
…da schlafe ich für gewöhnlich. Ich gehe gerne früh ins Bett und finde es zunehmend angenehm, morgens früh aufzuwachen und den Tag in aller Stille beginnen zu können. Schlafen lege ich mich so zwischen neun und zehn Uhr abends und manchmal gehe ich sogar schon um acht ins Bett, einfach weil ich diesen kuscheligsten aller Orte liebe und es genieße, noch ein bis zwei Stunden im Bett liegend zu lesen. Zwölf Uhr nachts ist also für mich wirklich eine Zeit des Schlafens – das war nicht immer so. Früher war ich eine Nachteule und ging zum Teil unter der Woche erst nach Mitternacht schlafen, aber diese Zeiten sind bis auf wenige Ausnahmen, wenn ich etwas unternehme, vorbei und mein Umfeld weiß das auch und würde mich um diese Zeit weder anrufen noch an der Haustür klingeln.
Oder? Gestern Nacht klingelte es um zwölf an meiner Haustür und ich schreckte völlig irritiert aus dem Schlaf hoch. Es wurde nicht einmal geklingelt, nein, das Klingeln ging eine ganze Weile weiter. Zunächst war ich desorientiert und wütend – wer um alles in der Welt wagt es, um diese Zeit bei mir zu klingeln, so eine Unverschämtheit! Und dann mit so einer Ausdauer! Sehr verärgert stand ich auf und versuchte, aus dem Küchenfenster einen Blick auf den Ruhestörer oder die Ruhestörerin zu erhaschen, was mir aber nicht gelang. Ich überlegte: sollte ich aufmachen? Was wenn es ein Nachbar ist, der den Hausschlüssel vergessen hat? Doch dann erinnerte ich mich daran, dass erst vor wenigen Tagen eine seltsame Stimme durch die Gegensprechanlage auf gebrochenem Englisch versuchte, mir zu befehlen, ich solle die Tür öffnen. „Open door! I don’t have key, open door! I am worker!“ Nun muss man dazu sagen, dass das abends um acht war und wir keine Baustelle im Haus haben. Ich versuchte, in Erfahrung zu bringen, zu wem er denn eigentlich wollte, bekam aber keine Antwort außer ein erneutes, hingeblafftes „Open door!“ – Ich hatte die Tür nicht geöffnet, da mir das ganze höchst suspekt war.
Und nun klingelte also jemand um Mitternacht bei mir Sturm und ich hatte nicht den Anflug einer Ahnung, wer das sein könnte. Ein lange verflossener Freund, der tatsächlich die Angewohnheit hatte, zu unmöglichen Zeiten zu klingeln? Nein, das war definitiv zu lange her. Doch jemand aus meinem Freundeskreis der aus irgendeinem Grund dringend Hilfe benötigte? Aber würde er oder sie dann nicht auf dem Handy anrufen? Oder doch nur ein betrunkener Nachtschwärmer, der sich in der Tür oder im Namensschild geirrt hatte?
Während all diese Gedanken durch meinen Kopf zogen, bemerkte ich, dass ich vor lauter Müdigkeit und Verärgerung noch gar nicht an die Gegensprechanlage gegangen war, um zu fragen, wer da ist. Wollte ich das überhaupt? Nein, ich wollte es nicht und tat es auch nicht. Ich war mir sicher, wenn es jemand wäre, den ich kenne, hätte ich einen Anruf oder eine SMS bekommen.
Ich beglückwünschte mich zu meiner konsequenten Haltung und ging wieder ins Bett. Aber jetzt ging das Kopfkino erst los! So sehr ich mich auch bemühte, das ganze zu vergessen und wieder einzuschlafen, es gelang mir nicht. Ständig kreisten die Fragen durch meinen Verstand der verzweifelt versuchte, herauszufinden, wer das gewesen sein könnte. Jetzt wurde ich wütend auf mich selbst, denn so blöd kann ja gar niemand sein und sich über so etwas weiter den Kopf zu zerbrechen! Unmöglich, durch Grübeln zu erahnen, wer da geklingelt hatte. Und überhaupt war das doch vollkommen wurscht! Aber was, wenn jemand Hilfe gebraucht hätte? Dann hätte ich wahrscheinlich gehört, wie es auch in den anderen Wohnungen klingelt (das hört man bei uns im Haus). Also alles gut. – Aber neugierig bin ich auch, ich hätte so gerne gewusst, wer da an der Tür war!! Aha, daher weht der Wind…
Und so guckte ich um eins das letzte Mal auf die Uhr, als meine Gedanken sich langsam beruhigten und mein System sich allmählich wieder auf schlafen einstellte. Was mich bis heute beschäftigt, ist, dass mich so eine kleine, unbedeutende Begebenheit so lange beschäftigen kann. Unglaublich! Heute komme ich mir richtiggehend albern vor und frage mich, warum das ganze so viel Unruhe in mir verursachen konnte. Jedenfalls hat keiner meiner Freunde sich heute beschwert, dass ich ihn oder sie nicht hinein gelassen habe, deshalb war es offenbar richtig, die Tür nicht zu öffnen.
Jedenfalls hoffe ich, dass es sich um eine einmalige Angelegenheit gehandelt hat, denn ich traue mir zu, beim nächsten mal höchst unwirsch zu reagieren -ich mag es nunmal nicht, wenn man mich aus dem Schlaf reißt!
Nun denn, mit diesem Anekdötchen wünsche ich Euch noch einen schönen Sonntag und morgen einen guten Start in die Woche!
Eure Merle