
Ist Glück definierbar? Nein, ich glaube nicht. Ich kann mich erinnern, dass ich Glück empfand, als ich dieses Foto gemacht habe – die morgendliche Ruhe am See, die einsame Ente, die ihren Weg durchs Wasser paddelt, kein Mensch außer mir an der Seepromenade… das fühlte sich wie Glück an. Da Glück ja doch eher in einzelnen Momenten auftaucht, wüsste ich nicht, wie man Glück allgemeingültig definieren soll. Für jeden ist Glück etwas anderes und das einzige, worauf man sich vielleicht einigen kann, ist, dass Glück flüchtig ist.
Für mich gibt es zwei Arten von Glück: das tiefe und großartige Wohlgefühl des wunderschönen Augenblicks, das mich in der Regel in der Natur und alleine überfällt; und das Glück, dass ich in entscheidenen Situationen habe, weil sich etwas zu meinen Gunsten ergibt. Also das Würfelglück im Spiel, die letzte Theaterkarte, die ich ergattere oder dass meine beiden Katzen sich auf Anhieb verstanden, als ich sie vergesellschaftet habe. Das war großes Glück. Dabei existiert in meinem Verstand die kindliche Vorstellung, dass es tatsächlich so eine Art „Roulette-Tisch“ des Lebens gibt – je nach dem, wie die Kugel fällt, habe ich Glück oder nicht. Das ist natürlich nur ein Bild für etwas, dass ich nicht erklären kann, aber irgendwie gefällt es mir.
Soweit ich das sehe, gibt es außerdem zwei Fraktionen in der Glücksdiskussion: die einen, die meinen, Glück ist etwas, das (durch eine nicht näher benannte Kraft) willkürlich unter den Menschen verteilt ist und die andere Fraktion, die glaubt, dass jeder absolut selbst für sein Glück verantwortlich ist. Je nach dem, wie es mir geht, tendiere ich eher zum einen oder anderen, aber entschieden habe ich mich nie zwischen den zwei Lagern.
Goethe sagt:
„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
denn das Glück ist immer da.“
Er war also offenbar der Ansicht, dass es jedem Einzelnen obliegt, sein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Und von Heinrich Heine stammt der Satz: „In uns selbst liegen die Sterne des Glücks.“ Blöderweise muss ich bei solchen Botschaften immer an Kinder in Slums oder Krebskranke denken und frage mich, ob es nicht sehr zynisch ist, so über Glück zu reden.
Denn selbstverständlich bin ich der Ansicht, dass jedem Menschen eine ordentliche Portion Glück gebührt. Und es gibt ja auch eine Menge Ratgeber und Selbsthilfeliteratur, die vermeintliche Glücksformeln und -wege propagieren. Auch diese finde ich oftmals zynisch, denn so sehr ich mich bemühe, es gelingt mir nicht, Glück als etwas zu betrachten, dass für jeden immer da ist. Dabei setze ich Glück nicht mit Wohlstand gleich, aber doch tatsächlich mit Sicherheit, Gesundheit und einem gewissen Spielraum bzw. der Freiheit, das Leben selbst zu gestalten. Bin ich arrogant, weil ich mir ohne diese Faktoren Glück kaum vorstellen kann? Vielleicht. Dennoch wird mir regelmäßig schlecht, wenn Indien-Reisende zurückkehren, mit leuchtenden Augen von der Herzlichkeit und dem Glück schwärmen, dass sie im Kontakt mit den Einheimischen erfahren haben, ja es bricht geradezu eine Glückseligkeit aus ihnen hervor, die sie auf die unglaubliche Zufriedenheit der Inder trotz der Armut zurück führen. Nunja, denke ich dann immer, wenn man die Kaste der Unberührbaren, die auf Verkehrsinseln und Bürgersteigen leben, ignorieren kann…
Der World Happiness Report von 2017 hat die Norweger als glücklichstes Volk der Welt identifiziert, gefolgt von Dänemark, Island, Schweiz und Finnland. „Dabei betonen die Forscher, dass persönliches Glück stark mit dem Zustand der Gesellschaft und dem sozialen Umfeld verbunden sei. Großzügigkeit, Solidarität, Freiheit für eigene Lebensentscheidungen und Vertrauen in Regierung und Behörden seien wichtige Faktoren für individuelles Glücksgefühl.“ (Tagesspiegel vom 20.3.2017)
Ist Glück also doch mehr von Äußeren Faktoren abhängig als Goethe und Heine das sahen? Ich glaube, ja. Natürlich hilft es, Optimist zu sein und die Augen für die Schönheit der Welt zu öffnen. Aber würde ich das auch einem schwer Kranken sagen? Öffne doch mal Deine Augen für das Schöne? Eher nicht, auch wenn es zahlreiche Berichte gerade von Kranken gibt, dass sie durch die Krankheit (wieder) gelernt haben, vor allem das Glück in kleinen Dingen zu erkennen. Persönlich halte ich das für Level 100 in der Kunst des Lebens, das man aber niemandem „verschreiben“ kann, besonders da der Umgang mit Krankheit individuell sehr verschieden ist.
Ich folgere also, dass es zwar am Einzelnen liegt, wie er sich und die Welt in jedem Moment seines Daseins betrachtet – dass aber zu einer optimistischen, Glück verheißenden Selbst- und Welt-Betrachtung auch gewisse äußere Faktoren gehören. Wer sich um Leib und Leben Sorgen machen muss oder darüber, woher er die nächste Mahlzeit bekommt, wird es mit dem Glück vielleicht schwerer haben, als jemand der in Sicherheit und Wohlstand lebt.
Um Glück zu haben muss man Glück haben. – Mit der richtigen inneren Haltung zieht man das Glück an. Was stimmt denn nun? Nun, ich vermute, das Leben ist eine Mixtur aus beidem und was Schicksal, Glück oder Zufall ist, wird uns Menschen eher verschlossen bleiben.
Mir gefällt daher, was Arthur Schnitzler über das Glück sagte:
„Alles, was die Seele durcheinanderrüttelt, ist Glück.“ – Genau, und damit ist es egal, woher es kommt, oder nicht?
Und so wünsche ich mir und Euch das ein oder andere gerüttelt werden und verbleibe herzlichst,
Eure Merle