Die Gretchenfrage

dav

Darüber sprechen oder schweigen? Klären oder aussitzen? Offenheit oder Vorsicht? Eigentlich gleich drei Gretchenfragen!

Ich hatte mich für sprechen, klären und Offenheit entschieden und jetzt bin ich mir nicht sicher, ob ich das nicht zutiefst bereue, denn meine Worte wurden missverstanden, ein wenig verdreht und heraus kam ein neues Gebilde, eine Vorstellung von den angesprochenen Dingen, die wenig mit dem zu tun hatte, worum es mir ging.

Es geht um eine langjährige Freundschaft, die nach meinem Empfinden in der letzen Zeit extrem abgekühlt war und in der meine Freundin immer weniger Zeit hatte und wir uns kaum noch trafen, weil besagte Freundin solche Treffen immer wieder abgesagt hat. Die Gespräche veränderten sich ebenfalls und mit jedem Mal, dass wir uns trafen, fragte ich mich, was eigentlich nicht in Ordnung ist. Bis ich heute schließlich meinen Mut zusammen nahm um mit ihr über unsere Freundschaft zu sprechen. Wir kennen uns schon lange und sie ist mir sehr wichtig, also dachte ich, ein Gespräch kann nicht schaden. Im Nachhinein denke ich, dass Worte manchmal mehr Schaden anrichten können, als  man glauben möchte.

Ich sprach sie darauf an, dass wir uns nur noch selten sehen und dass unsere Gespräche nach meinem Empfinden kaum noch um persönliche Themen gingen sondern vor allem um die Arbeit oder kulturelles Zeitgeschehen und fragte sie direkt, ob sie unsere Freundschaft noch aufrecht erhalten wolle oder ob ihr eine lose Bekanntschaft lieber wäre. Und ob ihr auch aufgefallen ist, wie sich unsere Freundschaft verändert hätte. – Ich habe mit allen Reaktionen gerechnet, aber nicht mit dem, was dann kam. Meine Freundin fiel aus allen Wolken, sie habe unsere Freundschaft nie in Frage gestellt, und wieso ich jetzt eine Entscheidung zwischen Freundschaft und Bekanntschaft haben wolle, sowas wäre ihr nie in den Sinn gekommen…

Ich betonte, dass ich keine Entscheidung um der Entscheidung willen haben wollen würde, sondern dass mir lediglich wichtig wäre zu wissen, ob ihr an unserer Freundschaft noch etwas liegt, da sie ja aber diese nie in Frage gestellt hat, sei das wohl offensichtlich noch der Fall, was mich sehr freuen würde.

Doch leider war es jetzt schon geschehen: ich hatte meine Frage als Entscheidungsfrage formuliert und in Betracht gezogen, ihr könnte unsere Freundschaft nicht mehr wichtig sein – woraufhin sie nun tatsächlich anfing, unsere Beziehung zueinander anzuzweifeln und sich zu fragen, ob das so alles noch Sinn macht. Es sei ja wohl tatsächlich was im Argen.

Und hier kommt die echte Gretchenfrage: habe ich mit meinen Worten schlafende Hunde geweckt? War da schon ein Riss und ich habe ihn frei gelegt? Oder habe ich mit meinem Gesprächsansinnen erst etwas in die Welt gebracht, was vorher gar nicht existent war? Hätte ich keine Frage gestellt, hätte niemand nach Antworten gesucht und nach einer Weile wäre unsere Freundschaft vielleicht wieder inniger geworden.

Und während der Abend fortschreitet, rätsle ich hin und her und zerbreche mir den Kopf, was natürlich überhaupt nichts bringt, aber ich kann grad nicht anders. Ich bin eigentlich eine glühende Verfechterin der Haltung: Leute, sprecht drüber, das macht alles einfacher. Aber vielleicht ist es manchmal doch besser, die Dinge nicht anzusprechen, die Begebenheiten im Vagen zu belassen und nicht mit Worten festnageln zu wollen, besonders wenn es um Gefühle geht? Aber nein, sobald ich diesen vorhergehenden Satz lese, sitze ich Kopf schüttelnd da und es ruft laut in mir: darüber reden!

Und warum ist darüber reden so wichtig? Weil wir nicht in den anderen rein gucken können und weil Gedanken lesen noch nicht so weit verbreitet ist. Es gehört offenbar zum Lebensrisiko dazu, dass wir die Macht über unsere Worte verlieren, in dem Moment, in dem sie unseren Mund verlassen. Was der andere dann daraus macht, wie er sie versteht, welche Gedanken und Reaktionen das hervorruft, entzieht sich völlig unserer Kontrolle. Als nach Harmonie strebender Mensch nehme ich mir immer wieder vor, manches nicht anzusprechen – als jemand, der ein großes Bedürfnis nach Klarheit und Aufrichtigkeit hat, tue ich es dann doch immer wieder. Und muss lernen damit umzugehen, dass Worten Taten folgen können, die nach meinem Empfinden nicht angemessen sind oder sogar auf einem Missverständnis beruhen.

Dieser Umstand schmeckt mir gar nicht, doch ändern kann ich es nicht, schon gar nicht um die Uhrzeit. Aber ich werde zukünftig besser auf meine Wortwahl achtgeben und mich noch mehr darum bemühen, mich klar auszudrücken, in der Hoffnung, dass meine Worte so schnell nicht wieder zum genauen Gegenteil dessen führen, was ich mir erhoffe oder wünsche.

All dies in Betracht ziehend wünsche ich meinen Leserinnen und Lesern viele gute Gespräche, noch einen schönen Abend und morgen einen guten Start in die Woche!

Herzlich,
Eure Merle

 

 

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