
Blutspuren (Oktober 2019; Acryl auf Papier)
Oder: kann man seine Familie hinter sich lassen und die Vergangenheit ablegen?
Wie wichtig sind und bleiben Blutsbande und ist es möglich, eine völlig neue Identität zu entwickeln, in der die Vergangenheit keine Rolle mehr spielt? Oder müssen alle Erfahrungen integriert werden, damit man zum inneren Frieden findet? Ich befürchte letzteres und wünschte mir ersteres. Und bin ich wie meine Eltern, obwohl ich doch nie so sein wollte? Ich finde es extrem schwierig zu akzeptieren, dass ich bestimmte Züge nunmal von meinen Erzeugern geerbt habe. Und wann fühlt man sich nicht mehr als Kind seiner Eltern – erst, wenn diese verstorben sind?
Heute habe ich definitiv mehr Fragen als Antworten. Es wurmt mich, dass mein Selbstbild und einige Verhaltensmuster immer noch Spuren des Anerzogenen in sich tragen und dass meine Rollen als Kind und Schwester immer wieder nach mir greifen. Immerhin bin ich mitte 40 und wenn mich vor 25 Jahren jemand gefragt hätte, hätte ich im Brustton der Überzeugung gesagt, „bis dahin hab ich das hinter mir.“ Aber hat man es jemals hinter sich? Die frühen Prägungen, die kindlichen Erfahrungen, die erlernten Muster… je älter ich werde, desto häufiger merke ich, dass ein klarer Schnitt und ein Neuanfang eben nicht so ohne weiteres möglich sind. Ich nehme mich immer selbst mit und egal wie oft ich gedanklich den alten Rucksack in der Einöde habe stehen lassen, der Inhalt folgt mir, ob ich will oder nicht. Das ist frustrierend und bisweilen erschütternd, denn in mir kommt der Verdacht auf, dass ich in vielen Dingen weniger Wahlfreiheit habe als ich dachte. Und wie so oft kommt mir das Motto der Achtsamkeitsschule in den Sinn: „Radikale Akzeptanz“. Ja, wenn das so einfach wär…
Und dann wieder denke ich: aber es muss doch möglich sein, ein Ich unabhängig von äußeren Einflüssen zu entwickeln. Es kann doch nicht sein, dass Vererbung und Sozialisierung so viel Macht über mich haben! Ich weigere mich, den abgedroschenen Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ zu glauben und ich lehne es ab, mich über meine Herkunft zu identifizieren. Ich habe mir die Familie, in die ich hinein geboren wurde nicht ausgesucht und ich betrachte es als Kennzeichen eines reifen Erwachsenen, dass dieser nicht nur die Wahl hat, mit wem er oder sie sich umgibt sondern auch, wer er oder sie sein möchte. Dass mir dabei aber immer wieder meine eigenen Grenzen aufgezeigt werden, deutet darauf hin, dass es um Integration, nicht Separation geht.
Ich ahne, dass ein schlichtes Abhaken oder Ignorieren von gemachten Erfahrungen nur bedingt möglich ist. Früher oder später wollen auch diese Aspekte meines Selbst gesehen werden. Und darüber bin ich mit mir selbst oft heftig am kämpfen. Wenn Aspekte ihre Köpfe heben, die so gar nichts mit der Gegenwart zu tun haben, werde ich ungeduldig und es fällt mir schwer, dann mitfühlend und in der Akzeptanz zu bleiben. Oft muss ich dann daran denken, dass der Mensch das Säugetier ist, bei dem die Jungen am längsten von den Eltern abhängig sind und somit die Herkunftsfamilie verdammt viel Zeit hat, im Kind Spuren zu hinterlassen. Evolutionär gesehen macht das für mich keinen Sinn. – Aber wahrscheinlich sind meine Ungeduld und das mangelnde Mitgefühl mit mir schon ein Teil der Antwort auf meine Fragen…
Das Hadern mit mir selbst bringt mich natürlich nicht weiter, ich stehe mir also bis zu einem gewissen Grad selbst im Wege. Doch so sehr ich mich auch bemühe – bei dem Thema fällt es mir schwer, zu einem positiven Ausblick zu gelangen… vielleicht hat ja jemand von Euch ganz andere Erfahrungen gemacht und möchte diese hier mit uns teilen?
Ich beende diesen Beitrag also nachdenklich, mäßig optimistisch, aber nicht ohne Hoffnung 😉
Eure Merle