisch, weil ich dann all die nervenden Geräusche des Alltags nicht hören müsste bzw. einfach drüber weg hören könnte – daran arbeite ich noch.

Als ich den direkten Draht zwischen Sinneserleben und Herz entdeckte, habe ich mich unweigerlich gefragt, wozu wir unsere Sinne denn evolutionär betrachtet haben: ich nehme stark an, in erster Linie, um unser Überleben zu sichern, um Gefahren hören und sehen zu können und um schädliche von gesunder bzw. unschädlicher Nahrung zu unterscheiden und natürlich um uns im Raum orientieren zu können und gut für uns sorgen zu können: ohne unsere Haut, mit der wir Hitze und Kälte wahrnehmen, könnten wir uns nicht angemessen kleiden. Aber neben diesen funktionalen Aspekten erscheinen eben auch die scheinbar „sinnlosen“ Sinnesfreuden: Vogelgezwischer und Musik hören, die Berührung eines Freundes an der Hand, den Wind im Gesicht, den Sommerregen auf der Haut, ein Stück Schokolade auf der Zunge oder ein gutes Glas Wein am Gaumen…es gibt so viel, das wir wahrnehen können, dass eigentlich nur die Feststellung bleibt: unsere Sinne machen unsere Welt für uns erfahrbar und erlebbar und offenbar erfeut sich das menschliche Herz an genau diesen Erlebnissen. Fantastisch.

Dabei fällt mir ein, dass ich als kleines Kind schon einen ganz besonderen Hang zu weichem, anfassbarem Material hatte: wenn ich mit meiner Mutter in die Stadt zum Einkaufen fuhr und wir in Kaufhäuser gingen, wo es noch Pelzabteilungen gab, habe ich mich immer dorthin gestohlen und habe ewig die weichen Mäntel gestreichelt. Damals hatte ich noch nicht verstanden, dass dafür Tiere sterben müssen und ich habe in kindlicher Unschuld einfach nur die unendliche Samtigkeit genossen. Als Große lehne ich natürlich Pelzherstellung ab und nutze dafür jede Gelegenheit, kuschelige Lebewesen unter meine Finger zu bekommen um den Genuß der weichen, warmen, Sensation zu erleben.

Und dann gibt es natürlich noch die Sinnlichkeit zu zweit, die zu erfahren sicher eines der schönsten Geschenke ist. Ich nehme an, die meisten Menschen haben das Bedürfnis danach ebenso wie nach Essen und Trinken und ja, ich glaube, dass zu zweit gelebte Sinnlichkeit tatsächlich wie Nahrung für die Seele und das Herz sein kann.

Aber eben nicht nur – auch der heiße, dampfende, duftende Pfefferminztee kommt im Herzen an, ich habs gespürt!

Deshalb mach ich mir jetzt gleich noch eine Tasse 😉  und wünsche Euch ein sinnenfrohes Wochenende!

Eure Merle

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