Hallo, schlechte Laune!

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Lernen Sie die neue Glücksformel kennen! Entspannung im Alltag! Mehr Erfolg durch positives Denken! 10 Tips für gute Laune! So bewältigen Sie jeden Stress! – Kommt Euch das bekannt vor? Ich kann sie nicht mehr hören oder lesen, die unzähligen Artikel und Selbsthilferatgeber zur Selbstoptimierung. Da werden Affirmationen, Programme und Gefühls-Diäten verschrieben, die alle das erklärte Ziel vor Augen haben, den Menschen so fröhlich und gut gelaunt und erfolgreich wie möglich zu machen. Sich gestresst fühlen, schlechte Laune haben, negative Gedanken und Trauer gehören nicht zu diesem Menschenbild. Wenn es ganz schlimm kommt, erhält das Ganze noch die Überschrift „Achtsamkeit“ und es werden mehr oder minder geeignete Meditationen angeboten.

Nicht, dass Ihr mich falsch versteht – ich bin ein Freund von Achtsamkeit und auch von Meditation – aber alles im angemessenen Maß und Rahmen und vor allem: zur Achtsamkeit gehört auch die Akzeptanz, wenn nicht gar radikale Akzeptanz – also auch das Annehmen von negativen Gedanken und schlechter Laune. Ich wehre mich gegen das Diktat des Opitimismus und der Fröhlichkeit und plädiere für ein gleichberechtigtes Leben aller Gefühlzustände, die nunmal zum Leben dazu gehören. Wenn ich traurig bin, möchte ich traurig sein dürfen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich gehen lassen will oder mich gar in unangenehme Gefühle hineinsteigere – nein. Aber auch diese dürfen sein und wollen gesehen werden.

Was all die Glücks- und Gemütsratgeber nicht bedenken ist, dass es einen wahnsinnig unter Stress setzt, wenn man Anleitungen zum glücklich und/oder erfolgreich heiter sein vor sich hat, sich an die Schritte hält – und sich das gute Gefühl einfach nicht einstellen mag. Dann fühle ich mich erneut schlecht, weil ich etwas nicht geschafft habe, was angeblich doch funktionieren soll. Dabei ist es eben gerade nicht so, dass positive Gedanken automatisch zu positiven Gefühlen führen. Das ist ein Trugschluss. Es mag mal funktionieren, dass man sich selber coached und sich zum Beispiel in einer Prüfungssituation vorher ermutigende Sätze sagt, statt sich Versagens-Glaubensätze zu erzählen. Aber dass jede schlechte Stimmung, vor allem dauerhaft, durch Positivdenken und Affirmationen überwunden werden kann, das ist doch eher ein Märchen.

Wir Menschen sind nunmal keine Automaten, bei denen man Knöpfe drückt und dann kommt das gewünschte Ergebnis heraus. Anstatt die eigenen Gedanken zu verbieten und sich um jeden Preis schöne, positive Gedanken zu verordnen (was an Selbstverleugnung grenzt), ist es viel menschlicher und langfristig zielführender, sich die eigenen Gedanken anzuschauen und weiter ziehen zu lassen – wenn möglich ohne Bewertung! Denn schlussendlich – und das wird eigentlich auch in guten Meditationskursen beigebracht – geht es darum, die Gefühle und den inneren Monolog bzw. die inneren Stimmen nicht mehr in positiv oder negativ einzuordnen sondern neutral zu betrachten und nicht daran festzuhalten. Ja, das gilt auch für die angenehmen Gefühle und Gedanken. Diese ziehen zu lassen und einfach da sein zu lassen, was da ist – das ist Achtsamkeit, und nicht der ständige Versuch, unangenehme Gefühle wegzuschieben.

Aber diese nicht mehr ganz neue, Küchen-psychologische Mode kommt bei vielen Menschen gut an. Klar, jeder möchte sich gut fühlen und im Umfeld gut ankommen. Die frage ist nur, komme ich damit immer auch bei mir selber an, und das würde ich verneinen. Authentisch ist, wer souverän durch die eigenen Gefühlswelten schippert und ein mitfühlender Kapitän ist. Wenn ich mir meine schlechte Laune verbiete und versuche, diese mit gegensätzlichen inneren Reden zu überwinden, nehme ich erstmal einen guten Teil von mir selbst nicht wirklich ernst. Bei mir führt das dazu, dass die unangenehmen Gefühle noch stärker werden. Die miese Laune hingegen wahrzunehmen und erstmal anzuerkennen, dass sie da ist und warum, führt eher dazu, dass ich mich anschließend besser fühle.

Leider gibt es eine Tendenz, unangenehme Gefühle, Trauer und schlechte Stimmung als Versagen zu betrachten. Jung, sportlich, dynamisch und heiter gestimmt soll der moderne Mensch sein. Bitte keine Auseinandersetzung mit emotionalen Abgründen und schon gar nicht mit den unschönen Seiten des Lebens. Dabei gibt es wirklich viele gute Gründe, schlecht gelaunt und traurig zu sein, das Leben bietet so viele Hindernisse und Unwägbarkeiten, da kann einem das Lachen schon mal im Halse stecken bleiben. Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass ich nicht für eine Kultur des Pessimismus plädiere und auch nicht dazu ermutigen möchte, sich in schlechte Stimmung hineinfallen zu lassen. Ich plädiere für eine Psychohygiene, die das „sowohl als auch“ ernst nimmt, die alle Farben der Gefühlswelt zulässt und nicht versucht, durch Zwangsoptimismus gute Laune zu verbreiten. Alles hat seine Zeit und seinen Raum.

Und natürlich dürfen andere Menschen auch mitbekommen, wie es mir wirklich geht. Nicht, weil ich meine Laune an anderen auslasse sondern weil ich z.B. ehrlich zu sein versuche, wenn jemand mich fragt, wie es mir geht. Wie oft sagen wir, „ja, passt schon“ oder „danke, gut“ – obwohl das bei näherem Hinsehen gar nicht stimmt? Sicher, der ein oder andere guckt vielleicht schräg, wenn er eine ehrliche Antwort bekommt, aber dann soll man mich bitte nicht fragen, wenn man die Reaktion nicht aushält.

Es ist oft nicht einfach, mit den eigenen Emotionen zu leben, besonders, wenn wir funktionieren müssen, wenn eine bestimmte Leistung von uns erwartet wird oder ein bestimmtes Ereignis bevor steht, das wir durchstehen müssen. Ich persönlich möchte es mir nicht noch schwerer machen, indem ich versuche, meine Gefühle zu verdrängen, das bindet viel zu viel Energie. Einfacher ist es, ehrlich zu sich zu sein und achtsam zu beobachten, wie sich mein Innenleben beruhigt, wenn ich ihm wohlwollende Aufmerksamkeit schenke und vorbei ziehen lasse, was ohnehin in Bewegung ist. Mich hat es immer halb wahnsinnig gemacht, wenn ich versucht habe, durch positive Affirmationen dunkle oder traurige Zeiten zu durchqueren; ich kam mir immer vor, als würde ich mich selbst betrügen.

Von daher sage ich: herzlich willkommen, schlechte Laune! Mal sehen, wo es uns heute hinträgt und eines kann ich mit Gewissheit sagen: Seitdem ich meine eigene schlechte Stimmung akzeptiere, bin ich auch anderen gegenüber toleranter und mitfühlender geworden… wenn das keine positive Entwicklung ist…!

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine gute Zeit mit Euch selbst und verbleibe

Eure Merle

 

 

2 Gedanken zu „Hallo, schlechte Laune!“

  1. meiner erfahrung nach darf schlechte laune nebst anderen missbefindlichkeiten natürlich sein.
    ABER … wie oft sind sie wirklich angebracht? sind wir neuzeitlichen mitteleuropäer, denen es überdurchschnittlich gut geht, nicht allzu oft reichlich nörgelig bei schon ganz kleinen problemen?
    ich preise in diesem zusammenhang das alter, das mich von vielen zwängen befreit hat. ich muss gar nicht mehr so viel, und schon gar nicht, irgendwem imponieren. aber ich weiß auch, dass es mir schon in jungen jahren (nach einer wirklich miesen phase) nahezu schlagartig besser ging, als ich mir gestattete, mich weniger verhaltenszwängen anzupassen und stattdessen mehr ich zu sein. das kann sogar spaß machen und authentizität ist ein wahrhafter gesundmacher.
    und, ja, auch positive affirmation, vielmehr das bewusstmachen positiver dinge im leben (die man sich gar nicht herbeireden muss) hilft. ich jedenfalls sage täglich mehrfach laut (natürlich mehrheitlich, wenn ich allein bin) vor mich hin, wie gut es mir geht.
    hat das nicht wirklich prima geschmeckt? ist es nicht toll, wenn man verkürzt und oder von zu hause arbeiten kann? ist es nicht saugemütlich, sich zu hause einzumuggeln? undundund. das müssen gar keine so wahnsinnig großen dinge sein, die man sich da vor augen führt. nur gut müssen sie sein. und eigentlich ist unser leben so voll von diesen guten dingen.

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    1. Ein absolutes JA! zu allem, was Du geschrieben hast! Ich habe persönlich mit Affirmationen keine so gute Erfahrung gemacht, aber ich würde das auch stark unterscheiden von „ich mache mir positives bewusst“. Und das ist natürlich eine wichtige Ressource. Ich hoffe, bei meinem Beitrag wurde deutlich dass ich das UND oft vermisse in vielen Ratgebern – ich glaube, es ist wichtig, mit unangenehmen Stimmungen ehrlich umzugehen und sich diese einzugestehen, statt sie wegzudenken. Aber jedem, dem es hilft, sei das natürlich unbenommen, ich persönlich glaube, dass das eben keine langfristige Zufriedenheit schafft… liebe Grüße, Merle

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