Ach Gewohnheit, ändere d/mich…

dav

Oder: von der Schwierigkeit, sich selbst zu ändern.

Warum nur ist es so unwahrscheinlich schwierig, sich selbst zu ändern, alte Gewohnheiten aufzugeben, neue Wege zu gehen und alte Verhaltensmuster hinter sich zu lassen?

Das fängt an bei harmlosen Vorsätzen im neuen Jahr, wie: ich höre auf zu rauchen, ich werde regelmäßig meine Wohnung putzen, ich zahle meine Rechnungen pünktlich – über neurotische Verhaltensweisen, die man sich versucht abzugewöhnen (Kontrollzwang, Eifersucht, Kaufrausch) bis hin zu ureigenen Charakterzügen bzw. seit Kindheit eingeprägten Verhaltensmustern, die vielleicht die Partnerwahl erschweren oder einen ungesunden Umgang mit Geld oder Alkohol mit sich bringen oder einem auf irgendeine andere Art und Weise das Leben schwer machen.

Um zwei Beispiele von mir selbst zu nennen: ich flüchte vor Veränderungen und ich habe ein ungesundes Essverhalten, denn ich bin eine Frustesserin.

Den ersten schweren Schritt habe ich bewältigt, denn ich habe erkannt, dass ich diese Verhaltensweisen habe und ich habe es akzeptiert, dass dem so ist. Dieser Schritt ist nicht zu unterschätzen, denn wir Menschen leugnen oder verdrängen gerne, was wir nicht sehen wollen oder was Anstrengung und Mühe verspricht. Aber, wie gesagt, ich habe das Problem erkannt und man könnte meinen, damit ist die Gefahr gebannt.

Doch weit gefehlt. In Entscheidungssituationen fühle ich mich oft, als hätte ich Statler und Waldorf von den Muppets auf meinen beiden Schultern sitzen. Einige erinnern sich bestimmt an das bissige, meckernde alte Opa-Duo, dass an nichts ein gutes Haar lässt und mit schrägem Humor die Schlusspointe liefert. Ich habe die beiden als Kommentatoren bei mir, die amüsiert zuschauen, wie ich versuche, neues Verhalten zu üben und dann doch wieder in alte Bahnen zurück falle. Der Ausreden und Entschuldigungen gibt es genug – heute war wirklich ein schwerer Tag, ich habe mich ja gestern schon zusammen gerissen, ich habe zu große Angst vor dem Neuen, und so weiter und so fort.

Und dabei ist es nicht so, dass ich mich für jemand anderen ändern will oder weil man mir gesagt hat, ich müsse das. Nein, ich möchte die Veränderungen wirklich für mich selbst, aber mein innerer Schweinehund und meine inneren Kinder rufen laut und unaufhörlich wie eine unzufriedene, hungrige Katze, die endlich gefüttert werden will.

Ich weiß nicht, wie der psychologische Fachbegriff für das Phänomen heißt, aber Tatsache ist, dass der Mensch lieber in alten, bekannten, wenn auch schmerzhaften und schädlichen Verhaltensmustern verharrt, als etwas Neues auszuprobieren. Das Gehirn ist darauf trainiert, eingefahrene Wege zu gehen und sträubt sich dagegen, neue Straßen anzulegen. Um ein neues Verhalten erfolgreich zu etablieren, ist es notwendig, 80 bis 100 Mal hintereinander und erfolgreich dieses Verhalten durchgeführt zu haben. Und das ist ganz schön viel verlangt.

Neben Selbsterkenntnis braucht es also auch ungeheuer große Selbstdisziplin – und noch größere Nachsicht mit einem selbst, wenn es mal wieder nicht geklappt hat.

Warum ich glaube, dass es sichtrotzdem lohnt, an sich zu arbeiten? Nun, zum einen denke ich, dass wir ohnehin vom Leben immer wieder an Punkte geführt werden, in denen wir über uns selbst hinauswachsen müssen und uns entwickeln dürfen, wenn wir nicht untergehen wollen oder in einer Käseglocke leben möchten. Zum anderen glaube ich, dass es wichtig ist, alten Ballast abzuwerfen und zu sehen, wer bin ich denn, unter all den Prägungen und Erfahrungen, die mich ausmachen? Wer ist diese Persönlichkeit, die Essenz eines Menschen, wenn ich all die Schutzmechanismen und Rüstungsteile, die ich mir angeeignet habe, mal fallen lasse?

Sich selbst zu erkennen ist meiner Meinung nach eines der größten Geschenke, das wir uns selber machen können und ich bin überzeugt davon, dass mit radikaler Akzeptanz seelisches Wachstum möglich und erstrebenswert ist. Jedoch: mit Liebe, nicht mit Druck und Drohungen.

Daran sollten wir auch denken, wenn uns unser Partner/ unsere Partnerin mal wieder zur Weißglut treibt und wir uns fragen: warum nur, warum kann er/sie sich nicht ändern? – Aus dem gleichen Grund, warum es uns selbst schwer fällt!

Hilfreich im Veränderungsprozess ist es, zu wissen, dass alle Verhaltensweisen und alte Muster einmal einen guten Grund hatten und uns geholfen haben, zu überleben bzw. sich an (wridige) Umstände anzupassen. Ich habe keine Angst vor Veränderungen, weil ich dumm oder unfähig bin sondern weil ich aus gutem, biographischen Grund an äußeren Strukturen und Rahmenbedingungen festhalte. Das hat mir mal mein gesundes Überleben gesichert. Heute sind diese Mechanismen nicht mehr dienlich, doch mein Gehirn braucht eben seine Zeit, um neue Wege akzeptieren zu können.

Ich zähle übrigens nicht mit, wie nah ich schon an den 80-100 Mal erfolgreicher Wiederholung dran bin – ich vertraue darauf, dass ich schon merken werde, wenn sich die Dinge langsam ändern und wie sich die tektonischen Platten meines Selbst verschieben. Und ich halte mir immer wieder vor Augen, dass keiner gesagt hat, dass das Leben einfach wird – aber spannend ist es alle mal!

Und schließlich: man vergesse nicht, sich zu belohnen, wenn man es geschafft hat, ein altes Muster zu durchbrechen! Das Gehirn merkt sich auch das, und wenn es nur ein kleines Stückchen Schokolade ist!

Beeindruckend finde ich Menschen, die so mit sich zufrieden und im Reinen sind, dass sie gar nichts an sich ändern möchten. Das ist für mich gelebte, hohe Lebenskunst – oder totale Ignoranz, je nach dem, da bin ich manchmal hin und her gerissen… 😉

Für all jene, die auch die ein oder andere schlechte Angewohnheit loswerden wollen oder sonstwie an sich arbeiten: seid nett zu Euch selbst und habt Geduld, Ihr arbeitet an einem Meisterwerk!

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein schönes, langes Wochenende und verbleibe

Eure Merle

4 Gedanken zu „Ach Gewohnheit, ändere d/mich…“

  1. wenn ich eines in meinen lebensjahrzehnten gelernt habe, dann ist es, dass stete Anforderungen an einen selbst nichts anderes nach sich ziehen als Unzufriedenheit, die schädliches handeln womöglich begünstigt. (ich musste z.b. lachen darüber, dass du dich einerseits über dein frustessen ärgerst, dich aber andererseits mit einem stück schokolade belohnen willst. den frust über die eine sache belohnen, indem man ihm neue Nahrung gibt?)
    vielleicht sind die ganz kleinen schritte die einfacheren, die aber letztlich doch zum ziel führen?
    ich z.b. bin mit meinem gewicht auch nicht zufrieden. ich nutzte dieses jahr die Gunst der stunde und aß im sommer, wo man eh weniger Appetit hat, an manchem tag nur Melone etc. kleine rückschläge nahm ich gelassen hin. und bin doch jetzt bei einem stabilen Gewichtsverlust von 3-4 Kilo. ist nicht viel, aber stabil, denn ehe ich es mich versah, fiel bei dieser Gelegenheit manch dumme Gewohnheit.
    genauso mit dem rauchen. ich habe es mir nicht abgewöhnt, es aber dem Beispiel auf der arbeit folgend, nach draußen verlegt. hier drin ist rauchfreie Zone, was ich selbst sehr angenehm finde. die Entscheidung, nach draußen zu gehen, erfordert jetzt aber auch die frage: möchte ich das/ muss das sein? (gerade im winter fällt da manche zigarette, über die man nie nachgedacht hätte, unter den tisch).
    für den rest: noch immer mache ich meine Steuererklärung viel zu spät und erst nach Erinnerung und auf den allerletzten drücker (dabei weiß ich nun seit ein paar jahren, dass es kein Hexenwerk ist und manchmal problematischer, bei ELSTER einzuloggen, als das krams fertig zu kriegen.)

    das noch: in Partnerschaften erlebe ich es in meiner Umgebung häufig, dass gerade die Partnerschaften am besten funktionieren, in denen man sich gegenseitig „laufen“ lässt. sprich: nicht alles, was der andere tut, muss von mir gutgeheißen werden. es reicht, wenn ich ihn laufen lassen. besser, wenn sich die wege in dem, was man anderen nicht schätzt, gelegentlich trennen, als sich aneinander aufzureiben. das schont die nerven. und sollte der andere die eigene Gesellschaft mehr schätzen als dieses (von uns ungeliebte) tun, kann er sein verhalten ja ändern. aber müssen muss er nichts, wie wir selbst nie und nimmer für den anderen uns ändern sollten, wo wir es nicht wollen/ können.

    lg
    e.

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    1. Hallo liebe erphschwester! Danke für Deinen Kommentar und dass Du Deine eigenen Erfahrungen hier mit uns teilst! Sich ständig unter Druck zu setzen,sich zu optimieren, ist natürlich Quatsch – deshalb ja auch meine Betonung darauf, dass Veränderungen in Liebe wachsen. Und ich habe nicht umsonst geschrieben, dass ich tatsächlich finde, dass Jene, die mit sich total zufrieden sind, für mich eine hohe Lebenskunst erreicht haben. – Was das Stück Schokolade angeht: ich empfinde es nicht als Widerspruch, mir am Ende eines Frust-Tages, an dem ich mich nicht zum Frustessen habe hinreißen lassen, ein kleines Stück Schokolade zu gönnen. Im Gegenteil. Ich zähle ja keine Kalorien und mir geht es auch nicht ums Abnehmen sondern um die schlichte Erkenntnis, das ungesundes Essen keine Probleme löst und nur kurzfristig Entspannung bringt. Was Du über Partnerschaften schreibst, dem kann ich nur zustimmen. Ich wollte mit meinen Worten auch zum Ausdruck bringen, dass der Wunsch nach Änderungen beim Partner unter Umständen zu mehr Unzufriedenheit führt, da war ich wohl nicht deutlich genug. Und dass jeder sich natürlich nur versuchen sollte in Dingen zu ändern, in denen er oder sie sich ändern möchte, ist für mich selbstverständlich. – Ebenso ist es kein Muss, sich überhaupt ändern zu wollen. Ich kenne nur außer mir tatsächlich einige Menschen, die unter bestimmten Verhaltensweisen leiden und die gerne in der Lage wären, anders zu handeln, als sie es oft tun… ich glaube, das ist etwas zutiefst menschliches, mit dem man unterschiedlich umgehen kann und meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass radikale Akzeptanz dessen was ist, ohnehin am, ehesten zum – selbst gewählten!- Ziel führt… ich glaub, wir sind da in unseren Ansichten gar nicht so weit voneinander entfernt, oder? Liebe Grüße, Merle

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      1. aber sicher, der mensch strebt, solange er lebt. wenn wir keine ziele mehr haben, ist das leben vorbei. und da materielle ziele mit zunehmendem alter uninteressanter werden, „arbeiten“ wir halt an uns selbst. manchmal aus idealistischen, manchmal aus rein pragmatischen gründen. (wer kennt es nicht, dass einem z.b. die besten antworten erst eine halbe stunde später einfallen und man sich wünschte, derlei sehr viel schneller abrufen zu können? 😉 )

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