
Dieses Jahr scheint für mich das Jahr des Themas Vergändlichkeit zu werden. Nicht nur ich habe meinen geliebten Kater gehen lassen müssen, auch zwei Freundinnen von mir haben jeweils ein geliebtes Familienmitglied verloren, was mich ebenso schwer beschäftigt. Darüber hinaus habe ich einige Träume und Ideale begraben müssen und das tut vielleicht noch mehr weh als alles andere. Zumindest hat es mir meine eigene Flüchtigkeit und Vergänglichkeit krass vor Augen geführt und gezeigt, dass ich, je älter ich werde, umso mehr Dinge, Vorstellungen und Wünsche ziehen lassen muss.
Manchmal habe ich das Gefühl, vollkommen schwerelos und verbindungslos durch das Universum zu ziehen und ich empfinde das nicht etwa als wohltuenden Zustand in dem sich mein Ego auflöst sondern es fühlt sich beängstigend an, weil das losgelöste Ich scheinbar jederzeit verloren gehen kann. Ich bin vergänglich, ich könnte im nächsten Moment im All verglühen. Ich habe diese Zustände nicht oft, aber wenn sie auftauchen, versuche ich mich durch Gedanken an die Personen, die ich liebe, wieder zu erden und ganz im Hier und Jetzt auf der Welt zu sein.
Doch dann fällt mir ein, dass ja alle die, die ich liebe auch vergänglich sind und schon ist die Angst da, eines Tages alle überlebt zu haben und einsam da zu stehen. Vergänglichkeit hat für mich viel mit Einsamkeit zu tun. Da ist einmal das Gefühl der Hinterbliebenen, verlassen worden zu sein aber auch die Befürchtung, dass es auf der anderen Seite ganz schön einsam sein könnte, wenn ich mal gestorben bin. Und auch, wenn ich mir bewusst mache, dass wir alle mit Allem verbunden sind, dass das kleine Ich mit dem großen All-eins verknüpft ist, hilft es mir nicht über die Trauer, die ich empfinde, wenn ich über Vergänglichkeit nachdenke.
Ganz schlimm wird es, wenn Dinge, die mir Sicherheit und Struktur geben, plötzlich Veränderung erfahren. So wohne ich zum Beispiel seit 14 Jahren in meiner geliebten, gemütlichen 1,5-Zimmer Wohung in einem entspannten Stadtviertel mit weitgehend angenehmen Nachbarn. Nun ist das Haus in dem die Wohnung sich befindet, von einer Privatperson an eine Baufirma verkauft worden und bei den Bewohnern macht sich die Angst breit, dass wir luxussaniert werden und aus dem Haus ausziehen müssen. So etwas bringt mich völlig aus dem Konzept und ich bin schwer verunsichert, weil ich mein schönes Zuhause zu verlieren drohe. Und obwohl ich weiß, dass nicht jede Veränderung eine Verschlimmerung des status quo bedeutet, macht mir Veränderung trotzdem Angst.
Was ich mich die ganze Zeit schon frage, ist: woran kann ich mich unverrückbar in mir selbst festhalten, wenn alles dem Wandel unterzogen ist und die Vergänglichkeit vor nichts halt macht. Gibt es einen Fixpunkt in mir, der ewig bleibt? Die Frage kann natürlich so nicht beantwortet werden, denn wer weiß schon, was nach dem Tod passiert. Aber wenigstens für die Zeit hier auf Erden muss es doch möglich sein, einen sicheren Hafen in sich selbst zu finden?
Unwillkürlich muss ich daran denken, was mir meine Lehrerin des bewussten Atems beigebracht hat, nämlich die Hand auf den Bauch zu legen und zu beobachten, wie weit der Atem fließt. Die Erfahrung zeigt, dass der Atem immer tiefer wird, je länger man diese Übung ausführt und dass sich oft – nicht immer – ein sicherer Raum oder ein festes Zentrum im Bauch spüren lässt. Bisher war mir das immer zu unzuverlässig zu erreichen und zu wenig greifbar, aber vielleicht ist es doch die richtige Spur und der Atem der Weg zu innerem Halt.
Was mir darüber hinaus sehr wichtig erscheint, ist das geöffnete Herz. Ohne ein offenes Herz gewinnt die Einsamkeit die Oberhand und verliere ich das Gefühl der Verbundenheit mit der Welt. Vielleicht ist auch die Liebe, die in und um uns ist, der wahre Halt im Leben…ich weiß es nicht. Womöglich gibt es auch gar keine allgemein gültige Antwort, sondern jeder findet für sich selbst etwas anderes, das ihm oder ihr als Fixpunkt dient. Ich bin jedenfalls gespannt, wohin mich meine Suche nach dem inneren roten Faden bringt und ich weiß, dass es eine besondere Herausforderung für mich ist, mich der Welt verbunden zu fühlen… aber sich dessen bewusst zu sein, ist ja auch schon ein Schritt und die nächsten Schritte werden folgen, ganz bestimmt…
Und mit diesem kleinen Einblick in meine derzeitige (Gedanken-) welt sage ich für heute Tschüß und bis bald, habt eine gute Zeit!
Eure Merle