Auftauchen, Luft schnappen, weiter machen…

dav

…das ist nicht immer einfach, dennoch manchmal eine schlichte Notwendigkeit. Denn unter Wasser kann ich nicht atmen. Die letzten drei Wochen haben sich wie unter Wassermassen angefühlt; mit Disziplin, Ritualen, steter Selbstbeobachtung und sturer Akzeptanz schaffe ich es heute an die Wasseroberfläche zurück und hole erstmal tief Luft. Obwohl ich in meiner Abtauchphase das Bedürfnis hatte zu Schreiben, ist es mir nicht gelungen – manchmal ist alles, was einem bleibt, die Sturheit, weiter zu machen ohne viel machen zu können. Ich beginne, stolz auf meine Sturheit zu sein, auf das unablässliche weiter gehen, egal wie klein die Schritte sein mögen. Es sind ein paar Dinge im Außen passiert, aber viel wichtiger ist, was im Innen passiert ist. Das Loslassen von Träumen und Idealen kann schmerzhaft sein, besonders, wenn man das Gefühl hatte, dass diese Träume einen am Leben halten. Dabei ist es egal, um was es sich handelt, wir alle haben, glaube ich, Träume, die uns antreiben, die uns in die Zukunft ziehen… ich musste in den vergangenen Wochen ein paar solcher Träume gehen lassen und merke, ich bin noch mehr als sonst auf mich und das Hier und Jetzt zurück geworfen. Die dabei entstehende Leere ist auch nicht einfach zu ertragen, es gehört viel Übung und Atempraxis dazu, dies auszuhalten, da kommt mir meine Sturheit sehr zugute.

Ich bitte meine verehrten Leserinnen und Leser um Verständnis, dass ich gerade nicht mehr ins Detail gehen möchte. Die erfahrenen Umwälzungen sind für mich selber noch so frisch, dass ich gerade nicht sagen kann, wieviel ich davon preis geben möchte. Vielleicht ist es auch gar nicht nötig, mehr ins Detail zu gehen, denn am Ende ähneln sich viele menschliche Erfahrungen sehr. Ich dachte, ich müsste mich mit dem Verlust geliebter Wesen auseinander setzen, stattdessen kam der Verlust von Facetten meines Selbstbildes und Lebensplans was wiederum dazu führte, dass ich mich mit meinem Wertesystem auseinander setzen musste.

Dies ist eine Übung, die ich jedem sehr empfehlen kann. Mir war gar nicht klar, wie stark ich noch in alten Wertungen verfangen bin, wie sehr ich mich von gesellschaftlichen Normen und Bewertungen beeinflussen lasse. Es war also höchste Zeit, dass sich hier etwas tut und ich mich befreie von untauglichen Glaubenssätzen, wie zum Beispiel: „Eigenlob stinkt“ – nein, Eigenlob ist Rosenwasser! Oder, „nur wer für Lohn arbeitet, ist ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft“ – falsch, jeder ist ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, Lohnarbeit macht mich nicht zu einem besseren Menschen. Überhaupt, das ständige Bewerten von mir selbst und auch meiner Mitmenschen geht mir inzwischen so auf die Nerven, aber mein Verstand ist darauf trainiert, als würde er ständig Wertigkeiten von Handlungen und Worten berechnen müssen. Und ich weiß, dass es nicht nur mir so geht, gerade deshalb ist es mir unglaublich wichtig geworden, in mir Wertfreiheit zu praktizieren und auch im Außen wertfreie Räume zu entdecken. Eine Herausforderung, die schwierig erscheint, aber sicher nicht unmöglich ist. Ich habe das fortwährende Bewerten, auch von Gefühlen und seelischen Zuständen, als eine der Hauptquelle des Leidens erfahren und möchte mich davon befreien. Was ich schon oft gelesen und gehört hatte, konnte ich ganz unmittelbar am eigenen Leib spüren und es spornt mich an, Wertungen loszulassen. Unter Wasser sein ist also manchmal gar nicht verkehrt, es kann sich dort so einiges tun.

Trotzdem hoffe ich, dass jetzt mal wieder eine längere Phase über Wasser folgt, denn hier ist es auch ganz schön und kommunikativer ist es allemal. 🙂 Mal sehen, was die nächsten Tage und Wochen so bringen und wo mich meine Muse hin dirigieren möchte.

Es grüßt Euch herzlich eine fast schon mit Schwimmhäuten versehene

Merle

 

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