Ein Schubs ins Leben

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Wie schon an anderer Stelle in diesem Blog geschrieben, bin ich ein Mensch, der Veränderungen nicht mag. Nun ist es aber so, dass das Leben selbst Veränderung ist und wir können uns diesen nicht auf ewig entziehen. In zwei Bereichen meines Lebens habe ich sehr lange nicht gewagt, Veränderungen vorzunehmen – und jetzt sieht es so aus, dass mir die eigene Initiative aus der Hand genommen wurde. Ich habe den leisen Verdacht, dass unsere Seele (oder vielleicht doch das Leben bzw. das Große Ganze selbst?) es früher oder später nicht mehr mit ansieht, wenn wir zu lange stagnieren. Dann wird ein neuer Würfel ins Spiel gebracht und die Karten werden neu gemischt.

18 Jahre war ich bei meinem Arbeitgeber angestellt und ich war davon ausgegangen, dass ich nach meiner Zeit des Aussetzens dort noch angestellt sein würde – Pustekuchen! Zusammen mit einer dreistelligen Zahl an Kollegen werde ich in eine Abstellgleis-Firma umorganisiert und wie es auf längere Sicht weiter geht, weiß kein Mensch. Gut, in diesem Fall denke ich mir, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich gezwungen werde, mich um Alternativen zu kümmern, auch wenn das nicht leicht wird.

Aber dass ich eventuell aus meiner Wohnung hinaus muss, in der ich 14 Jahre sehr zufrieden gelebt habe, dass nehm ich dem Groupier des Lebens übel. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass hier noch nichts genaues feststeht. Doch es sieht ganz danach aus, als ob unser Haus luxussaniert wird und davon abgesehen, dass ich keine Ahnung habe, wo ich während der Sanierung unter kommen würde, ist die zu erwartende Mieterhöhung für mich nicht machbar. Es ist ein Jammer, dass der vorherige Besitzer das Haus an eine Baufirma verkauft hat. Die sozial verträglichen Mieten wurden jetzt schon saftig erhöht und es ist unklar, wie es weiter gehen wird. Aber das eine Baufirma eine Mietimmobilie zur reinen Bestandswahrung kauft, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Und so bin ich also durch diese zwei neuen Entwicklungen aufgeschreckt und mitten ins Leben geschubst worden und muss mich nun darum bemühen, den weiteren Weg möglichst selbst zu gestalten. Wobei in meiner Stadt die Wohnungssuche relativ wenig Raum für eigene Gestaltung lässt. Bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware und ich hatte bisher eigentlich nicht vor, aus der Stadt zu ziehen. Alles, was mir im Alltag wichtig ist, ist fussläufig oder mit einer kurzen Busfahrt erreichbar und auch wenn sich unser Viertel in den letzten Jahren nicht so vorteilhaft entwickelt hat, wohne ich doch eigentlich immer noch gerne hier.

Andererseits fange ich nun an, über neue Möglichkeiten nachzudenken. Sowohl beruflich als auch die Wohnlage betreffend. Es scheint nun nicht mehr außer Frage zu stehen, dass ich nochmal eine Ausbildung beginne und eigentlich träume ich schon länger davon, mehr Grün und mehr Ruhe um mich herum zu haben. Also, ich wollte jetzt nicht aufs Dorf ziehen, aber vielleicht gibt es ja was zwischendrin. Vielleicht ist auch eine WG möglich? Warum nicht?

Ich erkenne also, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn sich Türen schließen, es keimt die Hoffnung in mir auf, dass sich dadurch tatsächlich neue Türen öffnen. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich mir einen Umzug gar nicht vorstellen möchte – wer hat eigentlich den ganzen Kram über all die Jahre in meiner Wohnung abgestellt und warum ist trotz diverser Entrümpelungen immer noch so viel davon übrig? Wieviel Kartons würde ich brauchen? 50 Stück oder mehr? Ein Albtraum.

Und will ich mit Mitte 40 wirklich nochmal die Schulbank drücken? Schaffe ich es, mich wieder als Schüler einzufügen und zu konzentrieren? Gibt es etwas, dass mein Interesse derart weckt? Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass es ob des späten Renteneintritts-alters sicher nicht zu spät ist, im Beruf nochmal von vorne anzufangen, aber halte ich das durch? Ich weiß es nicht und mich beschleicht das mulmige Gefühl, dass man manche Sachen schlicht ausprobieren muss, erst dann ist man schlauer.

Es stehen also einige Veränderungen an und ich versuche wirklich, mich mit Mut und beherzt eben diesen zu stellen. Doch leicht fällt mir das nicht, denn es werden Entscheidungen notwendig sein, die ich treffen muss, ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Das behagt mir gar nicht. Etwas altklug erzähle ich mir selbst, dass das eben so ist mit dem Leben. Ja, ja, denke ich, ich komme mir trotzdem extrem schlecht darauf vorbereitet vor.

Ich erinnere mich, dass ich als Kind oft die Erwachsenen betrachtet habe und mich gefragt habe, auf welchem Wege man eigentlich all die Dinge lernt, die von einem Erwachsenen gefordert werden. Für sich selbst Verantwortung übernehmen, für Kinder die Verantwortung übernehmen, ein Zuhause errichten, für sich sorgen, Geld verdienen, Bürokratie erledigen, für das Alter vorsorgen und und und. Ich bin schon früh zu dem Schluss gekommen, dass man das nirgends lernt sondern dass irgendwann einfach erwartet wird, dass man das kann. Nun ist es so, dass ich von mir durchaus behaupten kann, in den meisten Bereichen ziemlich lebenstüchtig zu sein. Ich bin in der Regel gut organisiert, erledige alle möglichen Dinge schnell und mache auch meine Steuererklärung selber, wenn auch nicht ganz so schnell… dennoch ist über all die Jahre nie die unterschwellige Angst gewichen, ich könnte einen groben Fehler begehen, etwas vergessen oder sonstwie Murks bauen. In manchen Momenten fühle ich mich immer noch wie ein Kind das sich fragt, „wie geht das eigentlich?“

Dass vieles nicht nach Plan verläuft, auch wenn man sich noch so bemüht, das habe ich inzwischen verstanden. Und dass das Leben einen immer wieder vor neue Herausforderungen stellt, ist mir auch klar. Trotzdem oder gerade deshalb wünschte ich mir ab und an eine Art von Cicerone: einen weisen Experten des Lebens, den man zu Rate ziehen kann und der einem kundig hilft, Entscheidungen zu treffen.
Das wäre schön!

Und dann wieder denke ich, dass es an mir ist, durch mein Leben meine eigene Weisheit zu sammeln – und das ist genau richtig so!

Ich wünsche Euch einen angenehmen Abend und verbleibe

Eure Merle

 

 

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