Gefühle zeigen?!

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Ich bin stolz auf mich. Ich habe es heute geschafft, meinen Ärger und meine Wut auf adäquate Art und Weise zu äußern und deutlich zu zeigen, dass mich das Handeln einer anderen Person richtig verärgert hat, weil sie nach meinem Empfinden unachtsam war und ein Bild von mir dabei zu schaden kam. Früher hätte ich meine Verärgerung herunter geschluckt und nichts gesagt oder so getan, als sei das alles halb so schlimm. Heute war ich in der Lage, zu sagen, dass ich mich massiv ärgere und auch erstmal Abstand brauche, um mich zu beruhigen. Ich wollte auch zunächst keine Entschuldigung oder Erklärung hören, ich wollte einfach nur wütend sein dürfen und das auch zeigen. So etwas fällt mir nicht leicht, ich war es lange gewohnt, besonders Wut oder Ärger zu verstecken. Heute habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich nicht nur viel leichter auf die andere Person wieder zugehen konnte, nachdem ich meine Wut erlaubt hatte sondern ich bekam auch bald wieder einen klaren Kopf und konnte mir überlegen, wie der Schaden zu beheben wäre – was auch gelang. Wenn man Wut dagegen schluckt, rumort es ewig in einem und die Gedanken kreisen viel länger um das Problem.

Wahrscheinlich werde ich nicht alle Situationen, in denen ich wütend werde, so gut lösen können und auch mit dem Gegenüber bereinigen können, wie heute. Dennoch ist für mich diese Erfahrung ein Ansporn, öfter meine Gefühle zu kommunizieren, undzwar auch die unangenehmen. Denn eigentlich ist es ja auch so, dass ich mein Gegenüber erst ernst nehme, wenn ich es auch mit dem konfrontiere, was in mir abläuft! Natürlich kommt es hier auch auf die Form an – lautes Schreien oder unüberlegte, verallgemeinernde Vorwürfe scheinen mir nicht hilfreich. Aber, wie ich heute feststellen durfte, man kann seine Wut auch anders zeigen und so verbalisieren, dass der Andere die Chance hat, auch etwas zu sagen bzw. sein Gesicht zu wahren. Wut zu zeigen heißt nicht, unfair zu werden oder Rundumschläge auszuführen.

Ich glaube, dass viele Menschen gelernt haben, einen Großteil ihrer Gefühle nicht zu zeigen oder sogar sie nicht wahrzunehmen und gerade von uns Frauen wird immer noch erwartet, dass wir die Harmonie aufrecht erhalten. Das ist nicht nur kurzsichtig sondern bis zu einem gewissen Grad auch unehrlich. Mir fallen in letzter Zeit immer häufiger Begebenheiten auf, in denen ich viel offener und freier über meine Gefühle sprechen bzw. sie zeigen kann und ich konstatiere, dass die Verständigung mit meiner Umwelt viel besser funktioniert und ich mich auch viel wohler in Kontaktsituationen fühle. Es geht mir nicht mehr darum, ein besonders angenehmes Gegenüber zu sein sondern darum, Ich zu sein, mich zu zeigen – und dazu gehören nunmal auch meine Gefühle. Schließlich haben wir die nicht umsonst! Zivilisierung und Erziehung gut und schön – aber gerade unsere Grundgefühle sagen ja etwas über uns und unsere Realität aus und dass sie im Lauf der Evolution auch unser Überleben gesichert haben, sei hier ebenfalls nochmal erwähnt.

Ich plädiere also, wie bereits an früherer Stelle in diesem Blog, für das ernst nehmen und Ausdrücken unserer Gefühle, wohl wissend, warum wir dies oft nicht tun und dass es manchmal ganz schön schwierig ist. Aber wünschen wir uns nicht alle erfüllende Begegnungen, ehrlichen Austausch und ein tiefes statt oberflächliches Verständnis für unsere Mitmenschen? Wenn ich sage, Leute, zeigt Eure Gefühle, dann meine ich natürlich auch die angenehmen! Und wie oft haben wir unserem Gesprächspartner nicht gesagt, was wir fühlen, wie oft zeigen wir auch unsere Zuneigung nicht oder vergessen zu erwähnen, wie schön ein gemeinsames Erlebnis war?

Gefühle kommunizieren macht mich nicht nur stärker und zeigt meine Konturen, ich belebe damit auch Beziehungen und festige Bindungen. In der heutigen, schnellen Welt in der so vieles unverbindlich und flüchtig ist, scheint mir das ein ganz besonders wichtiger Punkt zu sein. Auch wenn wir uns verletzlicher machen, indem wir uns öffnen, bin ich fest davon überzeugt, dass diese Öffnung eine Bereicherung bedeutet. Ich persönlich habe jedenfalls die Wahrnehmung, dass meine sozialen Kontakte viel intensiver und bunter werden und darauf möchte ich nicht mehr verzichten. Gefühle sind kein lästiges Hintergrundgeräusch, sie sind das Fleisch am Gerippe, wenn ich mir als Vegetarier dieses Bild erlauben darf.

Vielleicht ist das, was ich hier schreibe, für viele vollkommen selbstverständlich. Für mich war es das lange nicht und deshalb ist meine Begeisterung eventuell jetzt umso größer. 🙂 Aber um ehrlich zu sein habe ich eher das Gefühl, in meinem Leben mehr Menschen begegnet zu sein, die auch ihre Gefühle verstecken oder mit ihnen nicht klar kommen, und das finde ich schade.

Und so schließe ich mein heutiges „Plädoyer“ mit einem Zitat von Lord Byron:

„Wer Freude genießen will, muss sie teilen.“

Ich wünsche Euch einen gefühlvollen Abend!

Eure Merle

 

 

 

 

3 Gedanken zu „Gefühle zeigen?!“

  1. Es ist schwierig sich zu öffnen, daß erfordert Vertrauen, trotzdem kann man zugänglich sein! Ich denke das ist ein schwieriger Balanceakt. Also ich kann offen sein, muß aber nicht transparent sein, daß ist meine Art mit Gefühlen umzugehen. Wenn die richtige Person kommt, dann ergibt sich alles andere von selbst!
    Zu Wut, solange sich die verbalen Ausbrüche in Grenzen halten, kann man diese sicher zulassen! Aber auch verbal kann man Scherbenhaufen hinterlassen. Naja, alles nicht so einfach!🤔🤗😊

    Liebe Grüße Babsi 🙋‍♀️

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    1. Liebe Babsi, ich glaube auch, dass das alles nicht so einfach ist, also vor allem nicht schwarz-weiß. Für mich ist der entscheidende Punkt das Vertrauen, da tue ich mich manchmal schwer, aber dass sich mit dem richtigen Gegenüber alles von selbst ergibt, habe ich leider so für mich nicht erfahren, ich merke, unabhängig vom Gegenüber, wie mich meine Sozialisierung und Programmierung auf Gefühle verstecken auch bei einem „richtigen“ Gegenüber teils einholt. Am Ende muss natürlich jeder für sich damit so umgehen, wie er/sie sich wohlfühlt und ich habe gemerkt, dass sich mein Wohlfühlfaktor vergrößert, wenn ich meine Gefühle offen zeige – in angemessener Art und Weise, also nicht mit dem Holzhammer oder total ungefiltert, denn das stimmt natürlich auch, man kann sonst auch Scherbenhaufen produzieren. Dennoch denke ich, können sich viele Menschen dem Anderen in größerem Maße zumuten, als sie es tun, das ist meine (subjektive) Beobachtung,,,, liebe Grüße! Merle

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