… ich habe gerade überhaupt keine Kapazitäten für Smalltalk frei! – Wie gerne würde ich diesen Satz locker über die Lippen bringen, wenn es wieder mal so weit ist: eine mir (leidlich bekannte) Person läuft mir über den Weg und möchte sich gerne mit mir unterhalten, während ich gerade gedanklich beschäftigt oder einfach nur zufrieden mit mir selbst bin und keine Lust habe, Smalltalk zu führen. Heute zum Beispiel ist mir meine Nachbarin auf dem Rückweg vom Einkaufen begegnet, wir waren beide im gleichen Supermarkt einkaufen gewesen und so kreuzten sich unsere Wege. Ich sah es kommen und war mit einem Mal noch schlechter gelaunt also ohnehin schon. Ich gehe nicht gerne Einkaufen, es ist für mich eine Qual, etwas, das ich eigentlich gern delegieren würde und ich stapfte missmutig mit dem gesamten Wocheneinkauf beladen und schon schmerzenden Armen Richtung heimwärts, als ich mich plötzlich genötigt sah, eine Unterhaltung über Katzenhaltung im allgemeinenen und meine Katzen im Speziellen zu führen.
Das Ding ist, ich mag die Frau sogar, sie ist mir recht sympathisch und ich glaube, man kann sie auch nicht aufdringlich nennen – es ist nur so, dass ich zum einen Smalltalk an sich schon anstrengend finde, zum anderen es nunmal Zeitpunkte in meinem Alltag gibt, in denen ich ein Gespräch eigentlich nicht mehr unterbringen kann, mein Hirn ist mit anderen Dingen beschäfigt und möchte sich eigentlich auch nicht ablenken lassen, besonders nicht von so schnell erschöpften Themen wie dem Wetter oder Ähnlichem.
Ich weiß, Smalltalk wird von vielen als das Öl im sozialen Getriebe gesehen, als wichtige Fertigkeit unter den gesellschaftlichen Kompetenzen. Vielleicht mangelt es mir einfach an dieser Kompetenz, allerdings wundert mich, dass viele Menschen, die ich kenne, Smalltalk eher unangenehm empfinden, wenn man sie danach fragt, aber trotzdem komme ich immer wieder in die Situation, Smalltalk führen zu müssen. Da ist die Arbeitskollegin, die einem über den Weg läuft und von ihrem Urlaub erzählen will, während ich zu einer Verabredung schon fast zu spät bin, die Nachbarin, die auch gerne Katzen hätte, die Mutter einer Freundin, die von ihren Malaisen berichten muss, die Sprechstundenhilfe, die mir einen Achtsamkeitskurs dringend empfiehlt… die Liste ließe sich ewig weiter führen aber das braucht ja keiner, ich denke, das Bild ist klar.
Und was macht man dann? Genervt mit dem Fuß wippen und doch lächeln, ein „ich müsste dann mal los“ einwerfen, das geflissentlich überhört wird, gequält nicken und weiter lächeln… ich finde das wirklich schwierig, denn ich möchte ja auch die andere Person nicht vor den Kopf stoßen. Andererseits bilde ich mir ein, dass man mir ziemlich sicher ziemlich oft anmerkt, dass ich geistig abwesend bin oder in Eile oder erstaunlich schweigsam – und heute dachte ich mir wirklich, ich hätte gern den Mut, freundlich aber bestimmt zu sagen, dass ich nicht unhöflich sein möchte, aber eine Unterhaltung geht sich für mich grad nicht aus. Wie würde mein Gegenüber wohl reagieren? Kann man sich anders aus der Patsche helfen als mit entwaffnender Offenheit? Absichtlich noch griesgrämiger werden?
Es ist ein Dilemma, das mich schon lange begleitet und aus dem ich nicht schlauer werde. Würde ich mich mit meinen Nachbarn nicht unterhalten und man nur schweigend aneinander vorbei gehen, fände ich das auch seltsam. Diese leichten Gespräche, wie man sie nur mit Bekannten führt, die einem eben mal zufällig begegnen, sie gehören schon dazu, aber von Zeit zu Zeit sind sie eben schwer erträglich. Ich fände es schön, wenn ich offen meine Unverfügbarkeit ausdrücken könnte, ohne dass sich mein Gegenüber auf den Schlips getreten fühlt, aber ob das realistisch ist, wage ich zu bezweifeln. Es wird sich zeigen, ob ich der Höflichkeit oder der Ehrlichkeit in Zukunft den Vorrang gebe, wobei ich zu bedenken gebe, dass meiner Meinung nach die ehrliche Variante gar nicht unhöflich ist, sie käme nur unerwartet und man könnte sich abgelehnt fühlen, wenn man dazu neigt.
Also wenn Euch mal jemand den Smalltalk verweigert, nehmt es nicht persönlich, derjenige ist bestimmt gerade nur mit anderen Dingen beschäftigt oder einfach nur müde…
Ich wünsche Euch ein schönes Wochnende und gute Gespräche 😉
Eure Merle